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Die Wahrheit · 1927-08-12 · Heft 33 (12.8.1927) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 33 (12.8.1927)
Date
1927-08-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 [illttWiilitiiiltilMifl millBllllIIIimiilUlllllBlIll DIE WAHRHEtt Eine 1-Millionen-Dollar-Anleihe der Pester israelitischen Religionsgemeinde. Einen „historischenAugenblick für die Pester Judenschaft" nennt der bekannte ungarische Rechtsanwalt und Abgeordnete Dr. Eugen Gäl die Bewilligung einer 1-Millionen- Dollar-Anleihe, die auf Antrag des verdienstvollen Präsidenten der Pester israelitischen Religionsgemeinde Dr. Alexander L e d e r e r durch Beschluß der Plenarversammlung des Kultusvorstandes für den Bau von tdrei großen Synagogen, jüdischen Schulen, eines Spitals mit Poliklinik, eines jüdischen Gemeinde- und Repräsentationshauses sowie verschiedener jüdischer Wohlfahrtsanstalten beschlossen wurde. „Dieser Beschluß ist", sagt Dr. Gäl, „mehr als eine bloße Förderung des religiös-konfessionellen Lebens: die Synagoge, die Schule, das Spital werden ein Bollwerk des nationalen Charak-. ters, der nationalen Kraft und der nationalen Wohlfahrt bilden; sie sind ein Opfer, dargebracht vom Judentum auf dem Altar des ungarischen Vaterlandes." In der Tat ist dieser bemerkenswerte Beschluß, welcher den Aufbau so gewaltiger Werke in der kurzen Zeit von zwei Jahren vorsieht, das Zeichen einer Kraft, einer Stärke und inneren Festigkeit, wie es seinesgleichen sucht. Speziell der Bau dreier großer Synagogen im Zentrum von Budapest ist ein Ausdruck des vom Präsidenten Dr. Lederer verkündeten Programmes der „Rückkehr zum Judentum", wie er sich schöner nicht denken läßt. Der Beschluß des Pester Kultusvorstandes führt uns aber auch deutlich vor Augen, wohin selbst unter noch so schwierigen politischen Verhältnissen es eine Gemeinde bringen kann, wenn sie zielbewußt und energisch geleitet wird und alle ihre Mitglieder in dem Gefühle der Opferwilligkeit und Opferfreudigkeit fest zusammenhalten. Dr. Eugen G ä 1 verlangt, — und wir können dieses Verlangen recht gut begreifen — daß das Protokoll jener denkwürdigen Sitzung, in welcher der Beschluß der Aufnahme der Anleihe erfolgt ist, vervielfältigt und sämtlichen Gemeindemitgliedern zugestellt werden solle, mit der Bitte, dasselbe aufzubewahren, damit einst vergilbte Blätter Kindern und Kindeskindern davon Kunde geben, daß eine jüdische Gemeinde Qualen und Entbehrungen mit schaffender Arbeit und werktätigem Aufbau vergolten habe. M" ff Bezugsbedingungen Halbjährig: für Oesterreich S 8.50, Ungarn Pengö 8-50, Deutschland Qoldra. 7.—, Tschechoslowakei CK 60.—, Polen ZI. 11—, Schweiz Fr. 7.—, Amerika l1/* Doll.Jtalien Lire 40.—, England Schilling 15.—, Rumänien Lei300.—.JugoslawienDinar 100.— Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Die Abfallbewegung des Westens scheint auf den ersten Blick eher auf das Konto der Frauen zu schreiben zu sein. Daß sie von dem Hause eines so durchaus begeisterten, überzeugten Juden wie Moses Mendelssohn mit ihren Ausgang nehmen sollte, ist nur dadurch zu erklären, daß, wie auch Heine richtig erkannt hat, die religiöse Erziehung der Mädchen den Anschluß an den Fortschritt der allgemeinen Pädagogik versäumt hatte und der gedanklichen Durchdringung des Ueberlieferungsstoffes entbehrte. Lehrreich ist, was wir in den „Jugenderinnerungen" einer Henriette Herz hierüber lesen. Ein freierer Geist war schon hie und da mit dem siebzehnten Jahrhundert ins Ghetto eingezogen. Sam. Benvenistes