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Die Wahrheit · 1927-08-12 · Heft 33 (12.8.1927) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 33 (12.8.1927)
Date
1927-08-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit;.;;,ni:]irunnnnnnmnnnnir^r.in;iiiiiiiiuH ilillMWÜüyi'SJlülDülilü! Seitb 3 einem Wandel ihrer Anschauungen gelangen werden. Aber denjenigen, die, überzeugt durch antisemitische „Argumente", bisher an die „Verjudung" der Weltwirtschaft geglaubt haben, müßte nach den Erfahrungen von Genf und Stockholm doch eine andere Erkenntnis dämmern. Ludwig Holländer. Am 5. August feierte der Direktor des „C e ntral-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Dr. Ludwig Holländer seinen 50. Geburtstag. Diesem freudigen Anlasse widmet der Vorsitzende dieser rührigen Vereinigung der Mehrheit der deutschen Juden den folgenden herzlichen Aufsatz einer Sondernummer der „C. V.- Zeitmng". Der Wunsch, in den er ausklingt, ist auch uns aus dem Herzen gesprochen. Die Redaktion. In unserer Zeit, die den Luxus des Altwerdens nicht kennen darf, in der Männer und Frauen des biblischen Alters mit jugendlicher Frische und Freudigkeit arbeiten müssen und arbeiten, kann man zweifeln, ob die Vollendung des fünften Lebensjahrzehnts schon einen Anlaß zu Feierlichkeiten gibt, und unser alter Freund Ludwig Holländer würde sicherlich schon aus diesen Erwägungen heraus sich jede Feierlichkeit verbitten. Wenn wir trotzdem den dringenden Wunsch fühlen, diesen Tag feierlich herauszuheben, so findet dies seine Rechtfertigung darin, daß wir in unserem eigenen Interesse Veranlassung haben, uns an diesem Tage rückschauend mit dem Leben von Ludwig Holländer zu beschäftigen. Die Hälfte dieses Lebens gehört der Arbeit für unseren Centraiverein. Vor fünfundzwanzig Jahren bereits stellte sich Ludwig Holländer in M ü n c h e n besonne in der Nacht nicht scheint. Augenzeugen mit der Parteibrüle werden aber Zeugnis ablegen, daß die Sonne in der Nacht scheine. Das rabbinische Judentum war sehr vorsichtig, einem Nebenmenschen „chosched zu sein, ihn ungerecht und ungerechtfertigter Weise zu verdächtigem, und lehrt es von Eli, der die Hanna im Tempel mit eigenen Augen sah, sie für trunken hielt und ihr diesen Vorwurf machte, während es trotzdem der Wahrheit nicht entsprach. Der alte Priester Eli sah sein Unrecht ein und suchte es gut zu machen, indem er die Hanna mit einem Segenswunsch entließ. Sehr viel kann die heutige Zeit aus der Weisheit der Alten lernen, wohl aber das Wichtigste und Schönste, daß man den Nächsten nicht zum Schlechten, sondern zum Guten beurteilen müsse. Wenn viele Menschen diese Tugend heute nicht aufbringen, so hat das meist in der Parteiverblendung seinen Grund. Schon die Heilige Schrift bezeichnet die Parteilichkeit des Richters, indem sie sagt, seine Augen werden blind, er sieht nicht mehr klar und richtig, weshalb auch sein Urteil nicht mehr verläßlich sein kann. Auch die „Parteilichkeit" vieler Menschen ist schuld, wenn sie weder ein „gutes" noch ein ehrliches Auge haben und dann als Augenzeugen falsch und Falsches sehen und berichten. Sollen die Augen als wahre Zeugen gelten, so dürfen sie nicht nach „Parteien Gunst und Haß" sehen, sondern Wahrheit und wahren Sachverhalt erkennen, den sehen, der aus dem Hintergrund Bosheit und Tücke übt. „Eure Augen sind es, die sehen", sagt Moses und prägt damit gerade der „midjanitischen" Partei in Israel angesichts ihrer Schuld die Pflicht zur