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Die Wahrheit · 1927-08-12 · Heft 33 (12.8.1927) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 33 (12.8.1927)
Date
1927-08-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEil Gebrauch dieser Redensart an das Kol Nidre nicht gedacht hat, sonst hat man ja die (im Kol Nidre ausgedrückte) Vorausbedingung aufgehoben und die volle Verbindlichkeit des Wortes als eines förmlichen Gelübdes auf sich genommen.'' Was würden unsere „europäischen" Zeitgenossen sagen, wenn Religion, Sitte oder Gesetz ihre leicht hingeworfenen ehrenwörtlichen Zusagen so furchtbar ernst nehmen wollten, daß es eines förmlichen Gerichtsverfahrens bedürfte, um sie rückgängig zu machen? * * * Es wäre frevelhaft, noch ein Wort darüber zu verlieren, was die jüdische Religion und das jüdische Volksbewußtsein, wie es sich in seinen repräsentativen Männern aller Zeiten ausspricht, über die Heiligkeit des Eides, des Gelübdes, der Verpflichtung, der Zusage des Schwüre, des verpfändeten Wortes lehrt. Nur auf einen Punkt sei noch hingewiesen. Der Text des Kol Nidre ist uns, wie wir gesehen haben, von mehreren Autoren überliefert worden, bei keinem Autor fehlt das Wort „al naphschathana" im heb des R. Amram, und es R. Saadja: „al naphschöthenu"). Das Wort durfte ja nicht fehlen, denn es ist ja die-Hauptbedingung sowohl für die Hapharah als für die Hatharah. und entspricht nur dem Wort „al naphschö" oder fem. „AI naphschah", welches in den sechzehn Versen des 30. Kapitels von Numeri, die vom Gelübde handeln, nicht weniger als elfmal, doch wohl nicht zwecklos wiederholt wird. Nur zwei Autoritäten sind es, die das Wort als unwesentlich betrachten und daher einfach streichen. Das sind Rabbi Fritsch, der Verfasser des Antisemiten-Katechismus, und Rabbi Schütze, der die Ansicht des ersteren approbiert. Es ist nicht leicht anzunehmen, daß die Bekenner des Judentumes die Ansicht dieser beiden Geonim zu der ihrigen machen werden. Im Grunde müssen wir diesen beiden großen Gelehrten, die sich sogar unterfangen, das jüdische Religionsgesetz zu ändern, Dank wissen, daß sie das Wort nicht aus der Bibel gestrichen haben. Vielleicht kommt aber nächstens ein höherer Bibel kr itiker und führt den Nachweis, daß das W7ort ursprünglich in der Bibel gar nicht stand und erst im 19. Jahrhundert, um den christlichen Völkern Sand in die Augen zu streuen, von den Juden hineingefälscht worden sei. Natürlich haben wir Juden mit dem Uebersetzen unserer Gebete nicht auf die Herrn vom Antisemiten-Katechismus gewartet Seit unsere Vorfahren eine deutsche Mundart als Umgangssprache gebrauchen, übersetzten sie Siddur, Machsor und Bibel in das sogenannte Judendeutsch. Ich habe nun acht verschiedene Ausgaben dieser Uebersetzungen, die zum Gebrauche des jüdischen Volkes hergestellt sind, verglichen. Sehr alte, die von mittelhochdeutschen Wendungen wimmeln, neuere und neueste. In keiner fehlt die Uebersetzung der genannten zwei Wörter „al naphschathana". In einer, wahrscheinlich aus dem 15. Jahrhundert stammenden, heißt es: „daz mir wern schwern un daz mir wern machen cherem un daz mir wern machen issurim auf unsere leiber (Leib=Person).'* In den späteren heißt es übereinstimmend: „wus mir wehrn machrim sein ün wus mir wehrn assern auf ünz." In einer der neuesten (Wilna 1909) heißt es, dem litauischen Sprachgebrauch entsprechend: „un dos, wos mir wehrn schwern und dos, wos mir wehrn ossur machen auf sich". Wie ist es zugegangen, daß diese wichtige Formel, die in keiner Uebersetzung fehlt, aus der des Antisemiten-Katechismus verschwunden ist? Wo sind die Quellen, aus denen der Uebersetzer die Ermächtigung geschöpft hat, mit dem Urtext so zu verfahren? Rein wissenschaftlich ist eine solche Behandlung historischer Texte ein frevlerischer Leichtsinn; und erst wenn man ein so zugerichiets Dokument nicht als akademische