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Die Wahrheit · 1927-08-19 · Heft 34 (19.8.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 34 (19.8.1927)
Date
1927-08-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT lIlllllllllüllllIIIIIIIIIIIIIlUilltlllOIMIII Tasche, aber der Gedanke, für den Bau an dieser so selbstverständlichen Grundlage der Arbeit noch werben zu müssen, ist fast unerträglich. Wenn so oft darüber geklagt wird, daß solche Versammlungen regelmäßig mit dem Appell um ein finanzielles Opfer schließen, so ist sicherlich der, dem dieser Mahnruf am bittersten ist, derjenige, der ihn ausstößt, der Redner selbst. Ist alles dies erledigt, so muß der oft aufs äußerste abgespannte Redner noch stundenlang im Kreise der Freunde zubringen. Er darf nicht müde sein, denn er hat auch hier im vertrauten Kreise für die Ideen seines Bundes zu werben und sie zu vertreten. Und nicht selten werden zu dieser Stunde und in solchem Kreise noch die wichtigsten Entscheidungen getroffen. Allerdings gibt es immer noch Menschen, die den Redner als eine Art wandernden Boten ansehen und möglichst auf seine erste freie Minute warten, um ihn zu fragen, ob er auch den und jenen, mit dem man verwandt sei, am anderen Orte kenne! Das ist Freud' und Leid des Redners, des jüdischen Redners. All diese Dinge treten bei jüdischen Rednern infolge der Eigenart der jüdischen Verhältnisse viel schärfer hervor. Von vielen bewundert, von vielen bejubelt, von vielen, vornehmlich von der Jugend, beneidet, führt er ein Leben, das reich ist an Leid, aber auch an Glück, wenn es auf Erfolge herabschauen kann. Nur ein Redner aber kann dauernd Erfolge erringen: der. der eine Persönlichkeit ist. Nur die Persönlichkeit zwingt und erringt die Hörer. Die Art seines Auftretens, die Fülle seines Wissens wirbt die Freunde und unterwirft die Gegner Das Entscheidende ist, daß dieser Redner nicht mehr der Abgesandte einer Organisation, sondern die Verkörperung der Idee des Bundes selbst ist. Und die Persönlichkeit hat schließlich auch nur die innere Kraft, den inneren Reichtum, der nötig ist, um all das Schwere, all die Enttäuschungen, die der Beruf mit sich bringt, zu überwinden. Daß diese Persönlichkeit Ludwig Holländer ist, wissen wir alle. Er ist der wahre Typ des jüdischen Redners. Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Frauenköpfe. Rebekka Gratz. (Nach Jos. Jacobs u. a.) Sie stammt aus Deutschland. Michael Gratz, ihr Vater, war Oberschlesier, Landsmann der Louise Devrient, geb. Schlesinger, die in ihren Memoiren davon erzählt, wie ihr Vater den Jomkippur gehalten hat, wie sie mit Salomon Heine, dem bekannten Onkel des Dichters, bekannt wurde u. a., was für die jüdische Zeitgeschichte von Belang ist. Gratz war in Langendorf im Jahre 1740 geboren. Kaum neuzehn Jahre alt, folgte er seinem Bruder Bernhard nach Philadelphia und betrieb mit ihm, mit David Franks, Joseph Simons u. a. das Geschäft eines Warenlieferanten für die Indianerhändler. Innerhalb weniger Jahre war Michael ein reicher Mann. Er führte die Tochter seines Geschäftsfreundes Simons heim, der, im Jahre 1740 nach Lancaster in Pennsylvanien gekommen, als einer der reichsten Kaufherren und der größten Grundbesitzer in Pennsylvanien und den westlichen Territorien in hohem Ansehen stand. Nach Beendigung des Freiheitskrieges zog er sich vom Geschäfte zurück -und widmete er sich ausschließlich der Verwaltung seines großen Grundbesitzes. In der jüdischen Gemeinde Philadelphia, zu der sein Bruder Bernhard gehörte, bekleidete er eine Reihe von Jahren das Amt eines Präsidenten. Sieben Jahre nach dem Tode seines Schwiegervaters, der das hohe Alter von zweiundneunzig Jahren erreichte, schied auch Michael aus dem Leben. Er hinterließ elf Kinder; eine seiner jüngsten Töchter war Rebekka, die den 4. MäTz 1781 in Philadelphia geboren wurde. In ihr vereinigten sich Geist, Talent und Schönheit. Sie hatte große, schwarze, mildleuchtende Augen, ein feines, edles Profil, eine Gestalt, in der sich Anmut und Würde paarten, Reize, die durch ihr elegantes und gewinnendes Benehmen noch erhöht wurden. Sanft, menschenfreundlich, von natürlichem Zartgefühl und innerer Reinheit nahm sie jeden für sich ein, der mit ihr in Berührung kam. Da sie zugleich die beste Erziehung genossen hatte, welche die Zeit und das Land ihr gewähren konnten, besaß sie alles, was sie zur Ausübung humaner und sozialer Pflichten befähigte. M«fflH«^ Seite 5 Rebekka Gratz wurde wegen ihrer Schönheit und ihres Geistes gefeiert