Wahrheit ein. Im Talmud heißt es: man gehe nicht in eine Ruine — wegen der Verdächtigung, der Einsturzgefahr und der bösen Geister. Was der Chor der bösen Geister oder diese im Chore treiben, oder den Schaden, den ein sich loslösender Stein stiftet, sehen die Augenzeugen nicht, wenn sie verdächtigen. Man hüte sich vor der Ruine der Parteileidenschaft, denn sie leistet Vorschub der Sinnestäuschung und macht zu falschen Zeugen — Augenzeugen! geistert und begeisternd ehrenamtlich in unsere' Reihen. Wir Aelteren erinnern uns noch deutlich des Eindrucks, den der junge Holländer auf uns machte. Er war die Personifizierung des Centralvereins- Gedankens. Wir traten im Jahre 1908 an ihn mit der Bitte heran, seine aussichtsvolle anwaltliche Tätigkeit in München aufzugeben und sich ganz in den Dienst unserer Sache zu stellen. Ludwig Holländer ist unserem Rufe mit der Selbstverständlichkeit gefolgt, die alles Große auszeichnet. Wenn wir mit ihm auf die 19 Jahre zurückblicken, in denen er an vorderster Stelle für uns und mit uns gearbeitet und gekämpft hat, so muß er und müssen wir dankbar den Tag segnen, an dem er sein Schicksal mit dem unserer Vereinigung unlösbar verbunden hat, unlösbar, weil die Arbeit im Dienste unserer Idee für einen Mann wie Ludwig Holländer eine Lebensnotwendigkeit, eine moralische Aufgabe darstellt. Arbeit und Sorgen sind ihm in den ganzen Jahren reichlich geworden. Intra et extra muros hat er manchen Kampf bestehen müssen, der nicht immer in der vornehmen Weise, die ihm selbst eigen ist, geführt wurde. Wenn wir ihn auch heute noch mit derselben Begeisterung vor uns sehen, die den Jüngling auszeichnete, so verdankt er dieses im wesentlichen zwei Tatsachen: Er ist das Vorbild eines guten deutschen Juden. Jederzeit fühlte er in sich die Kraft, die aus seinem Deutschtum und seinem Judentum in unlösbarer Verbindung ihm erwächst. Er ist ein Repräsentant der deutschen Juden, die es als göttliche Fügung empfinden, auf deutschem Boden und in tätiger Liebe zur deutschen Heimat ihrem Judentum zu leben, die in der Parole „Um Deutschtumund Judentum" nicht ein politisches Schlagwort sondern eine innere Notwendigkeit erblicken, die in Ablehnung jedes gedankenlosen Assimilantentums wissen, daß sie auch ihrem deutschen Vaterlande am besten dienen, wenn sie ihrer Jahrtausende alten jüdischen Geschichte und der viele Jahrhunderte alten Geschichte der deutschen Juden auf deutschem Boden treu bleiben. Ludwig Holländer, ein Schüler des wissenschaftlich strengen Professors Lujo Brentano, gehört zu den wenigen Politikern, die ihr Leben lang Wissenschaftler geblieben sind. Er ist niemals der Routine verfallen, die so vielen Politikern eigen ist. Seine Arbeit ist ein tägliches, voraussetzungsloses Ringen um das Erkennen und um die Bewältigung der großen Lebensprobleme. Er gehört zu den seltenen Menschen, die auch im politischen Kampfe dem Gegner gerecht zu werden sich bemühen. Er hat niemals in dem Gegner von vornherein einen böswilligen oder dummen Menschen gesehen. Soweit man insbesondere von Gegnern auch innerhalb des Judentums sprechen darf, hat er in dem deutschen Juden, der andere Wege ging, immer den Menschen gesehen, der auch mit sich ringt, um den großen Problemen gerecht zu werden. Wir wünschen, daß uns Ludwig Holländer noch viele, viele Jahre in seiner Begeisterung, in seiner Frische, in seiner Bewältigung der Probleme erhalten bleiben möge.

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