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Die Wahrheit · 1927-08-12 · Heft 33 (12.8.1927) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 33 (12.8.1927)
Date
1927-08-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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DIE WAHRHEIT «il||ll|lllilllllBnilllllllllliniMUI»ll!l!III« Seite 11 ^Wahrheiten vom Ja^c Die Wahlen zum 15. Zionistenkongreß. Die Pro Jewish-Agency-Liste versendet aus Anlaß der Wahlen für den 15. Zionisten-Kongreß in Basel folgenden Aufruf: „Der 15. Kongreß ist für die österreichischen Zionisten ein Jubiläum. Vor 30 Jahren haben Wiener Zionisten den ersten Baseler Kongreß einberufen und die zionistische Weltorganisation begründet. An der Spitze der österreichischen Delegation stand unser unvergeßlicher Führer Theodor Herzl. Dieses Jubiläum wollten wir in stiller Weise feiern, indem wir Dr. Weizmann baten, uns ebenfalls nach Basel zu führen. Dr Weizmann nahm an und erwies uns die Ehre, unser Listenführer zu sein. Die Aufstellung der Kandidatur Weizmanns erweckte im österreichischen Landeskomitee und in seinem Organ ein merkwürdiges Echo. Die Jüdische Welt, Nr. 5 (Beilage der „Wiener Morgenzeitung" vom 22. Juli) sagte in einem Artikel: „Darüber muß doch Klarheit sein, daß ein solcher Wahlkampf unbedingt üble Konsequenzen haben . . . muß". Und in derselben Nummer veröffentlicht die Vereinigung radikaler Zionisten eine Erklärung, in der es heißt: „In jedem Falle halten wir es für geboten, schon jetzt mit aller Deutlichkeit festzustellen, daß Dr. Weizmann damit die einem Präsidenten der Organisation im Wahlkampf gebührende Stellung über den Parteien aufgegeben hat und daß sowohl er wie seine Anhänger nicht mehr beanspruchen können, daß seine Person außerhalb der Auseinandersetzungen des Wahlkampfes verbleibt." Also anstatt Zustimmung kalte, schroffe Ablehnung. Von wem? Von den radikalen Zionisten und ihren Helfern. Von den Radikalen, die seit jeher Weizmann und seiner Politik aufs schroffste gegenüberstehen, die sich anmaßen, die Sprecher der österreichischen Organisation zu sein, trotzdem sie ein verschwindender Bruchteil sind. Unsere Entrüstung darüber war so groß, daß wir die Kandidatur sofort zurückziehen wollten. Wir beschlossen aber, zu warten, weil wir doch hofften, daß Vernunft über Leidenschaft siegen wird. Dr. Weizmann selbst versuchte in einem Interview im „Haolam" die Situation zu klären, in dem er sagte, er habe nicht die Absicht persönlich in den Wahlkampf der Parteien einzutreten. Da trotz alledem die Angriffe nicht verstummten, sondern sich verstärkten, mußten wir, so schwer es uns auch fiel, auf die Ehre verzichten, von unserem Führer Weizmann auf dem Kongreß vertreten zu sein. Am 25. Juli erhielt Dr. Schalit folgendes Telegramm aus London: „Weizmann zustimmte ausdrückliche Kandidatur — Kein Gegensatz zu den Erklärungen Interview Haolam — Weizmann wünscht Hinblick besondere Verhältnisse Wiens Rückziehung falls Gültigkeit Agencyliste gesichert — Vorleget Hauptwahlkommission Zioniburo". Der Termin zur Aenderung der Kandidatenliste war verstrichen. Wir selbst hatten nicht mehr die Möglichkeit, die Kandidatur zurückzuziehen. Darüber konnte nur die Hauptwahlkommission entscheiden. Diese sollte aber wissen, daß Weizmann die Kandidatur ausdrücklich angenommen hat und in dieser Kandidatur keineswegs eine Beteiligung am Wahlkampfe erblicken kann. Die Wahlkommission hat die Kandidatur Weizmanns gestrichen. Die Verantwortung und die Schuld tragen jene Zionisten, die sich nicht gescheut haben, die Autorität und den Namen Weizmanns anzutasten. Die Antwort der österreichischen Zionisten auf dieses Attentat kann nur die Stärkung der Politik Weizmanns sein. Beweiset Weizmann Euer Vertrauen. Wählet die Pro Jewish-Agency-Liste!" — Einen Kommentar zu den hier geschilderten Verhältnissen haben wir bereits lange vor Erscheinen dieses Aufrufes in unserer Nummer vom 29. Juli vorausschauend gegeben. * * * Die Ergebnisse der Wahlen zum Baseler Zionistenkongreß für Polen liegen bereits vor und bieten auch dem, welcher dem politischen Zionismus fernesteht, sofern er sich für die Strömungen und Stimmungen im Judentum interessiert, mannigfache bemerkenswerte Erkenntnisse und Ausblicke besonders deshalb, weil gerade Polen, wo große geschlossene jüdische Volksmassen wohnen und auch der politische Zionismus bisher die meisten Anhänger besitzt, innerhalb der zionistischen Bewegung eine sehr große Rolle spielt. Das erste, was an dem Wahlergebnis auffallend ist und das, wie wir glauben keines weiteren Kommentars bedarf, ist