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Die Wahrheit · 1927-08-05 · Heft 32 (5.8.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEIT IMIIM^ Seite 7 Die Jaden in der Chemie. Von Rudolf Seiden, Mödling. III. Bedeutungsvoll sind Bodländers Arbeiten über Elektroaffinität der Elemente, doch können sie noch nicht als abgeschlossen angesehen werden. Heinrich Caro kam in jungen Jahren nach England, um hier, in der ersten Heimat der chemischen Großindustrie — gleich Q. Lunge —, einen gründlichen Einblick in sie zu gewinnen; später kehrte er nach Deutschland zurück, diesem seine umfassenden Kenntnisse zur Verfügung stellend: er wurde Direktor der weltbekannten Badischen Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen. (Er gab diese Stellung nicht auf, als ihm die Lehrkanzel für technische Chemie am Polytechnikum in Zürich angeboten wurde, sondern schlug G. Lunge für die Professur vor, der sie dann auch erhielt.) Gemeinsam mit Grieß stellte Caro erstmalig das Bismarckbraun (Vesuvin) her, das ein sehr kompliziert zusammengesetztes Gemisch verschiedener Verbindungen ist. Als der größte Chemiker seiner Zeit galt Exzellenz Geheimrat Professor Adolf Ritter von Baeyer (1835 bis 1917), in dessen Adern auch jüdisches Blut floß. Mit 25 Jahren habilitierte er sich, wurde bald Professor an der Gewerbeakademie, dann an der Kriegsakademie, schließlich an den Universitäten in Straßburg und in München. Die Zahl der von Baeyer stammenden, sehr bedeutungsvollen Entdeckungen aus dem Gebiete der organischen Chemie ist groß? sie ist ein Beweis für die außerordentliche Arbeitsfreude dieses Forschers. Sein besonderes Augenmerk lenkte er auf die Kondensationsprodukte von Aldehyden und Anhydriden mit verschiedenen Kohlenwasserstoffen, insbesondere Phenolen und Oxiphenolen. So gelang ihm denn alsbald die Entdeckung wichtiger Farbstoffe, unter anderem des grünen Cöruleins, des prächtig-roten Eosins und — als sein größter Erfolg — des synthetischen Indigos; aus diesem vermochte er noch das Indol herzustellen, das trotz seines unangenehmen Geruches in der Parfumerie Verwendung findet. (Konzentriert stinkt es fäkalartig, sehr verdünnt riecht es wie Jasmin, in dessen Blüten es auch vorkommt.) Heute hat der künstliche Indigo den natürlichen Farbstoff — der seit dem Altertum in Verwendung stand — fast ganz verdrängt: sowohl durch seine Billigkeit als auch durch seine Reinheit und Pracht. Aber noch eine große Zahl hervorragender Synthesen wurden in Baeyers Laboratorium ausgeführt: so die des Krapprot (Graebe-Liebermann), Bittermandelölgrün (O. Fischer) usw. Ferner beschäftigte sich Baeyer mit der Erforschung der Terpene und mit Untersuchungen über die Konstitution organischer Verbindungen. Bekannt ist auch Baeyers Erklärung der Spannungstheorie, durch die viele wichtige Erscheinungen in der Chemie ihre Aufklärung fanden. Baeyer wurde vielfach geehrt: König Ludwig der Zweite erhob ihn 1885 in den erblichen Adelsstand; auch den Nobel-Preis erhielt er zuerkannt. Geheimrat Professor Fritz Haber. derzeit Direktor des berühmten Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrotechnik in Berlin, hat sich unvergängliche Verdienste erworben durch eine Erfindung von größter Tragweite: Synthese des Ammoniaks aus Luftstickstoff und Wasserstoff, wobei Uran als Katalysator verwendet wird. Für diese Erfindung wurde Professor Haber der Nobel-Preis zugesprochen. Jüdischer Abstammung ist auch der Skandinavier Niels Bohr. der Begründer der modernen Atom- und Spektraltheorie, die ihm 1922 den Nobel-Preis für Physik eintrug. 