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Die Wahrheit · 1927-08-19 · Heft 34 (19.8.1927) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 34 (19.8.1927)
Date
1927-08-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 liKlili DIE WAHRHEIT doch nicht übersehen, daß nicht nur im Sinne, sondern auch nach dem Wortlaute der Thora, der richtige Mensch nicht nur nicht gleichgültig bleiben dürfe, wenn ein anderer fällt, sondern sich sogar hilfreich erweisen müsse, wenn der Esel seines Feindes fällt. Wenn Frau Dr. Schwarzwald das Bedürfnis empfindet, sich über den „innersten Kern" des Christentums zu äußern, sollte sie, als Jüdin, doch vielleicht es nicht für unwesentlich halten, sich zuvor auch einige Klarheit über den „innersten Kern" des Judentums zu verschaffen. * * * Ein Redakteur der antisemitischen „Schlesischen Volksstimme", hatte sich kürzlich vor dem Großen Schöffensenat in Breslau wegen Gotteslästerung zu verantworten, weil er in einem Artikel die den Juden heilige Bundeslade beschimpft hatte. Das Gericht verurteilte den völkischen Schriftleiter zu einer Geldstrafe von 140 Mark. Wenn die antisemitischen Blätter in Oesterreich wegen jeder Beschimpfung und Besudelung der jüdischen Religion zu einer Geldstrafe verurteilt worden wären, wäre längst entweder die antisemitische Presse oder aber das — Defizit im österreichischen Staatsbudget verschwunden. * * * Ein interessanter Versicherungsprozeß beschäftigt gegenwärtig die ungarischen Richter. Der Oberleutnant Lederer, der einmal auch ohne „patriotischen Uebereifer" lediglich aus gemeiner Gewinnsucht einen Mord an einem christlichen Schweihehändler verübt hatte, wurde bekanntlich zum Galgen verurteilt. Seine Erben versuchen nun, auf Grund seiner Lebensversicherungspolizze, die auch den Fall „einer gewalttätigen äußeren Einwirkung" gelten ließ, sich ein hübsches Sümmchen zu sichern. Die Versicherungsgesellschaft vertritt den Standpunkt, daß sie bei einem Offizier diese „gewalttätige äußere Einwirkung" nur auf dem Felde der Ehre denkbar gehalten, und will nicht zahlen. Galgen und Feld der Ehre, das sind allerdings Begriffe, die schwer miteinander zu verbinden sind. Hätte der rassenschützlerische Hugo Lederer sich, gleich manchem anderen seiner Gesinnungsgenossen darauf beschränkt, Juden aus der Welt zu befördern, wären ihm diese peinlichen Geschichten erspart geblieben. Für den einen Teil seiner Lebensversicherung wäre gesorgt gewesen durch die politische Amnestie, die so manchen, der nicht besser war, vor dem Galgen rettete. Und nach seinem späteren Tod in allen Ehren hätten seine Erben keinen Prozeß mit der Assekuranzgesellschaft wegen des Geldes zu führen gebraucht. _ Ego. Die Juden in der Chemie. Von Rudolf Seiden. Mödling. 4. Franz Leopold Sonnenschein (geboren 1817 zu Köln, gestorben 1879 in Berlin) hatte in seiner Geburtsstadt Pharmazie studiert und begründete, kaum zwanzigjährig, in Berlin ein Laboratorium zur Vorbereitung von Apothekern für das Staatsexamen; daneben studierte er aber noch Chemie; er wurde 1852 Dozent, später Professor in Berlin. Sonnenschein machte sich bald einen guten Namen durch Ausarbeitung vieler neuer technischer Untersuchungsmethoden, insbesondere auf dem Gebiete der analytischen und gerichtlichen Chemie. Er genoß in Fachkreisen größtes Ansehen — heute ist er, leider, nur mehr wenig bekannt Ein gebürtiger Wiener (1857) ist Prof. Dr. phil. et Ing. h. c. Edmund 0. v. Lippmann, durch viele Jahre Direktor der Zuckerraffinerie in Halle. Er zählt zu den ersten Fachmännern der Zaickermdustrie, in der er mehr als 40 Jahre tätig war. Abgesehen von. interessanten