Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 32 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 iiOfflumfTTUJiiJiHiiiiiitntuthiitiiinitirtJiiniiiuirmiifmTinii die wahrheii breiteten Kritiksucht Vorschub leisten würden. Alle diese und noch viele andere Einwände haben wir reichlich erwogen und die Gründe, welche für unser Unternehmen sprechen, als stärker befunden als die. wie wir gerne zugeben wollen, teilweise berechtigten Einwände gegen dasselbe. Zunächst haben wir vor der Welt nichts, absolut nichts zu verbergen. Unser Leben, unsere Sitten und Gebräuche, die Vorschriften unserer Religion und unserer Jahrtausende alten Ueberlieferung liegen klar zu Tage. Dann aber kann niemand von uns ein größeres Maß von Vollkommenheit beanspruchen als wir selbst auf Grund der strengen Satzungen unserer Religion und der oft peinlich genauen Vorschriften der mündlichen Ueberlieferung von uns selbst zu fordern verpflichtet sind. Schließlich ist es ja klar, daß sich gerade das jüdische Leben, welches fast alle Zweige der menschlichen Betätigung erfaßt und sich nicht allein auf gottesdienstliche Handlungen erstreckt, sich nicht reibungslos abspielen kann» und zwar um so weniger, je inniger und umfassender es wird. Das jüdische Beschwerdebuch, das einem nichtjüdischen Vorbild, das sich bestens bewährt hat, nachgeahmt ist, soll also, kurz gesagt, den Zweck haben: Unzukömmlichkeiten im jüdischen Leben, die oft nur der Gedankenlosigkeit oder Unachtsamkeit entspringen und leicht behoben werden können, im Interesse der jüdischen Oeffentlichkett aus der Welt zu schaffen, Ratschlägen und Anregungen, welche auf die Verbesserung jüdischer religiöser, sozialer oder ritueller Einrichtungen abzielen, der Allgemeinheit zur Kenntais zu bringen, und schließlich dort, wo wirklich ein schätzenswertes jüdisches Interesse gefährdet erscheint, durch Publikation eine raschere Abhilfe zu gewährleisten, als dies auf anderem Wege möglich wäre. Daß wir natürlich nur Beschwerden veröffentlichen, welche uns begründet erscheinen, alle kleinlichen oder allzu persönlichen Ausstellungen aber, die oft nur einer üblen Laune entspringen, von der Publikation ausschalten werden, brauchen wir wohl nicht besonders zu betonen. Wir wären unseren Lesern für eifrige Mitarbeit am jüdischen Beschwerdebuch sehr dankbar und versichern alle, die sich mit einer begründeten Beschwerde oder Anregung an uns wenden, unsere volle publizistische Unterstützung. Diejenigen aber, welche unserem Unternehmen zunächst skeptisch oder gar ablehnend gegenüberstehen, wollen wir lieber durch unsere Taten als durch allzuviele Worte von der Richtigkeit unserer Auffassung überzeugen. * * * Jüdische Kurrestaurants. Uns sind in letzter Zeit zahlreiche Zuschriften aus Leserkreisen zugekommen, welche alle dasselbe Thema behandeln, so daß wir uns entschlossen haben, diese Fragen einer öffentlichen Besprechung zu unterziehen. Der Gegenstand, über welchen in all diesen Zuschriften in bewegten Worten Beschwerde geführt wird, sind die jüdischen Restaurants in den Kurorten. Die Klagen erstrecken sich nicht so sehr auf die Qualität und Quantität der Speisen, wiewohl auch in dieser Hinsicht vieles zu wünschen übrig bleibt, als vielmehr auf die horrenden Preise, welche von denjenigen Kurgästen gefordert werden, welche rituell essen wollen. In den meisten Kurorten und Sommerfrischen, in welchen es überhaupt möglich ist, sich iltuell zu verköstigen, steht den jüdischen Kurgästen nur ein einziges jüdisches Restaurant zur Verfügung, und dieses nützt nun diese seine Monopolstellung in rücksichtslosester Weise aus, indem es von den Gästen Preise verlangt, welche zu den in den erstklassigsten nichtjüdischen Restaurants geforderten in gar keinem Verhältnis stehen. Wer zum Beispiel in Gastein koscher essen will, muß für ein einfaches Menü sieben Schilling zahlen, ein Preis, wie er in den vornehmsten Restaurationen dieses Ortes