Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 34 (19.8.1927)
- Date
- 1927-08-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064332--15627-3088423- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
frscfkeint ieden &ir eifrig &reis dieser JVummer.* 50 fnroscften D/E WAHRHEIT CestereeicfUsdie Wocfkensdmffif für Jüdische Jnferessen lferöjfenf Heßlingen der „Union deutstnösterr. Juden" Redaktion und Administration: Wien #/., Jtetne&traße Ufr. 13 Fernruf 42-2~t6 XLIII. Jahrgang Wien, 19. August 1927 Nummer 34 Der Niedergang des Zionismus. Von Jizchak Grünbaum. Jüdischer Sejmabgeordneter in Warschau. Im „H a j n t", dem größten polnischen Jargonblatt, ist dieser Tage der folgende, höchstes Aufsehen erregende Artikel dies bekannten Zionistenführers erschienen, der angesichts des bevorstehenden Baseler Kongresses höchst symtomatisch und charakteristisch für die Niederlage der zionistischen Bewegung ist Ebenso auffallend ist die sonderbare Art der Behandlung der Nichtzionisten, denen diese Ausführungen wohl zu denken geben werden, und die rückhaltlose Aufdeckung des Zieles des „wahren Zionismus"; die nationalpoliüschen Bestrebungen in der Diaspora. Die Redaktion. Die zionistische Organisation steht vor dem Absterben. Man fährt nicht mehr nach Palästina, im Gegenteil: die Rückwanderung ist gegenwärtig überaus stark. Die Arbeiter und alle unsere Helfershelfer legen ruhig die Hände in den Schoß. Die Zahl der Schekelzahler hat erschreckend abgenommen. Dasselbe gilt auch für Einkünfte für den Keren Hajessod und den Keren Kajemeth. Die große Hoffnung, daß der Zionismus uns noch je retten könnte, gilt allgemein als verloren. Zusammen mit ihr sind auch alle anderen Hoffnungen zu Grabe getragen worden; jener stolze Traum, daß wir uns einmal noch zu neuem Leben emporschwingen könnten und daß man hierzu nur die eigenen Kräfte genügend stark anzuspannen brauche. Wir müssen deshalb zurück zu der alten Lebensweise und zu den alten gesellschaftlichen und politischen Arbeitsmethoden. „Zurück zu den alten Formen oder Hand weg von ihnen" — das ist gegenwärtig die Losung, mit der die Enttäuschten die Gasse zu beherrschen versuchen. Von dieser neuen Parole werden auch diejenigen ergriffen, die ihr Interesse am Zionismus verloren haben, und in den Händen dieser schlaffen und resignierten Zionisten liegt gegenwärtig die zionistische Organisation. Sie wird vorwiegend von Leuten geführt, die gegen die Vorgänge in ihrer nächsten Umgebung Augen und Ohren verschließen und die stürmischen Forderungen und Bedürfnisse der Jetztzeit nicht hören wollen. Sie wissen nur eines: daß es schlecht um unsere Sache steht und es immer mehr bergab geht. Sie rufen, man solle abwarten und auf „Hilfe von außen" als Rettungsanker hoffen, die vielleicht doch eine Besserung bringen würde. Das Vertrauen in die eigene Kraft aber haben sie verloren und erwarten eine Erlösung von ihrer eigenen Initiative nicht mehr. Die heutigen Führer können sich nicht mehr selbst trostreiche Worte zurufen, man ist hohl wie eine leere Nuß geworden und will diese erschreckende Leere mit gegenseitigen Eifersüchteleien und kleinlichem Gezänke ausfüllen. Die Parole unserer heutigen Führer heißt: nur abwarten und man vertröstet sich mit der Hoffnung auf auswärtige Hilfe. Man verkriecht sich verschämt in einen Winkel und wartet, was da kommen möge. Was sollte man denn sonst anderes tun? Vielleicht gegen den Strom kämpfen? Es gibt heute im Zionismus kein verpönteres Wort als das Wort: „Kampf. Nur nicht kämpfen! Der Zionismus hat schon eigentlich längst gesiegt! Allerdings! Aber nicht der politische Zionismus, sondern der Palästinaaufbau. Wer würde denn nicht nach Palästina gehen, wenn nur die Möglichkeit hierzu bestünde? Wer sollte denn eigentlich gegen Palästina sein? Diese Palästinastimmung muß man, so argumentiert die zionistische Leitung, ausnützen und. das kann man allerdings nicht mit Kampflosungen erreichen; dazu wäre vielmehr Friede und Eintracht erforderlich. Die heutige Organisation steht auf dem sehr bequemen Standpunkt, mit allen zu gehen (gemeint ist Amerika, d. Red.), von denen man nur etwas Geld erreichen kann, wofür man ruhig Vieles von den Idealen und Prinzipien des poliitschen Zionismus preisgeben könne. Sollen sie sich (gemeint sind die Nichtzionisten, d. Red.) nur in die Mitarbeit hineinzerren lassen, meinen unsere heutigen Führer, und es wird schon gut sein. Sollen die Nichtzionisten nur mit uns in nähere Berührung kommen und sie werden sich schon von uns anstecken. Sollten Sie vielleicht mit der Flauheit und der Hoffnungslosigkeit unserer Führer angesteckt werden? Diese Richtlinien waren für die zionistische Leitung in den letzten 2V2 Jahren maßgebend. Sie haben nie einen eigenen Willen gehabt, haben immer sich nur nachgeschleppt und das nur mühelos Erreichbare gesucht, das keinen Kampf erfordert. Sie haben die Menschen der vierten Aliah verherrlicht, die sich und auch anderen einreden wollten, daß sie „Kapitalisten" wären und die Kraft hätten, eine Miniatur von Lodz in Palästina zu errichten, daß sie die palästinensische Küste in ein modernes Phönizien