Orech jamim, auf Wunsch frommer Frauen verdeutscht, eifert gegen das Dekolletieren und die „Tour", gegen das ungebührliche Benehmen der Frauen im Gotteshause, wogegen die Züchtigkeit der arabischen Frauen und die Ehrfurcht Andersgläubiger in ihren Bethäusern gerühmt wird. Das Buch ist gewidmet der achtjährigen Moscita, die, „tüchtig in Deutsch und Latein", dem Schreiber ein Seferthora zu korrigieren behilflich war. Der Bruch mit der Tradition vollzog sich allmählich in Norddeutschland im Kreise der Salonjüdinnen, in Oesterreich mit dem Fallen der gesellschaftlichen Scheidewände zwischen Christen und Juden, etwa seit dem Erlasse des Toleranzpatentes, an dessen Zustandekommen übrigens auch eine Jüdin, Ella Fließ, geborene E s k e 1 e s, erheblichen Anteil hatte. Diesen Uebergang können wir, wie erwähnt, am besten wahrnehmen an Henriette Hertz. Sie war das Kind eines vielbeschäftigten Arztes aus portugiesischer Familie. Wie in ihrem Elternhause sah sie auch in den befreundeten Familien streng traditionstreues jüdisches Leben vor sich. So besonders in dem Hause des Bankiers Itzig, des Vaters der späteren Frauen Arnstein, Eskeles, Lewy, Oppenheim und Ephraim. Nachdem Gans sich mit ihm darin einverstanden erklärt hatte, daß der Uebertritt eines Juden zum Christentum ein Bubenstreich sei und trotzdem bald darauf sich hatte taufen lassen, erklärte Daniel Itzig: „Der Kerl darf mir nicht mehr über die Schwelle". Daß seine eigenen Nachkommen diesem Geiste untreu wurden, war ein tragisches Schicksal, das er mit Moses Mendelssohn teilt, in dessen Familie Henriette Hertz gleichfalls freundschaftlich verkehrte. Sie war schon als Kind ihrer Schönheit wegen berühmt. Als eine Schwester Friedrichs des Großen sich einmal eine Laubhütte ansehen wollte, wurde sie herbeigeholt, um der Prinzessin vorgeführt zu werden. Auch einer anderen Schwester des großen Königs, der Königin von Schweden, wurde sie einmal bestimmt, mit einer kleinen Ansprache ein Karmen zu überreichen. Sie lernte Hebräisch und konnte die Bibel sogar mit einigen hebräischen Kommentaren im Urtexte lesen. Die Mutter zeigte sich gegen sie lieblos. Um so zärtlicher war der Vater. Seine schwerste Strafe für eine Unart war, daß er dem Kinde am Freitag Abend den Segen versagte. „Dann war ich", so schreibt sie in ihren Erinnerungen, .sehr unglücklich', ich ließ nicht ab mit Bitten und Flehen, bis er versöhnt war." Ueber die geistlose und vielfach abstoßende Erziehung der jüdischen Mädchen ihrer Kreise urteilt sie streng und bitter. Ohne ihnen den Sinn der Gebote zu erklären, wurde auf ihre peinliche Beobachtung gehalten. So kam es, daß H. H., mit dem gleichfalls gewissenhaft religiösen Arzte Markus Herz vermählt, das überlieferte Tragen einer Haube als lästig empfand. Nach einer Krankheit legte sie diese jüdische Haartracht ab. „Meine Eitelkeit", schrieb sie, „ließ uns auch Gelegenheit sich zu freuen, weil auch um diese Zeit den jüdischen Frauen gleichsam die Erlaubnis gegeben ward, wenn auch nicht ihr eigenes, doch falsches Haar tragen zu dürfen, und da meine Eltern nichts dagegen hatten, wurde eine Perücke angefertigt, die mir sehr gut stand, doch ward sie bald beiseite gelegt und das eigene, rabenschwarze Haar ersetzte sie. Ich lebte fröhlich" . . . Einer weiblichen Generation, der das Judentum sozusagen „an einem Haar" hing, konnte zu einer Zeit des Ueberganges nichts näher liegen, als der Uebertritt ins andere Lager. Die Salons dieser Jüdinnen, die Bureaux d'esprit, wie

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