Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 33 (12.8.1927)
- Date
- 1927-08-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT i!ill!!!!!!!!!H!II!!M!i!M ÜIOIIIIIHIIlIülllllill Seite 5 Schleidermacher sie einmal bezeichnet, wurden zumeist zu Herden der Modekrankheit des Abfalles vom Judentum. Eine Fanny v. Arnstein schreibt noch in ihrem Testament: „Ich bitte meine Tochter, zwar keiner Nation oder Religion ein Vorrecht in ihren Gaben zu geben, allein doch immer zu bedenken, daß der arme Jude nur bey seinen Glaubensgenossen Unterstützung findet, statt daß den armen Christen beyde Nationen Stütze und Hilfe wird". Ihre Tochter kehrte bereits dem Judentum den Rücken. In welchen Anschauungen das Geschlecht von heute vielfach aufgewachsen ist, bezeichnet das folgende Erlebnis. Als vor kurzem in einer Gesellschaft geistig hochstehender jüdischer Frauen davon die Rede war, wie wünschenswert eine religiöse Fortbildung unserer jüdischen Frauen und Mädchen sei, erklärte eine ausgesprochen jüdisch interessierte ältere Dame: „Was verstehen Sie unter jüdischer Religion? Tch erinnere mich, daß ich als Kind von meinem Vater einmal Schläge erhielt, weil ich an Erew Pessach ein Kipfel gegessen hatte. Mit diesem Eindrucke verbinde ich alles, was ich mir unter .Releigion' vorstelle". Nun muß man sich freilich erinnern, daß, wie ein bekannter jüdischer Literat aus seiner eigenen Jugendzeit berichtet, die jüdischen Kinder, wie etwa in Wien, von den Eltern selbst angehalten wurden, am christlichen Religionsunterricht teilzunehmen. Dieser Unterricht war in den Stundenplan so eingeschaltet worden, daß die jüdischen Schüler, die nicht daran teilnahmen, diese eine Stunde auf dem kalten Korridor sich aufhalten mußten. Um nun das Kind vor Erkältung und Allotriatreiben zu bewahren, ließ man es lieber in den christlichen Religionsunterricht gehen. So kam es, daß der Katechet des jüdischen Bekenntnisses eines Knaben erst inne wurde, als er ihm. der bei ihm Vorzugsschüler war, bei der Verteilung von Heiligenbildern eine dieser „Fleißprämien" zugedacht hatte, und das Kind die Ablehnung mit seiner Zugehörigkeit zum Judentume begründete. (Fortsetzung folgt.) Rassendogmatismas und Rassenfanatismus. (Schluß.) Deutschtum ist somit kein Erzeugnis des Blutes, sondern ein Produkt des Geistes. Niemals und nirgendwo sind Völker Blutsorten gewesen. Weder die Juden, die sowohl von deutschvölkischer als auch von jüdischnationaler Seite so gern zur „Rasse" gestempelt werden (und zwar erstere so gern als „minderwertige" oder „Köterrasse", was natürlich, abgesehen von der Gemeinheit, auch ein Widerspruch in sich ist), noch auch die Griechen oder Römer bilden eine Rassengemednschaft, weder die Franzosen der Bourbonenzeit, noch die Angelsachsen, noch auch die Italiener Mussolinis könnten als solchie angefeehjen wterden. Dter ganze neuzeitliche Nationalbegriff hat sich nicht an der Rasse, sondern, wie Willy He 11 p a c h richtig bemerkt, ausschließlich an der Sprachgemeinsamkeit entfaltet. Die deutlich vernehmbare Stimme der Rede und nicht die mataphorische und stumme Stimme des Blutes ist es, welche das Volkstum, d?e „Nationalität" der Menschen bedingt; ist sie verklungen, steht sie nicht mehr in lebenden Gebrauch, dann kann — das mögen sich auch jüdische „Nationalisten" gesagt sein lassen — von „Nation" keine Rede sein. Je weiter wir in unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der Vererbungsgesetze fortschreiten, je tiefer Anthropologie und Biologie in das Geheimnis des Werdens und Vergehens des Einzelnen sowohl wie der Völker einzudringen vermögen, desto hoffnungsloser v/ird die Meinung, als lasse sich der Stammbaum eines Menschen als „rasserein" garantieren oder züchten. „Keine religiöse oder nationale Verfolgung" sagt Hellpach: „wäre so gewalttätig gewesen, wie eine sein müßte, welche die Reinheit der Rasse herstellen wollte, und keine so nutzlos wie ein solcher Kampf gegen eine Hydra der immer wieder vorbrechenden erblichen Ueber raschungen. Und selbst wenn es glücken könnte, mit Blutbädern oder Kastrationsgesetzen die dunklen oder die kleinwüchsigen oder die rundköpfigen Menschen auszujäten und das reine Volkstum der Hochwüchsigen, Langköpfigen, Weißhäutigen, Blondhaarigen. Blauäugigen aufzurichten — was wollte man wider die jüngstens durch unantastbare Forscher der Gewißheit nahegebrachte Wahrscheinlichkeit unternehmen, daß z. B. die Schädelform mit dem Ortswechsel sich verändert und die Dolichokephalen auf neuem Boden einfach brachykephaler werden? Hier