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Die Wahrheit · 1927-08-05 · Heft 32 (5.8.1927) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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OHE WAHRHEIT iJlllllllinillllllllllllllllllilllilllllliillllllil Seite 9 verkünden ließ, daß er bei Wiederholung der Exzesse sofort die Stadt verlassen würde, denn er hielte es für eine unsühnbare Schmach, wenn dieses die Menschheit und die Religion schändende Treiben eine Fortsetzung fände. Immer wieder nahm er sich der verfolgten ungarischen Juden an, rühmte ihre patriotischen Tugenden, pries ihre Treue für ihren Glauben und verdammte rückhaltlos die Hetzer als schlechte Menschen und noch schlechtere Christeil. Das treffendste Charakterbild dieses Priesters hat ein hochstehender katholischer Staatsmann mit den Worten gezeichnet: „Den Tod dieses Mannes werden viele beweinen, aber am meisten vielleicht die Juden." Ego. Materialien zur Geschichte der Entstehung des Kultusgemeindebezirkes Wien XXL (Floridsdorf). Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. (Fortsetzung.) Floridsdorf, Jedlesee, Jedlersdorf, Neu- Leopoldau (später Donaufeld genannt) und M ü h Ischüttel, diese fünf nebeneinander gelegenen, früher autonomem Ortsgemeinden glichen längere Zeit den fünf Fingern einer Hand. Für sich allein ein eigenes Gebilde darstellend, waren sie dennoch örtlich zusammengewachsen. So geschah es nicht selten, daß die eine Seite einer Straße dieser Ortsgemeinde, die gegenüberliegende derselben Straße bereits der anderen Ortsgiemeinde angehörte. Die jüdische Bevölkerung hatte sich in allen Ortschaften angesiedelt. Die zunehmende Industrialisierung bewirkte, daß sich die jüdischen Familien auch in den zwei zuletzt entstandenen, Donaufeld und Müllschüttel, niederließen. Eine neue Welle jüdischer Zuzügler ist im Zeitraum von ungefähr anderthalb Jahrzehnten (1863—1877) festzustellen. Sie stammte aber nicht, wie früher, einzig und allein aus der Slowakei. Auch Mähren lieferte nunmehr den aufstrebenden Ortschaften wirtschaftlich überaus regsame Elemente. Das ganze Gebiet links der Donau, sehr schwach bevölkert, galt damals als ein aussichtsreiches Zukunftsland und lockte christliche wie jüdische Neuansiedler an. Ueber diese jüdischen Mitbegründer des rasch aufgeblühten 21. Gemeindiebezirkes, deren Söhne und Enkel als Kauileute, Industrielle, Rechtsanwälte. Aerzte, Ingenieure, Beamte am Orife selber oder in anderen Bezirken Wiens tätig sind, ist keine Aufzeichnung vorhanden. Die zur gleichen Zeit angesiedelten christlichen Familien haben es zumeist vermocht, ihre Namen in den neuerstandenen Straßen des Bezirkes festhalten und verewigen zu lassen. Ueber den Ursprung vieler eingebürgerter jüdischer Familien desselben Bezirkes und namentlich über den Zeitpunkt ihrer Entstehung beginnt nach und nach der Schleie* der Vergessenheit sich auszubreiten. — Aus den in den alten Matrikenbüchern des früheren Minjanvereines enthaltenen Angaben (in Aufbewahrung des Matrikelamtes der Muttergemeinde Wien) sowie auf Grund mündlicher Mitteilungen konnten nachfolgende Begründer im Bezirke ansässiger Familien aus der Periode 1863—1877 von mir festgestellt werden. Bei vielen wurde auch das Jahr ihrer Niederlassung mit einer annähernden Gewißheit eruiert. Eine Vollständigkeit war selbstverständlich unter den gegebenen Verhältnissen nicht zu erreichen und ist eine Ergänzung der Angaben nicht ausgeschlossen. So seien denn wenigstens hier außer den bereits erwähnten Neumann Max, Pragan Simon und Jakob, Duldner Markus, Reininger Filipp und Ehrenfest Adolf, Golastebber Ignaz, noch nachfolgende Namen festgehalten: Abeles Moritz (1872), Blatt Israel (1864), Böck Ignaz, Blumenthal Adolf, Buchwald Josef (1872), später Präses der Kultusgemeinde, dessen Bruder Buchwald Ignaz, Deutsch Samuel (1873), Dukes Gabriel (1875), gegenwärtig Obmann des Tempelvorstandes und der Chewra Kadischa, Donath Moritz. Donath Adolf, später Vorbeter und Schächter der Gemeinde, Donat Moritz, Duldner Salomon, Duldner Leopold, Duldner Moritz, Drucker Ignatz, Eisinger David, später Präsesstellvertreter der Kultusgemeinde, Epler Jakob (1873), Frischmann Ignaz, Glaser Jakob, dessen Brüder Adolf, Bernhard und W i 1 h. Glaser, Grünwald Michael, Grünwald Hermann, Grünwald G o 111 i e b und Grünwald Ludwig, Hirsch Moritz, Heller Ignatz, König, Dr., Jakob (1873), später Präses der Kultusgemeinde, Kößler Samson. Röblitz Hermann, Kohn Siegmund, Landstein Adolf; Doktor Löwy Moritz (1868), später Obmann der Talmud-Thora, Low Ignatz (1863), MaxWilhelm, NeuhausSamuel (1865), Paul Bernhard, Politzer Hermann (1872), Redlich Adolf (1814), Schwarz Moritz (1872), . 5 später Mitglied des Wiener Kultusvorstandes. Schlesinger , Alois, Schlesinger Emanuel, Schlesinger? Jakob, die drei Brüder: Sinai Karl (1874), Heinrich und Wilhelm, Skamperl Gustav, Steinschneider Josef und Steinschneider Heinrich, Treibl Gottlieb (1870), Wimmer Leopold, später t Obmann des Minjanvereines, dessen Brüder Wimm er Elias und Wimmer Leopold, Wodak Markus, Wodicka Ignaz, Weinwurm Moritz. Winkler Leopold. Eine besondere Würdigung verdient G a 11 i a Fabian. Dieser wanderte aus einem Dorfe in der Nähe von Mährisch-Ostrau (Mähren) zunächst nach Eßlingen ein (1870), wo er Landwirtschaft und Fruchthandel betrieb. Von hier übersiedelte er bald nach Aspern. Da sein Wohnort vom Bethause in Floridsdorf zu entfernt lag, erriohtete er in seinem eigenen Hause eine Synagoge, mit Thora-Rollen und allen Utensilien des Ritus ausgestattet, wobei er zu den Feiertagen aus Wien ein Minjan kommen ließ, das er selber belohnte und verköstigte, wie denn auch sein Haus eine Stätte der vorbildlichen Frömmigkeit und Wohltätigkeit gewesen ist. Die raibbinds-hen Funktionen versah d)er würdige Rabbiner Salomon (Zalman) Hahn. Vom Jahre 1863 bis 1867 vollzog er selbständig die Trauungen, dann aber nur mittelst Delegation der Wiener Gemeinderabbiner Dr. A. J e 11 i n e k und Dr. Güdemann. — Zu den in der angeführten Periode Neuangekommenen gesellten sich aber auch die herangewachsenen Kinder der Ansiedler aus früherer Zeit. Die Söhne des Vorstehers Moritz J. Grünwald z. B. gründeten Familien, >• . so Doktor der Philosophie Leopold Grünwald, später Obmann der Talmud-Thora, Emanuel Grünwald, später Mitglied des Wiener Kultusvorstandes, Johann Grün- '•■ wald und Ignaz Grünwald, ebenso die Söhne anderer älterer Gemeindemitglieder. Die aus zwei Räumen bestehende % Betstätte erwies sich als zu klein. Man schritt nunmehr zur Errichtung eines eigenen, umfang- ) reicheren Gotteshauses. (Fortsetzung folgt.) Jüdisches Beschwerdebuch. ' Wir bitten um Entschuldigung: zunächst diejenigen unserer Leser, die, wie wir fürchten, schon an dem Titel dieser Rubrik, welche wir von nun ab erscheinen lassen wollen, Anstoß nehmen könnten. „Was, ein jüdisches Beschwerdebuch, ein Buch also, in welchem Beschwerden, die irgendwie mit Juden oder Judentum zusammenhängen, will eine jüdische Zeitung veröffentlichen■?** So werden sich vielleicht manche fragen. Andere wieder werden meinen, daß kleine Uebelstände und Unbequemlichkeiten, deren es ja so manche wie im Leben überhaupt, so auch im jüdischen Leben geben kann, nicht unbedingt an die große Glocke gehänge werden müssen und besser im Stillen geordnet werden können, zumal wir Juden, von mißgünstigen Augen jederzeit und allerorten bewacht und beargwöhnt, alles vermeiden müßten, was auch nur im ' entferntesten zu Mißdeutungen Anlaß geben könnte. Wieder andere werden uns vielleicht vorhalten, daß wir durch Anlage eines derartigen Beschwerdebuches der unter den Juden ohnedies ver-

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