Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 33 (12.8.1927)
- Date
- 1927-08-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Öffi WAHRHEIT Hlllllliniliniflflllll Seite 7 kannt wird, in welchem es ausdrücklich heißt: „Wilhelm II. ist nichts anderes als ein Enfant terrible und man kann keiner seiner Versicherungen Glauben schenken ... Es scheint auch das nersönliche Bedürfnis des Kaisers zu sein, alle Völker gegeneinander zu hetzen." Der deutsche Kaiser wußte, wie sein scharfblickender königlicher Onkel, der in seiner Stellung sich stets von Weisheit, Würde und Zurückhaltung leiten ließ, über ihn dachte. Ist es vielleicht damit zu erklären, daß Wilhelm II. in seiner Erbitterung über den König sich selbst so weit vergaß, gallige Andeutungen über seinen Onkel zu machen, die geeignet waren, einen dunklen Schatten über dessen rassenreine Abstammung zu werfen? Die antisemitische Presse hat diese Andeutungen mit Wollust' ausgeschrotet, unbekümmert darum, daß sie jedenfalls dem legitimen Prinzip mehr schadeten, als den verhaßten — Juden. * * * Die Rassenschützler haben den verblichenen Fürstprimas Czernoch mit einem Hasse beehrt, der um so grimmiger und intensiver war, als sie ihm laut keinen Ausdruck zu geben wagten. Die züchtigenden Worte des toten Kirchenfürsten, die einst wie Peitschenhiebe auf die Rassenschützler niedersausten, finden beim Tode Czernochs eine Auferstehung, die niederschmetternd auf Antisemiten aller Länder und aller Couleurs trifft. Am Grabe des Fürstprimas wird nun nebst vielen anderen Reminiszenzen an den edlen Mann auch die Erinnerung an die Rede wach, die er vor mehr als einem Jahrzehnte an den Sprecher einer jüdischen Deputation richtete und die damals in den furchtbaren Stürmen der Zeit verhallte. Das sagte der Fürstprimas: „Ich achte die Juden, denn ich kenne ihren Fleiß, ihren Familiensinn und ihren Patriotismus. Den Antisemitismus verurteile ich, die unter dem Deckmantel des Christentums begangenen Verbrechen verabscheue ich. Der wahre Christ kennt keinen Religionshaß, er kennt nur Religionsliebe, die alle Menschen umfängt, die guten Willens sind." Man sollte meinen, daß die klerikalen Blätter, die sich als die priviligierten Pächter der christlichen Lehre fühlen, in erster Reihe Wert daruaf legen werden, dafür zu wirken, daß Aeußerungen eines der höchsten Kirchenfürsten den Gläubigen mitgeteilt werden. Seltsamerweise überlassen sie diese Aufgabe ausschließlich der sogenannten — „Judenpresse". Sollen denn nur die Juden darüber belehrt werden, was christliche Religionsliebe ist? * * * Henry Ford denkt also nicht im Traume daran, für die Präsidentschaft in den Vereinigten Staaten zu kandidieren. Es ist auch festgestellt, daß sein Reichtum in der letzten Zeit geradezu ins Ungeheuerliche gewachsen ist. Er hat auch, wie man nun weiß, keinen Moment daran denken können, daß bei dem seinerzeit gegen ihn geplanten Attentat politische oder konfessionelle Einflüsse sich geltend gemacht hätten. Sollte also doch noch das Undenkbare glaublich werden, das sich einmal ein Mensch gefunden, der selbst das Unrecht gegen Juden als — Unrecht erkannte? Der Patriarch von Jerusalem, Monsignore Barlassina, hat sich in die Oeffentlichkeit vatikanischer Blätter geflüchtet, um die ihm angedichteten häßlichen Erklärungen zu dementieren. Die Patriarchen des Alten Testamentes haben es nicht so gut. Sie müssen sich jahraus jahrein die nichtswürdigsten antisemitischen Anpöbelungen gefallen lassen, ohne daß ihnen die vatikanischen Organe zu Hilfe kämen. Ä ijt * Das hakenkreuzlerische Tagblatt hat am 7. August einen Artikel „System Sacco und Vanzetti" veröffentlicht, in welchem u. a. buchstäblich zu lesen war: „Die all jüdische Presse Amerikas lief Sturm gegen den Spruch des Gerichtes und auf Grund „verschiedener" Interventionen gelang es, die Vollstreckung des Urteiles sieben Jahre lang hinauszuschieben". Ein paar Zeilen weiter heißt es: „Die Judenblätter aller Farben und aller Länder der Welt schmieren ihr (der „N. Fr. Presse") gleich, nur noch offener und radikaler. Die Börsenschmocks, die Großbankjournals, die ganze Kapitalistenpresse gröhlt mit den beiden Banditen geradezu: ,Es lebe die Anarchie'!" Daran schließt sich der furchtbare Aufschrei: „Dies ist das System Pruscha, Wimpassinger, Grosavescu, das sich in Oesterreich so bewährte". Und weshalb das alles? Die prompte Antwort lautet: „So schützen Allj u d a und die Loge ihre Handlanger, die ihnen gute Dienste geleistet haben und die sie, weiß Gott, noch brauchen können." Der Artikel der „Dötz" mag vielleicht unter dem Drucke der Hundstagshitze zum Drucke befördert worden sein. Aber auffallend bleibt dann, wie der Autor, der die Pruscha, diese zärtliche Freundin eines hakenkreuzlerischen Jünglings in den Dienst „Alljudas" stellte, die Versuchung bekämpfen konnte, auch Rothstock den „Handlangern Alljudas" zuzureihen? Wer in einem — nicht just am Steinhof redigierten Blatte — Wimpassinger zu den Schützlingen der „Judenpresse" rechnen kann, hätte getrost auch Rothstock dazu ernennen dürfen. Das eine ist so vernünftig wie das andere. Und die Aufschrift „System Pruscha, Rothstock und Wimpassinger" hätte wirklich hübsch geklungen. * * * Zum Kchlusse des hakenkreuzlerischen Hundstags-Artikels fällt der Schreiber ein wenig aus seiner Rolle. Er macht da schon den Eindruck eines Menschen, der nicht bloß unter den Einwirkungen der Hundstagshitze steht, sondern bereits von einem tollen Hunde gebissen wurde. Wutschäumend apostrophiert er die Hakenkreuzler: „Schützen wir alle, die für uns kämpfen und für uns Taten vollbringen, gleich zäh und stark, so wie die anderen ihre Verbrecher!" Eine schöne Zumutung das! Und noch dazu unter den Augen des Staatsanwaltes, der, nach dem Wortlaut dieser Aufforderung, keinen Moment im Zweifel darüber bleiben dürfte, welcher Art die Taten sein müßten, die sich des Schutzes der Hakenkreuzler erfreuen sollen. Es ist ja wahr, im kritischen Moment würde sich die „Dötz" darau? ausreden können, es liege da eigentlich nur ein Attentat auf die deutsche Sprache vor, das zu einer Mißdeutung geführt habe. Nun, die Unkenntnis des