Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 34 (19.8.1927)
- Date
- 1927-08-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 ■MtHHBl DIB WAHRHE! I gleitet ihn der Wunsch aller derer, denen er im bisherigen Leben nähergetreten ist, daß sein Idealismus, seine Wirkensfreudigkeit, sein Lebensmut ihm noch lange erhalten bleiben möge, daß ihm wie uns, seinen Freunden, die Ueberzeugung sich festigen möge: es geht wieder aufwärts! Wenn wir diese Hoffnung hegen, so ist ein wesentlicher Grund dafür, daß wir an die Gerechtigkeit der Weltentwicklung glauben und vertrauen, daß die Arbeit von Männern wie Gothein nicht vergeblich gewesen ist. Der jüdische Redner. Von Rechtsanwalt Dr. Kurt Alexander, Krefeld. Der Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens gibt aus Anlaß des fünfzigsten Geburtstages seines Führers Dr. Ludwig Holländer, des Syndikus des Centrai-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, eine Festnummer seines Organes, der „K. C.-Blätter", heraus, welche zum größten Teil der Persönlichkeit und dem Wirken dieses Führers der deutschen Judenschaft, das wir in unserem Blatte bereits gewürdigt haben, beschäftigt. Wir entnehmen der sehr lesenswerten Festnummer folgenden Aufsatz, der sicherlich das Interesse unserer Leser finden wird. Das Thema mag wunderlich erscheinen. Ist der jüdische Redner eine Besonderheit, daß man ihm eine eigene Arbeit widmen kann? Die Frage ist zu bejahen. Sie ist zu bejahen vor allem dann, wenn man den Typ des jüdischen Redners in Zusammenhang bringt mit der Persönlichkeit, der diese Blätter gelten sollen. Unter jüdischem Redner sei derjenige verstanden, der als Abgesandter einer Organisation, die Belange des Judentums vertreten will, zu einem Vortrag entsandt wird. Man erkennt seine Stelle am besten, wenn man sie vergleicht mit der, die der Redner irgend einer anderen Organisation einnimmt. Läßt ein allgemein politischer Verband, ein wirtschaftlicher Zusammenschluß oder eine literarische Gesellschaft einen Vortrag halten, so ist die Aufgabe des Redners im wesentlichen mit dem letzten Satz seines Vortrages beendet. Man läßt sich von ihm belehren, man läßt sich von ihm werben, man läßt sich von ihm einen künstlerischen Genuß bieten, man freut sich vielleicht auch, wenn er eine bekannte Persönlichkeit ist, noch ein paar gemütliche Stunden mit ihm zusammen sein zu dürfen. Vielleicht hat er nur noch der örtlichen Leitung seines Verbandes die und jene vertrauliche Mitteilung zu machen, vielleicht bittet man ihn um Entscheidung in einer örtlichen Streitigkeit. Höhere Anforderungen werden nur in den seltensten Ausnahmefällen an ihn gestellt. Aber ganz anders liegen die Dinge gegenüber dem jüdischen Redner. Und ich glaube, daß nur der, der sich dieser Aufgabe länger unterzogen hat, von dieser erhebenden und niederdrückenden, erfreulichen und vielfach schmerzlichen Arbeit berichten kann. Die qualitativen Leistungen, die man von dem jüdischen Redner beansprucht, sind ungleich höher. Kraft seines höher entwickelten Intellektes verlangt der Jude von dem, der ihn noch belehren will, eine Spitzenleistung. Wehe dem Redner, der nicht in der Lage ist, seinen Zuhörern eine solche Leistung zu bieten! Er ist der vernichtenden Kritik gewiß, und diese Kritik ist deshalb gefährlich, weil sie nur selten im Versammlungsraum laut wird, sondern weil sie später, wenn der Redner seine Hörer wieder verlassen hat, noch tagelang bei allen möglichen Gelegenheiten geübt wird, und weil diese Kritik nicht an der Leistung des Redners halt macht, sondern, da man ihn und die von ihm vertretene Organisation identifiziert, im letzten Ende auf sie zurückfällt. Gar mancher Verband hat die Folgen einer schlechten rednerischen Leistung noch jahrelang an einem Orte spüren müssen. Es ist für den, der allwöchentlich eine Reihe von Vorträgen halten muß, wahrlich nicht leicht, immer etwas Ausgezeichnetes von sich zu geben. Mag er den besten Willen und die größte Fähigkeit haben, eine körperliche Indisposition kann ihn beeinflussen. Irgend ein Ereignis, eine auch nur leise Unruhe im Saal kann es verhindern, daß er den für den Redner so dringend erforderlichen Konnex mit der Zuhörerschaft bekommt. Oft fährt dann der Redner in später Nachtstunde ermüdet weiter mit dem bitteren Gefühl, das Beste gewollt und nur wenig oder gar nichts erreicht, oder sogar einen Mißerfolg erlebt zu haben. Aber selbst wenn der Redner überzeugt ist, sein Bestes gegeben zu haben, wenn diese Ueberzeugung auch richtig ist, so