Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 34 (19.8.1927)
- Date
- 1927-08-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064332--15628-3088424- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 iillltlll!llllllli WmmommmmmmmmmmMm DIE WAHRHEIT mit großen Handelsstädten verwandeln könnten, welches sich vielleicht schneller als Amerika nach 200jähriger Kolonisation entwickeln müßte. Man versuchte die Bedeutung der Chaluzim gegenüber den Scheinkapitalisten der vierten Aliah herabzusetzen, wodurch man das Wort „Arbeiterhaß" als Kampfbombe in die Menge geschleudert hat. Man versuchte eine Art „Ugodah" (d. i. Friedensübereinkommen, d. Red.) mit den Nichtzionisten nach dem Muster des Verständigungspaktes der zionistischen Sejmabgeordneten mit der polnischen Regierung zu schaffen, und hat damit einen dicken Strich unter den nationalen Kampf gezogen. So erreichte man schließlich eine Art „Assimilation" auf nationalem Boden. Aber wozu alles erzählen? Aufzählen alle Taten derjenigen, die das Recht zur Führung des Zionismus erlangt haben? Die Resultate liegen ja klar vor unseren Augen. Wir haben schon öfter schwere Krisen zu überdauern gehabt und schon öfter unsere Gegner frohlocken gehört — aber niemals war der Zersetzungsprozeß so stark wie heute. Nie waren wir auch so hoffnungslos und verzagt wie heute, denn niemals wurden wir noch von Leuten geführt, die nicht zumindest Selbstvertrauen hatten. Wie können diese Leute neue Hoffnung wecken und zur Arbeit anspornen, wenn sie selbst alle Prinzipien und Ideale preisgeben, sobald ihnen nur klingende Münze entgegenwinkt (gemeint ist das amerikanische Geld, d. Red.). Es wäre schon hoch an der Zeit, diesen Leuten die Führung zu entreißen, denn je länger diese Ziellosen am Ruder sind, desto mehr verschlimmert sich die Lage. Die Not der Gegenwart und die Umstände Feuilleton Apologetik. Von Dr. V. K u r r e i n. „Daß man nicht spreche in dem Lande aus dem du uns hinausgeführt hast, aus Unvermögen Gottes sie in das Land, das er ihnen verheißen hat, und infolge seines Hasses gegen sie, hat er sie hinausgeführt, sie in der Wüste zu töten." V, 9, *8 Schon der weise Koheleth sagt: „Auch auf alle die Dinge, die geredet werden, richte nicht dein Herz", womit er als Lebensweisheit empfiehlt sich um die Reden und das Gerede der Leute nicht allzuviel zu kümmern. Manche Menschen haben die beneidenswerte Gabe, daß sie weder eine gute noch eine schlechte Nachrede irgendwie berührt. Ihr äußeres Ohr ist ebenso wie ihr innerliches Empfinden mit einem schalldichten Panzer umgeben, der keinen Laut und keine Rede der Mitmenschen an ihre Seele herankommen läßt. Weder Lob noch Tadel, Anerkennung oder Schmähung hat jemals ihre seelische Ruhe und ihr Gleichgewicht erschüttert. Diese Eigenart im Wesen einer Person ist — sofern sie nicht völliger geistiger Stumpfheit entspringt — die Frucht hoher Abklärung und größter geistiger Vollkommenheit, die jedes menschliche Urteil verachten, oder aber die Folge einer ebenso großen Ueberhebung und demgemäß ein ausgesprochener geistiger Tiefstand. Mit dem edlen Worte „Tue recht und scheue niemand" wird leider arger Mißbrauch getrieben, weil sehr viele immer als recht betrachten, was sie tun und daher glauben, niemand scheuen zu müssen. Weit zutreffender ist das Wort Salomos: „Des Mannes Wege sind recht in seinen Augen", was besagt, daß sie deshalb in den Augen anderer noch nicht recht sein müssen. Darum ist auch niemand so groß, daß er über jedes Urteil erhaben, und niemand so gering, daß ihm jede Rede der Menschen gleichgültig sein dürfte. So merkfordern von uns, daß wir in die