die außerordentlich geringe Zahl der Wahlberechtigten, welche sich an der Wahl beteiligt haben. So gaben beispielsweise in Lemberg nur 25 Prozent der Schekelzahler ihre Stimmen ab und in den anderen großen Städten Polens mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung war die Wahlbeteiligung auch nicht viel größer. Des weiteren fällt die große Zersplitterung der Stimmen auf, eine Folge des Umstandes. daß sich zahlreiche zionistische Fraktionen um Stimmen beworben haben und in heftigem, jedoch von den breiten Massen der zionistischen Wählerschaft zahlreich teilnahmslos begleiteten Wahlkampf miteinander standen. Von Interesse ist es hierbei, daß die „Stammzioniste n", also die eigentlichen Jüdischnationalen, und die Revisionisten, das sind die Radikalnationalen, im allgemeinen schlecht bei den Wahlen abgeschnitten haben, während sowohl die orthodox eingestellten, als auch die sozialistisch gefärbten Gruppen eine große Zahl von Stimmen auf ihre Kandidaten vereinigen konnten. Sollte vielleicht auch das ein Zeichen dafür sein, daß der nationale Zionismus allmählich den sozialen und religiösen Strömungen innerhalb des Ostjudentums zu weichen beginnt? Wir lassen im folgenden die wichtigsten Resultate der Wahlen folgen: In Warschau haben insgesamt 2020 Wahlberechtigte, das sind kaum die Hälfte der Schekelzahler, ihre Stimmen abgegeben! Es erhielten: die Misrachi 911, die Gruppe Eth Liwnoth 263, die Gruppe AI Hamischmar (Grünbaum) 244, die rechten Poale Zion und Haschomer Hazair 239, die Revisionisten 215 und die Hitachduth 140 Stimmen. In Lemberg wurden bloß 1127 Stimmen abgegeben! Es haben sich daselbst nur 25 Prozent der Schekelzahler an der Wahl beteiligt. Es erhielten: die Stammzionisten 513, die Misrachi 301, die Hitachduth 191, die Revisionisten 52, die Poale Ziou 70 Stimmen. In Stanisluu: Misrachi 430, Hitachduth 350, die Stammzionisten 150, die Revisionisten 54, die Poale Zion 25, die -Radikalen 1 Stimme. In Stryj: Abgegeben 539 Stimmen. Davon 111 Stammzionisten, 111 Misrache, 100 Hitachduth, 127 Revisionisten, 53 Poale Zion, 37 Radikale. In Przemysl: 175 Stammzionisten, 165 Misrachi, 168 Hitachduth. 18 Revisionisten. In Lodz: Eit liwnoth 451, Misrachi 381, Hitachduth 377, Poale Zion 119, Revisionisten 105. In Bialystok: 205 Misrachi, 85 Grünbaum, 136 Eit liwnoth. 78 Hitachduth, 75 Revisionisten, 135 Poale Zion. Wotan und der Sohn des Kantors. Der berühmte jüdische Opernsänger Friedrich S c h o r r, der Sohn eines Kantors, sang bei den Bayreuther Festspielen den Wotan im „Ring des N i b e 1 u n g e n". Darüber ist der „V ö 1kische Beobachter" über alle Maßen aufgebracht: .....Daß aber nunmehr", so schreibt das Hakenkreuzlerblatt, „sogar an dieser geweihten Stätte ein Jude den obersten der germanischen Götter gibt, mag ein guter Treppenwitz der Weltgeschichte sein, die uns damit zu verstehen geben mag, daß eben der Jude heute die Welt regiert. Nicht zuletzt die deutsch-germanische, in der wir Deutsche gerade noch als Arbeitstiere geduldet werden." Eine solche Frechheit von diesem Juden, den höchsten der germanischen Götter mit solch künstlerischer Vollendung zu singen, daß sich die gewiß nicht von besonderer Judenfreundlichkeit erfüllten Veranstalter der Festspiele veranlaßt sahen, unter sämtlichen Darstellern des Wotan gerade ihn auszuwählen! Ein Jude als Wotan in Bayreuth! Diese „Schmach" können die Völkischen nicht verwinden. Wenn jetzt nicht die Götterdämmerung hereinbricht, dann scheint der völkische Gedanke, wie ihn nämlich die Rassenfanatiker auffassen, unrettbar verloren. Wieder eine Friedhofschändung. Der jüdische Friedhof von Köln-Bingenthal wurde von erbärmlichen und nichtswürdigen Menschen geschändet, 71 Grabsteine umgeworfen, die Gräber besudelt. Diese erschütternde Meldung, welche vor kurzem von den deutschen Blättern gebracht wurde, wird nicht verfehlen, auf alle Menschen ohne Unterschied des Glaubens, welche sich nur noch ein wenig menschliches Empfinden bewahrt haben, den tiefsten Eindruck zu machen. Insbesondere das Judentum und vor allem das deutsche Judentum wird dieses schändliche Verbrechen als ein Zeichen des Hasses auffassen müssen, wie er seinesgleichen in der Weltgeschichte nicht kennt. Denn die Achtung, welche man vor der furchtbaren Majestät des Todes bei allen Kulturvölkern hatte, hat auch die Grabsteine der Gegner vor frecher Schändung bewahrt. Erst der deutschvölkische Rassenantisemitismus, der geistige Urheber dieser Untat, hat sich nicht weiter gescheut, sich auch über diesen letzten Rest

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