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Die Wahrheit · 1927-08-19 · Heft 34 (19.8.1927) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 34 (19.8.1927)
Date
1927-08-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT iliii«^ Richtung gebenden Einzelnen sprechen könnten. Gerade deshalb vielleicht war es einer Reihe hervorragend tüchtiger Spezialisten auf den verschiedensten Gebieten möglich, in ihrem Wirkungskreise Tüchtiges und Dankenswertes zu leisten. Wieviel davon dauernden Wert behalten wird, läßt sich jetzt nach dem Zusammenbruch der Kulturwelt durch den Weltkrieg und seine Folgen nicht übersehen. Das aber darf die Mitlebenden nicht abhalten, denen, an deren Wirken und Persönlichkeit sie sich erfreuen durften, bei den sich bietenden festlichen Gelegenheiten ihren Dank auszusprechen. Als solche Gelegenheiten hat man von jeher die Jahrzehntabschnitte des menschlichen Lebens betrachtet. Der Mann nun, dem unser herzlicher Glückwunsch heute dargebracht wird, ist ein Siebziger, so schwer es uns auch werden mag, daran zu glauben, wenn wir ihn in seiner Arbeitskraft und nie rastenden Tätigkeit, in seiner Frische und sprudelnden Lebenskraft vor uns sehen. Georg Gothein entstammt der schlesischen Grenzmark und an der Hebung ihres Wirtschaftslebens hat er sich schon seit der Jugendzeit in hervorragendem Maße beteiligt. Die Schätze, welche der oberschlesische Boden birgt, bedurften der Hebung durch deutsche Energie und wissenschaftliches Verständnis. Ehe sie planmäßig der wirtschaftlichen Verwertung zugeführt wurden, galt Oberschlesien zeitweilig als Notstandsgebiet. Gothein widmete sich dem Bergfach und ist mit dem oberschlesischen Bergbau in dauernder Beziehung verblieben. Aber nicht nur die technische, sondern in hervorragendem Maße auch die allgemein wirtschaftliche Seite dieser Urproduktion erweckte sein Interesse und erschloß sich seinem tiefergreifenden Verständnis und Studium. Bei der Breslauer Handelskammer, deren Syndikus er dann wurde, kam er mit weiteren Zweigen der wirtschaftlichen Entwicklung eines aufstrebenden Gebietes in enge Fühlung und wußte als Vertreter seiner Kammer im deutschen Handelstag sich eine einflußreiche Stellung zu verschaffen. Sein klarer Blick erkannte die Bedeutung der Oderstraße und ihrer Verzweigungen für den Anschluß der schlesischen Produktion an die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge und sein energischer Wille machte ihn zu einem Kämpfer für die Entwicklung des Wasserstraßenverkehr, dem schon damals Hindernisse mancher Art in den Weg gelegt wurden. Dem aufstrebenden Schlesien wollte er auch eine Lehrstätte für Technik und Dich so, daß die Gegner wie die Freunde an Dir und Deinem Tun nichts auszusetzen haben", verkündet sie und erhofft von Vollkommenheit und Fehlerlosigkeit deren Anerkennung bei den Menschen. Sie ist ideal und hält am Idealen fest.-Darum ist sie aber in dieser Yfelt noch immer nicht durchführbar. „Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen"', und auch Gott und seine Weltordnung ist nicht gut genug, daß die Menschen sie nicht immer und immer tadeln und anklagen. Ja, vielleicht gibt es nichts und niemand in der Wedt, mit dem die Menschen so unzufrieden sind wie gerade mit Gott und seinem Walten, Unmöglich ist es, auch nur die Vorwürfe zusammenzufassen, die Denker und Dichter Gott und Religion gemacht haben, gar nicht zu reden von dem, was die Menschenkinder täglich und stündlich an Klagen und Beschwerden gegen Gott vorbringen. Aber der Irrtum ist nicht bei Gott, sondern bei den Menschen, und den Irrtum beseitigen, die Irrenden aufklären ist eine große, wichtige Sache. Israel ist das Volk Gottes, Israels Lehre und Religion ist Wort Gottes. Wenn Völker und einzelne Menschen an beiden zu tadeln haben, so darf man nicht gleichgültig und voll Ueberhebung unbeachtet lassen, was sie reden und sprechen. „Warum sollen die Völker sprechen . . .? „All die tadelnden Reden, die anklagenden und verlästernden Schriften und Bücher dürfen nicht, unbeantwortet und unwiderlegt, falsche Auffassung von Gott und Glauben, Kultus und Judentum unter die Menschen ausstreuen. Unser ist es, das Wort Gottes so zu verkünden, die Religion Gottes so zu üben, daß andere, Freunde und Feinde, nichts zu tadeln finden, aber das ist höchste, idealste Stufe, die Gottes ist, aber nicht leicht der Menschen Kraft erreicht Unser Teil ist noch immer, dem Fehler und Irrtum anheimzufallen. Das ist Schicksal der Freunde wie der Feinde, der Guten wie der Bösen. Aber frei kommen wir nicht von der Mahnung des Gewissens: „warum sollen die Völker sprechen?" Darum ist die doppelte Pflicht der Apologetik, der Kunst, die den Glauben gegen alle Angreifer verteidigt: zunächst uns selbst vor Irrung