nicht bloß in Philadelphia, wo ihres Vaters Haus der Sammelplatz der hervorragendsten Patrioten und ausgezeichnetsten Gelehrten war, sondern an allen Orten, die sie in Begleitung eines ihrer Brüder besuchte, bildete sie den Mittelpunkt eines vornehmen Kreises hochgebildeter Männer und Frauen. So oft sie bei ihrem Bruder Benjamin, dem Gründer der ersten Bank in Lexington, weilte, wurden ihr ganz besondere Ovationen gebracht. Henry Cley, einer der bedeutendsten, besonders in Raucherkreisen international bekannt gewordenen amerikanischen Staatsmänner, mit dem ihr Bruder innig befreundet war, gehörte zu ihren wärmsten Verehrern. Der Advokat Samul Ewing, aus hochangesehener Familie und selbst durch gesellschaftliche Stellung und Talente ausgezeichnet, bewarb sich, nach einer Ueberlieferung seiner Familie, um ihre Hand. Sie erwiderte seine Liebe, opferte aber ihr Glück an seiner Seite der Treue gegen ihren väterlichen Glauben. In seinen Sarg legte sie mit Einverständnis seiner Gattin drei Rosenknospen und ihr Bildnis. Sie selbst soll in einem Briefe an die Mutter ihrer Freundin Mathilde Hoffmann, der Braut Washington Irvings, diese romantischen Beziehungen zu ..Mr. E.", in dem Jacobs Ewing vermutet bestritten haben. Irving selbst verehrte sie aufrichtig. Der folgende Brief, durch welchen 'er einen jungen Künstler bei ihr einführte, drückt seine Hochachtung und Freundschaft für sie aus. New-York, den 4. November 1807. Ich habe kaum nötig, Ihnen den Ueberbringer, Mr. Sully, vorzustellen, da ioh überzeugt bin, daß Sie sich seiner gütigst annehmen werden. Er ist ein Mann, den ich sehr schätze, nicht allein wegen seiner künstlerischen Befähigung, sondern auch wegen seines liebenswürdigen Charakters und seines einnehmenden Wesens. Ich glaube, ihm keinen Dienst leisten zu können, für den er mir mehr danken sollte als den, ihn Ihrem gütigen Wohlwollen und dem der Ihrigen zu empfehlen. Mr. Hoffmann's Familie ist wohlauf und Sie sind oft der Gegenstand des Gespräches derselben. Bringen Sie mich allen lieben Ihrigen hl freundliche Erinnerung. Verzeihen Sie die Freiheit, welche ich mir genommen, und glauben Sie, daß ich bin mit wärmster Freundschaft Ihr ganz ergebener Washington Irving. Mathilde Hoffmann, die angebetete Freundin Irvings, war auch die teuerste Freundin Rebekkas. Während ihrer Krankheit, der sie im jugendlichen Alter von achtzehn Jahren erlag, war Rebekka beständig an ihrer Seite; sie starb in ihren Armen. Und diese Rebekka wurde von Walter Scott verewigt; Rebekka Gratz ist das Urbild der Rebekka in „Ivanhoe", die ihre Züge trägt bekanntlich auch die Ueberwindung übt, die Hand eines Nichtjuden, den sie liebt um ihres Glaubens willen auszuschlagen. Ein Jahr, bevor Walter Scott seinen Roman „Ivanhoe" schrieb, wurde Washington Irving durch den Dichter Campbell bei ihm eingeführt, Irving verlebte mit dem schon leidenden gefeierten Scott auf Abbotsford. dessen Landsitze, die schönsten Tage seines Lebens. In einem seiner häufigen Gespräche über persönliche und Familienangelegenheiten surach Irving von seiner und Mathilde Hoffmanns geliebten Freundin Rebekka Gratz in Philadelphia. Er schilderte ihre wunderbare Schönheit, erzählte von ihrer unerschütterlichen Glaubenstreue und rühmte ihre aufopfernde Philanthropie. Scott war davon tief ergriffen. Sein Entschluß war schnell gefaßt, diese edle Frauengestalt nach der von Irving erhaltenen Schilderung in „Ivanhoe" zu verewigen. In einem Briefe an Irving fragt er ihn: „How does your Rebecca compare with mine?" Nach einer Tradition in der Familie der gleichfalls vortrefflichen Rebecca Francs, auch in Philadelphia, soll diese das Urbild zu Scotts Rebekka von York geliefert haben. Doch liegt kern Grund vor, diese Ehre der Rebekka Gratz abzusprechen. Rebekka blieb unverheiratet. Mit ihrem gleich ihr unverheiratet gebliebenen Bruder Hyman, dem Gründer der Pennsylvanien-Akademie der schönen Künste in Philadelphia, einem Manne von hoher Intelligenz, inniger Liebe zum Judentum und zur jüdischen Wissenschaft, sowie von männlicher Schönheit, führte sie zusammen Haus und widmete sich gänzlich der Menschenliebe. Ihr ganzes Leben ist eine Kette edler Bestrebungen. Sie gründete das Waisenhaus der Stadt und war länger als vierzig Jahre dessen Sekretärin und eifrigste Fördererin. Ihr Werk sind verschiedene Vereine zur Unterstützung armer Frauen und Kinder, sowie die Gründung einer SonntPgsschuIe für jüdische Kinder, in der die von ihr selbst

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