steht er doch sehr oft nach dem Vortrage unter dem Eindruck einer tiefen Depression. Er legt sich die Frage vor, ob er denn wohl auch einen praktischen Erfolg erzielt hat. Sind die Worte, die er gesprochen hat, nicht nur Worte geblieben! Haben sie in seinen Zuhörern einen Widerhall erweckt, der noch lange fortwähren wird? Er quält sich mit dem Gedanken, daß die Besucher des Abends in wenigen Stunden alles, was er zu ihnen gesagt hat, vergessen haben, und die Mahnungen zur Arbeit schon morgen unbeachtet lassen werden. Dieses bedrückende Gefühl wird vielfach richtig sein. Die Erfahrung lehrt, daß nur derjenige Redner einen dauernden Erfolg davonträgt, der auch durch seine Persönlichkeit wirken kann. Nicht vor dem Wort, wohl aber vor dem Menschen hat das Publikum Achtung. Es gilt, den Willen zu erzeugen, dem Menschen, der dort oben steht, nachzueifern. Aber mit dem Vortrag allein ist es noch lange nicht getan. Die Diskussion kommt. Auch dem gewandtesten und erfahrensten Redner kann sie geistige und seelische Anstrengungen bieten; nicht, daß er außerstande ist, Fragen zu beantworten und Angriffen zu begegnen. Bs kommt darauf an, wie er die Antwort gibt und wie er den Angriff abschlägt. Mit Freunden und Gegnern muß er sich herumschlagen. Unzufriedene gibt es überall, und sie gibt es insbesondere in großer Anzahl in jüdischen Organisationen. Auf die Gründe einzugehen, ist hier nicht der Ort. Diese Unzufriedenen, die sich vielleicht schon seit Tagen vorbereitet und mit anderen zusammengetan haben, um an diesem Abend dem Verein und dem Redner Schwierigkeiten zu bereiten, müssen beruhigt und in das große Ganze hineingeleitet werden. Eine Auseinandersetzung mit den eigenen Freunden ist erheblich unangenehmer als mit den Gegnern. Es ist für den Führer einer Bewegung besonders niederdrückend, wenn er diese Unzufriedenheit erkennt, wenn er sieht, daß das Beste, was man gewollt hatte, aus Unkenntnis oder aus bösem Willen mißachtet wird, und wenn man da, wo nur Einigkeit am Platze wäre, Zwietracht findet. Auch im Kampf mit dem Gegner hat der jüdische Redner einen viel schwereren Stand als jeder andere. Er hat mit einer Unzahl von Angriffslustigen aus anderen Lagern zu rechnen. Die starke Zerklüftung innerhalb des Judentums hat auf dem engen Raum, auf dem sie sich auswirkt, eine besonders scharfe Gegensätzlichkeit bewirkt, die vor dem Persönlichen nicht halt macht. Oft muß der Redner persönliche Angriffe über sich selbst ergehen lassen, oder er muß sie, wenn sie sich gegen seine Freunde richten, abwehren. Er muß es erleben, daß seine Sache, die er als hoch und heilig empfindet und für die er sein Bestes hergibt, in einer nicht zu beschreibenden Weise in den Staub gezerrt wird. Kämpft er aber gegen nichtjüdische Gegner, so steht er erst recht unter dem erschütternden Eindruck, eine Sysiphusarbeit zu verrichten. Immer und immer wieder tauchen dieselben Behauptungen, dieselben Verleumdungen auf. Dinge, von denen man glaubt, daß sie unter dem Moder längst vergangener Jahrhunderte vergraben seien, werden als neu hervorgebracht, sie werden geglaubt, und sie müssen widerlegt werden. Man könnte dies leicht überwinden, wenn nur die weniger Gebildeten an diesem Kampfe teilnehmen würden. Aber der Redner sieht eher und umfangreicher als jeder andere, daß auch in den weitesten Kreisen der Intelligenz die absurdesten Dinge über Juden und Judentum geglaubt werden. Meint man sie heute ausgerottet zu haben, so begegnen einem morgen dieselben Anwürfe. Auch davon, daß es nicht ohne persönliche Gefahr, gar manchmal nicht ohne Lebensgefahr ist, in einer Versammlung von Nichtjuden das Wort zu nehmen, weiß jeder jüdische Redner ein Lied zu singen. Und das Ende des Vortragsabends bedeutet aber noch nicht das Ende der Arbeit für den Redner. Unzählige Besprechungen hat er zu erledigen, Fragen zu beantworten, Streitigkeiten zu schlichten, Außenstehende zu werben, Freunde zu einer tätigeren Mitarbeit zu beeinflussen. Mit einer Engelsgeduld muß er zuhören, wenn ihm örtliche Ereignisse vorgetragen werden, die an sich vielleicht vollkommen belanglos, der Vereinsleitung aber von entscheidender Bedeutung zu sein scheinen. Jede Organisation, die sich auf Freiwilligkeit aufbaut, hat unter geldlichen Schwierigkeiten zu leiden. Es ist Aufgabe des Redners, auch um die finanzielle Mitarbeit zu bitten. Das ist für fast alle Redher eine besondere Qual. Nicht daß ihnen von Unverständigen und Kindlichen der Vorwurf gemacht werden könne, sie redeten für die eigene