nicht gefordert wird Wer auf dem Semmering im koscheren Restaurant speisen will, dem wird, falls er nicht in der dazugehörigen Pension Wohnung nimmt, ein durch nichts motivierter Aufschlag von 20 Prozent (!) zu den ohnehin nicht billigen Preisen der Speisen gerechnet Dazu muß er sich in der Pension oder dem Hotel, in weichem er wohnt, einen 2üproz,entigen Aufschlag auf den Zanrmerpreis gefallen lassen, wenn er d^.rt nicht auch S2 rc Munlzeit einnimmt. Man xviirde nun glauben, daß dort, wo mehrere jüdische Restaurateure sind, die Verhältnisse punkto Preise besser liegen. Weit gefehlt. In Gleichenberg zum Beispiel hat ein spitzfindiger Kopf einen Trust oder eine Interessengemeinschaft oder wie man es sonst noch nennen will, ins Leben gerufen, um auf diesem Wege den Kurgästen einfach die Preise diktieren zu können. Ein weiteres Uebeil ist, daß fast alle diese jüdischen Restaurants nicht von Fachleuten geleitet sind, was sich sowohl in der Bedienung als auch in der ganzen Aufmachung unangenehm bemerkbar macht; hiebei müssen sich die Gäste eine unwürdige Glücklichmacherei seitens der Restaurateure gefallen lassen. Warum, so fragen wir, nimmt man sich bei uns hier nicht an Deutschland ein Beispiel, wo die jüdischen Kur- Restaurants, welche einen Verband bilden, nicht nur streng rituell, sondern auch peinlich rein, erstklassig und vornehm geführt werden und — was das Wesentliche ist — nicht teurer sind als nichtjüdische Restaurants gleichen Ranges. Die natürliche Folge davon ist, daß, während bei uns kaum 25 Prozent der jüdischen Kurgäste koschere Restaurants besuchen, in Deutschland 80 bis 90 Prozent in jüdischen Restaurants speisen. Bezeichnend für die Verhältnisse, die in dieser Hinsicht in Deutschland herrschen* scheint uns die Tatsache, daß sogar auch nichtjüdische Kurgäste mit Vorliebe jüdische Restaurants besuchen, was sicher nicht der Fall wäre, wenn sie in irgendwer Beziehung hinter den nichtjüdischen zurückstünden. Bei uns hingegen werden die jüdischen Kurgäste geradezu aus den koscheren Speasestätten vertrieben. Die „Rechtschutzkonferenz". In unserem Aufsatz „Die Konferenz zum Schutze der jüdischen Rechte" in der letzten Nummer der „Wahrheit" hatten wir angedeutet, daß nach unseren Informationen die offiziellen französischen und englischen jüdischen Organisationen die gleichen Bedenken gegen die Züricher Tagung zu erheben hätten, wie wir sie an dieser Stelle zum Ausdruck brachten. Wir sind in der Lage, aus dem Schreiben, das die Alliance Isra61ite Universelle an das in der Konferenzfrage treibende Comite des Delegations Juives gerichtet hat, folgende Entschließung der Alliance zu veröffentlichen: „Die Alliance Israelitie Universelle hat den Beschluß gefaßt, sich die Freiheit ihrer äußeren Handlungen und inneren Beschlüsse zu wahren. Sie kann wieder den Vorschlag .eines Zentralorgans zur Wahrung jüdischer Minderheitsrechte4 noch den neuer .beigeordneter Organe neben den bisher bestehenden Organisationen' anerkennen. Hieraus ergibt sich, zum Bedauern des Zentralkomitees der Alliance Israelite Universelle, die Notwendigkeit, die Teilnahme an der geplanten Konferenz ablehnen zu müssen." — In einer Sitzung, die der Jewish board of Deputies am 24. v. M. abhielt, erstattete Lucien Wolf über die Maßnahmen Bericht, die das Joint Foreign Committee in der Frage der Züricher Konferenz unternommen hat. Er verlas dabei das Schreiben, das . an das Comite des Delegations Juives von Seiten des Joint gerichtet worden ist, in dem in 'entschiedenster und sorgfältig begründeter Weise die Einladung abgelehnt wiTd. Die Haltung des Joint wurde vom Board 'gebilligt Sollte es also trotz dieser Ablehnungen aus Amerika, England und Frankreich zur Konferenz kommen, so wird diese, wie wir schon letzthin andeuteten, in keiner Weise eine Vertretung, der Judenheit der Welt sein, sondern eine Zusammenkunft unlegitimierter Vertreter, deren Beschlüsse unverbindlich sind-'