zerbröckelt das ganze Rassedogma schon seit einem Jahrzehnt in der scharfen Luft neuer wissenschaftlicher Einsichten. Der Begriff der Rasse ist durchlöchert vom Begriff der Konstitution; der Tatbestand der Rasse wird fließend, indem er keine bloße Variante, sondern eine Variable der Art darstellt, variabel durch die Einflüsse der Umwelt." Denjenigen, welche ihr Rassendogma so gerne in den Gegensatz von „a r i s c h" und „s em i t i s c h" kleiden, die sich stolz als „Arie r" oder „Germanen" bezeichnen und auf die „Samiten" verächtlich herabblicken, — ein Grund zu Stolz oder Verachtung läge natürlich auch dann nicht vor, wenn diese Anschauung richtig wäre — denen wäre gegenübcrzuhalten, daß weder „germanisch" noch „;irisch" anthropologische, sondern ausschließlich philologische, bzw. linguistische Begriffe sind. ..Germanen" nennen wir die Völker, welche eine Sprache der germanischen Spracheniarnilie reden, die selber wieder eine Sippe der größeren „indogermanischen", arischen Sprachenfamilie darstellt. Schon Max Müller hat die anthropologische Umfälschung des Begriffes „arisch" beißend ironisiert; das sei genau so, meinte er, als wolle man von einer kurzköpfigen Grammatik reden; man kann das vielfältig variieren und sagen, „germanisches Blut" oder „deutsches Blut in den Adern" sei genau so sinnvoll wie ein blondes Imperfektum oder eine hellhäutige Partizipialkonstruktion. Es mag wohl eine Zeit gegeben haben, in welcher sich Rasse und Sprache im wesentlichen gedeckt haben, doch ändert sich dieser Zustand, je mehr die SDrache zum Werkzeug der Kultur und Zivilisation wird. Rein äußerlich pflegt sich diese Wendung in der Entstehung der Schriftsprache darzustellen, indem in den Fesseln der Schrift das lebendige Wort gezähmt und höheren, geistigen Zwecken dienstbar gemacht wird. Hierdurch wird die Sprache des Volkes zu jener alles ausgleichenden, alles verbindenden und verschmelzenden Kraft, welche die eigentliche Schöpferin des Volkstums ist. Wer die Sprache eines Volkes redet, der lebt den Geist desselben, der, dessen Muttersprache sie ist, und nur der muß als Glied der Volksgesamtheit angesehen werden: „Der ganze moderne Nationalbegriff ist denn auch", wie Hellpach folgeirt, „auf die Sprachgemeinsamkedt gründet Tscheche ist, wer das Tschechische als seine „Muttersprache" spricht, nicht wer ein „böhmisches" Gesicht hat (womit gewisse Varianten des alpinen Typs im alten Oesterreich gern charakterisiert wurden) oder wessen Vorfahren im Lager von Tabor gestanden sind. Die „germanischen", lies nordischen Volksmassen Nordfrankreichs, groß, blond, blauäugig, langschädlig, sind so perfekte Franzosen (und manchmal fanatischere) als irgendein kleiner, graziler, schwarzhaariger und dunkelsamtäugiger Provenzale oder Gaskogner. Die Nation der Vereinigten Staaten von Nordamerika, noch immer vor unseren Augen im Werden und Wachsen, ist das grandioseste Beispiel dafür, wie eine reine Umgangssprache, stark auf Utilität und Konvention zugeschnitten, fast ohne „Literatur", das bunteste Rassengemisch der Alten Welt in ihrem Schmelztiegel zur nationalen Einheit legieren kann. Deutsch heißt heute, was Deutsch spricht, und unter Deutschtum, deutschem Volk begreifen wir die Totalität des deutschen Sprachgebietes, wobei wir das geschlossene deutsche Sprachgebiet Deutschland im weiteren Sinne (im „natürlichen" Sinne) zu nennen pflegen." Ueberall in deutschen Landen vernehmen wir die Stimme der Sprache und, wo sie uns fern der Heimat entgegenschallt, da dringt sie noch viel tiefer in unsere Seele, in unser Herz ein, da fühlen wir uns mit dem in unserer Sprache Sprechenden wie durch ein unsichtbares Band verbunden; in fremden Landen, dort wo fremde Zungen an unser Ohr klingen, da erscheint uns ein Wort in unserer Muttersprache doppelt wert, mag uns auch der Sprechende sonst völlig fernestehen. Wo aber ist die Sprache des Blutes, wie macht diese sich uns vernehmlich? „Wer, einem gequälten Irren gleich", sagt Hellpach, „immerfort die Stimmen des Blutes ihren Wahn ins Ohr schreien hört, der mag sich einen paranoischen Spaß daraus machen, auch in diesem Gewimmel von Genies die langschädeligen und blondhaarigen auszuzählen und womöglich aufzustöbern, ob Goethes mangelhafter Patriotismus nicht am Ende doch jüdischen Einschusses von den Lindheimers her gewesen sei. Schiller, der die deutsche Sprache am kühnsten und erstaunlichsten zur Hergabe „welscher" Qualitäten, von Esprit und Deklamation, gezwungen hat. war wohl ein nordischer Mensch, aber Kant und L e s s i n g und B e e t h o-