Büchern (über Goethe) und zur Geschichte der Alchemie und Chemie, verfaßte er grundlegende Werke aus 'seinem engeren Forschungsgebiet („Chemie der Zuckerarten", „Analyse der Zuckerprodukte" u. a. m.). Der Erfinder der Aluminothermie wurde Hans Goldschmidt (geboren 1861 zu Berlin). Die Aluminothermie ermöglicht die Erzeugung hoher Temperaturen ohne äußere Wärmezufuhr — lediglich mittels Aluminiumpulver. Der praktische Wert der Erfindung liegt vor allem darin, daß das Aluminium viele Oxyde zu Metallen reduziert, und zwar unter Entwicklung großer Wärmemengen; die Reduktion schreitet von selbst fort, wenn sie einmal eingeleitet wurde; dies erfolgt durch „Zündkirschen" (Magnesiumband und Verbindungen, die leicht Sauerstoff abgeben, z. B. Kaliumchlarat). Erst die Aluminothermie gestattete die Herstellung reiner, vollständig kohlenstoffreier Metalle (insbesondere Eisen, Chrom, Mangan). Was d'.e Aluminothermie für die metallverarbeitende Industrie bedeutet, braucht nicht erst ausgeführt zu werden; zum Beispiel werden durch dieses Verfahren Eisenbahnschienen geschweißt, Eisenbolzen mit Leichtigkeit weißglühend gemacht; das Chrom hat seine Bedeutung erst seit dem Bekanntwerden der Goldschmidt'schen Erfindung erlangt (Ende des vorigen Jahrhunderts), früher konnten nur kleine Mengen dieses Elementes aufgearbeitet werden. Ein hervorragender Physiker —r übrigens auch Nobel- Preis-Träger für Physik — ist Gabriel Lippmann (geb. 1845 in Luxemburg), der hier wegen seines ausgezeichneten photo chemischen Verfahrens angeführt sei, Wer je mit der Eisenbahn fuhr und zur Waggonbeleuchtung aufschaute, las auf den Lampenschirmen den Namen des Großindustriellen Julius Pintsch. Im Jahre 1867 glückte ihm diese bedeutsame Erfindung, die sofort von den Eisenbahnverwaltungen aufgegeben wurde. 1876 führte Pintsch auch die Schiffahrtszeichen mit Gas ein. Prof. Lassar-Cohn ist vor allem durch seine populäTwissenschaftlichen Bücher und Vorträge weit über die Grenzen Deutschlands bekannt geworden. Sein verbreitetstes Werk ist „Chemie im täglichen Leben"; es wurde auch ins Hebräische. Englische, Estnische, Finnische, Französische, Italienische, Polnische, Portugiesische, Russische, Schwedische, Serbische, Slowenische!, Spanische und Tschechische übersetzt; ferner wurde es in die deutsche Blindenschrift übertragen. (In New-Yorker Schulen wird eine deutsche Ausgabe des Buches, mit englischen Anmerkungen versehen, als deutsches Lesebuch im Sprachunterricht benützt.) Seine Vei breitung verdankt das Werk dem Umstand, das es in leichtfaßlicher Forai die wichtigsten Ergebnisse der angewandten Chemie darstellt. Lassar-Cohn wurde 1869 zu Hamburg geboren; im Jahre 1924 starb er. Zu den bedeutendsten Chemikern der letzten Jahrzehute zählt Geheimer Regierungsrat Prof. Dr. phil. et med. Otto Wallach. dem im Jahre 1910 der Nobel-Preis verliehen wurde. Seine Forschungen über die Terpene und Kampfer haben die Eigenschaften eines großen und wichtigen Teiles der Chemie klargelegt lerpene findet sich besonders in Koniferen- und Citrus-Arten; unter anderem zählt das Eucalypten — aus Eukalyptusbäumen — hierher. Die meisten Terpene und Kampfer sind Gemische isomerer Verbindungen. Die Trennungsmethoden sind ziemlich schwierig; eine der besten stammt von Wallach. („Kristallisationsverfahren.") Ziemlich vergessen ist heute Hermann Julius Grüneberg, ein Industrieller, der — 1827 zu Stettin geboren — im Jahre 1877 einen ausgezeichneten Destillierapparat konstruierte, mit dessen Hilfe es möglich wurde, Gaswasser kontinuierlich auf Ammoniak zu verarbeiten.

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