Spielerei, sondern als Basis für eine furchbare, diffamierende Anklage benutzt, so ist das mindestens eine unerhörte Gewissenlosigkeit, wenn nicht noch was Schlimmeres. Und der Herr Prof. Groß, Lehrer der Rechtswissenschaft, breitet über die Missetat der Herren Fritsch und Schütze den mit einer wissenschaftlichen Floskel verbrämten Mantel der christlichen Liebe und bemerkt: Auf die Worte: „für unsere eigene Person" darf kein Gewicht gelegt werden; dies kann nur sprachlich konstruktive Form sein; schwören, groben und Gelübde machen, kann man ja immer nur für seine eigene Person." Also sprach Rabbenu Gross. — Ach. wie so ganz verschieden vom Rabbenu Tham! Gross „pask'ent" hier eine Halacha im schärfsten Widerspruch zu allen unseren Autoritäten, von Mose bis auf den heutigen Tag. Wir werden fürderhin wissen, woran wir uns zu halten haben. (Weitere Artikel folgen.) >< Jüdisches &l<escfkii>er«Ief»iicfi >< i '- '<r , Wir erhalten zu dieser neueingeführten Rubrik folgende Zuschrift: „Sehr geschätzter Herr Redakteur! Ich bin fest überzeugt, im Namen zahlreicher Glaubensgenossen zu sprechen, wenn ich Ihnen für die ausgezeichnete Idee, ein jüdisches Beschwerdebuch herauszugeben, vielen Dank ausspreche. Schon die erste Beschwerde, welche Sie im Interesse des jüdischen Kurpublikums vorgebracht haben, dürfte, wie ich hoffe, auch die Zweifler an der Notwendigkeit eines solchen Beschwerdebuches davon überzeugt haben, daß wir Juden tatsächlich ein Sprachrohr brauchen, wo solche Unzukömmlichkeiten im jüdischen Leben besprochen werden, um dadurch ihre Abstellung herbeizuführen. Auch ich habe heute eine Beschwerde vorzubringen, und zwar eine solche gegen einen bekannten Wiener jüdischen Sportverein. Man hat in letzter Zeit bereits vielfach, zum Teil nicht unberechtigt, Beschwerden gegen die „Hakoah" in der jüdischen Oeffentlichkeit erhoben. Man bemängelte ihre allzu einseitige politische Einstellung, man machte ihr die verunglückte Amerika-Reise zum Vorwurf und den Abfall ihrer tüchtigsten Fußballspieler, wie insbesonders die Beschwerden gegen die Fußballsektion dieses Vereines immer zahlreicher wurden und schließlich sogar zu einer Demission des üesamtvorstandes führten. Wie verlautet, bemühen sich nun einige besonnene Vorstandsmitglieder, eine Umformung dieses jüdischen Sportvereines in dem Sinne in die Wege zu leiten, daß der Verein zu einer gesamtjüdischen Institution ausgebaut werden kann. In krassestem Widerspruch zu diesen gewiß anerkennenswerten Bestrebungen steht ein Vorfall, welcher in zahlreichen jüdischen Kreisen berechtigtes Aergernis hervorgerufen hat, dem ich mir nun Ausdruck zu geben gestatte. Nach langer Abwesenheit von Wien hat die Fußballmannschaft der „Hakoah" ihr erstes Debüt in unserer Stadt angetreten. Ich will nicht darüber Klage führen, daß dieses Debüt einen beschämenden Mißerfolg der jüdischen Fußballmannschaft darstellt, die einem Wiener Fußballklub 4:1 unterlegen ist, sondern ich möchte meinem Befremden, ja sogar meiner Entrüstung darüber Ausdruck geben, daß diese jüdische Mannschaft ausgerechnet an einem Samstage und noch dazu am Vorabend von Tischo b'Aw, dem größten jüdischen Trauertage des Jahres, ihr Spiel abgehalten hat. Diese Tatsache allein genügt, um darzutun, daß sich eine gewaltige Aenderung nicht nur im äußeren Aufbau, sondern auch in der seelischen, in der jüdischen Einstellung des Vereines wird vollziehen müssen, bevor die „Hakoah", wie es viele jüdische Sportfreunde wünschen, eine wahrhaft jüdische Institution werden kann. Indem ich Ihnen, sehr geschätzte Herren Redakteure, für die Aufnahme dieser Zeilen bestens danke, verbleibe ich Ihr ergebener Ingenieur L. B. MÖBELFABRIK SIGM. WIEN, 2. BEZ., PRA TERSTRASSE NR. 30 Reiche Auswahl solid gearbeiteter FERNSPRECH-NUMMER 45-1-91 P P E N H E I M Möbel zu billigsten Preisen

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