Gasse hinaus den wahren Zionismus verkünden und für ihn den Kampf erneuern. Unsere Losung darf nicht nur Palästinaaufbau sein, sondern inerster Liniedie Erstarkung derzionistischen undnationalen Idee, das ist die Erneuerung des Volkes, seine Befreiung und Erlösung vom Galuth. Die Aufbauarbeit in Palästina darfnicht als Endziel des Zionismus propagiert werden, soll vielmehr nur als ein Mittel dienen, um unsere nationalpolitischen Bestrebungen in der Diaspora zu bemänteln. Wir brauchen eine Niederlage in unserem Kampf um den wahren Zionismus nicht zu befürchten. Man darf sich durch die Losungen „Friede und Eintracht" nicht einschlummern lassen. Georg Gothein. Am 15. August 1927 vollendet der verehrte Vorsitzende des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus", Herr Reichsminister a. D., Doktor Ing. -e. h. Georg Gothein, sein 70. Lebensjahr. Dem Jubilar widmet in den „Abwehr- Blättern" Herr Geheimrat Dr. jur. h. c. Heinrich Dove einen die Persönlichkeit Gotheins würdigenden Festartikel. Wir schließen uns mit seiner Wiedergahe den gewiß zahlreichen Gratulanten herzlich an. Die Redaktion. Die Jahrzehnte um die Jahrhundertwende, die hinter uns liegen, werden nicht durch 'eine die Mitwelt weit überragende Einzel persönlichkeit charakterisiert, so daß wir von ihnen wie von den Zeiten Napoleons I. oder Bismarcks, als von der Aera dieses für die geschichtliche Entwicklung der Epoche würdig es sich anhört, so wahr scheint es zu sein, auch Gott ist nicht über das Urteil der Menschen erhaben. Denn aus all dem, was Moses als Fürsprecher und Anwalt seines sündigen, vom Zorne Gottes bedrohten Volkes zu dessen Gunsten vorgebracht hat, hebt er wie mit Absicht ein Argument hervor, dem sogar Gott nachgeben mußte. „Damit man in dem Lande, aus dem du uns herausgeführt hast, nicht spreche: aus Unvermögen Gottes sie in das Land, daß er ihnen versprochen hat, zu bringen, und infolge seines Hasses gegen sie, hat er sie hinausgeführt, um sie in der Wüste zu töten." Auch Gott selbst ist ui seinem Rufe abhängig von dem, was die Menschen sprechen, muß Rücksicht darauf nehmen, daß man seinem Tun keine falsche Absicht, kein unrechtes Motiv unterschiebe. Nicht einmal, sondern öfitier nimmt Moses seine Zuflucht zu diesem Argumente: „Die Völker werden sprechen und sagen", appelliert sozusagen an die Pflicht Gottes, der Meinung und dem Urteü\ das sich bei den Menschen bilden könnte, Rechnung zu tragen. Et ist aber damit nicht der erste. Schon Abraham, der für die Sünder Sodoms betet, hat zu Gott gesagt: „Unwürdig wäre es Deiner, solches zu tun. den Gerechten samt dem Frevler zu vernichten; es wäre dann Gerechter und Frevler gleich, und unwürdig wäre es des Richters der ganzen Erde, daß er nicht Gerechtigkeit üben sollte". Gott ist für seinen guten Ruf verantwortlich, hat gleichsam dafür zu sorgen, daß durch sein Tun kein Fehlurteil über ihn bei den Menschen erstehe. Auch der Psalmist ruft Gott öfter als einmal zu: „warum sollen die Völker sprechen", und fühlt ebenso wie Abraham und Moses, daß Gott solcher Mahnung nachgeben müsse. Es ist in Wirklichkeit etwas ganz Großes um diese Auffassung, die wünscht, daß niemand an Gott, Religion und Glauben etwas auszusetzen, tadeln und schlecht zu machen habe. Die Vorzüglichkeit. Reinheit und Erhabenheit des Gottesgedankens, der göttlichen Weltordnung soll und darf durch nichts getrübt und entstellt sein. Sie ist eine Art Apologetik, Verteidigungslehre, die aber nicht Irrtümer und falsche Auffassungen entkräften, widerlegen und als unrichtig zurückweisen, sondern von vornherein ausgeschaltet wissen will. „Sei so, handle so und führe