bewahren, dann den Irrtum der anderen aufzuklären und zur Wahrheit zu führen. lli!MlS!HlllPJill!iil!!iy!!H!!!!lii!]iililiiiil!i Seit» 3 Wirtschaft gesichert wissen und so setzte er sich mit allen Kräften für die Schaffung einer Technischen Hochschule in Breslau ein, die im Jahre 1910 auch tatsächlich erstand. Durch Verleihung des „Dr. I ng. ehrenhalber" stattete die Technische Hochschule Breslau Gothein ihren Dank ab. Nur natürlich ist es, daß die schlesische Hauptstadt den jugendlichen frischen hoehunterrichteten Mann zunächst in die preußische Volksvertretung entsandte, wo er bald als gewandter, kenntnisreicher Redner die Aufmerksamkeit auf sich zog. Im neuen Jahrhundert tauschte er die parlamentarische Tätigkeit in Preußen mit der im R e i c h. Wer dort mit Georg Gothein zusammengewirkt hat, weiß, welchen regen Anteil er an den wechselvollen Ereignissen der nachbismarckschen Zeit genommen. Es ist hier nicht der Ort. auf die Einzelheiten des noch nicht leidenschaftsloser Prüfung zugänglichen politischen Lebens der Vorkriegsperiode seit 1900 einzugehen. Die Mitarbeiter Gotheins aber können bekunden, wie oft er mit scharfem Blick Schäden im Organismus der Reichsleitung erkannte und wie mannhaft er dagegen eintrat. Als der Ausbruch des Weltkrieges alle andere Rücksicht hinter die gemeinsame Abwehr zurücktreten ließ, mußte die Kritik im Plenum verstummen. Desto bewegter gestalteten sich vielfach die in der Oeffentlichkeit noch wenig bekannten Erörterungen im Hauptausschuß, an denen Gothein den lebhaftesten Anteil nahm. Auch in den Tagen des Zusammenbruchs entzog er sich nicht dem Dienste des Gemeinwohls. Als im Februar 1919 der Rat der Volksbeauftragten durch eine auf parlamentarischem Wege gewählte Reichsregierung ersetzt wurde, übernahm Gothein das Reichsschatzministerium, trat aber nach kurzer Wirksamkeit zurück, da er gegen die Annahme des Friedensvertrages war. Die politische Tätigkeit hatte Gothein mit den Führern des Liberalismus in persönliche Fühlung gebracht, die mit Einzelnen von ihnen den Charakter freundschaftlich enger Beziehungen gewannen. Zu nennen sind hier namentlich Bamberger, Theodor Barth und Schräder. Die Schwäche des Liberalismus in jenen Jahren beruhte größtenteils auf der ausgeprägt individualistischen Anschauung, die ihm eigen ist. Die einzelnen Richtungen und Schattierungen bekämpften sich zeitweilig fast schärfer untereinander als die gemeinsamen grundsätzlichen Gegner. Es bedurfte vielfacher Spaltungen! und Wiederannäherungen, ehe der Zusammenschluß der entschieden liberalen Elemente im Vorkriegsreichstag und dann im Lande gelang, für dessen Zustandekommen Gothein sich aufs lebhafteste eingesetzt hatte. Ueber wirtschaftliche und persönliche Gegensätze hatte man lange die Uebereinstimmung in grundsätzlich politischen und Kulturfragen übersehen. Zu diesen Kulturfragen gehört nicht an letzter Stelle der Abwehrkampf, dem der Abwehr-Verein sich widmet, in seiner Rede auf der Versammlung in Köln im vergangenen Jahre hat Gothein gesagt: „Deutsch ist. wer deutsch als Muttersprache spricht, wer sich als Deutscher fühlt, wer in des deutschen Vaterlandes Not sein Leben für es einsetzt" Dieses Deutschtum ist es auch, dem er und der Verein, den er nun leitet dient. Es ist die Abwehr trennender Momente, die im Parteiinteresse von der Gegenseite vor allem seit der von Stöcker entfachten Bewegung in das deutsche Volk hineingetragen sind und zur Aufstachelung der Leidenschaften immer neu geschürt werden. Wie allen von ihm übernommenen Aufgaben hat Gothein sich auch dieser mit all' seiner Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit gewidmet, seitdem er — seit 1893 Mitglied des Vereines — nach Theodor Barths Tode (Juni 1909) die Leitung übernommen hatte. Wer ihn dabei beobachtet hat, weiß, daß er die Geschäfte des Vorsitzenden im steten Verkehr mit den Vereinsbeamten treu und emsig wahrnimmt, stets bemüht, den für richtig erkannten Grundsätzen in Wort und Schrift neue Anhänger zu gewinnen. In Wort und Schrift! Wer einmal die literarische Produktion Georg Gotheins zusammenstellen wird, wird erstaunen, welches Maß von Produktivität ihm in der literarischen Betätigung beschieden ist Der Drang, sich schriftstellerisch zu betätigen, stellt eine charakteristische Seite seiner Natur dar. Ueber den so vielfach wirkenden Mann des öffentlichen Lebens darf der Mensch nicht vergessen oder in zweite Linie gestellt werden. Ein glückliches Familienleben, ein treues Freundschaftsbündnis mit den ihm Geistesverwandten hat jeder, der in Gotheins Nähe kam, stets beobachten können. Wenn Georg Gothein in diesen Tagen die Schwelle zum achten Jahrzehnt in Rüstigkeit und Kraft überschreitet, so be-

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