1884 geboren, erhielt er 1911 den Doktorhut (Kopenhagen); 1913 veröffentlichte er die neue Quantentheorie, indem er die Gesetze der Elektrodynamik als für die Erscheinungen in den Atomen ungültig erwies und, von Planck-Einsteinschen Hypothesen ausgehend, die Bewegung der Elektronen im Atom und die Emissions- und Absorptionsvorgänge erklärte. Bohr arbeitete auf einem der schwierigsten wissenschaftlichen Gebiete und es ist fraglich, ob und wann hier all die vielen noch ungeklärten Fragen ihre Lösung finden werden, denn nur wenige geniale Forscher werden auf dem Wege, den Bohr beschritt, weiter vorzudringen versuchen: er bietet fast unüberwindbare Hindernisse. (Schluß folgt.) Jüdische Städtenamen. In den Vereinigten Staaten existieren 15 Städte und Distrikte, die nach 11 Juden benannt sind. Es handelt sich um jüdische Persönlichkeiten, die im amerikanischen Leben eine führende Rolle gespielt haben. Es gibt aber außerdem noch Ortschaften mit jüdischen Namen, deren ursprüngliche Träger verschollen sind. Andere Städte gibt es, deren Namen zwar nicht an Juden erinnern, die aber von Juden begründet und von diesen Gründern ihre Namen erhalten haben. Besonders der Staat Texas hat viele Städte und Bezirke, die die Erinnerung an jüdische Bürger bewahren. Der Bezirk Castro ist nach dem naturalisierten französischen Juden Henry Castro benannt, der der Bahnbrecher in der Besiedlung des südwestlichen Texas war. 1842 kam Castro nach Texas und trat mit dem damaligen Präsidenten der Republik Texas, Sam Houston, in Verbindung, der ihn zum Konsul für Frankreich ernannte. Der Distrikt Kauffmann in Texas ist nach David Kauffmann, einem ausgezeichneten Politiker und Staatsmann aus der Frühzeit von Texas benannt. Kauffmann war das erste Kongreßmitglied, das Texas im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten vertrat. Außer den Distrikt Kauffmann gibt es in Texas auch eine Stadt Kauffmann, die nach David Kauffmann benannt ist. Die Stadt Waco in Texas wurde vom Juden Jacob Cordova erbaut, der ein führender amerikanischer Bergbau-Ingenieur war und während des mexikanischen Krieges 1845 als führender Wirtschaftsmann hervortrat. ' Im Staate Florida hält der Distrikt L e v y die Erinnerung an David Levy Aulee wach, der 1845 den Anschluß Floridas an die Vereinigten Staaten durchsetzte und vollzog. Als er später eine Nichtjüdin zur Frau nahm, legte er sich den Namen Yulee zu, was eine Verdrehung des Namens Levy ist. Die Stadt Yulee im Bezirk Nassau ist nach ihm benannt. Yulee war der erste Vertreter Floridas im Kongreß, der in den Senat gewählt worden ist. Der größte Bezirk im Staate Georgia, der Bezirk E m a n u e 1, trägt den Namen von David Emanuel. dem 6. Gouverneur von Georgia. Emanuel war der erste Jude, der die Stelle eines Gouverneurs in den Vereinigten Staaten bekleidete. Der große Emanuel-Bezirk trug früher den Namen „the State of Emanuel". Während der Revolution war Emanuel eine führende Persönlichkeit im Staate Florida. Aaronsburg im Distrikt Centre im Staate Pennsylvania wurde von Aaron Levy 1786 begründet. Die Stadt Frankstown in Pennsylvania trägt die Erinnerung an die berühmte patriotische Pionierfamilie Franks. Im Staate N e w y o r k gibt es zwei jetzt mit der Großstadt vereinigte Städte, die nach Juden benannt sind; Belmont Park auf Long Island ist nach August Belmonf benannt, der vor dem Bürgerkrieg ein führendes Mitglied des Diplomatenkorps und amerikanischer Konsul in Oesterreich war; Hartsdale im Bezirk Westchester ist nach dem bekannten demokratischen Politiker und Philanthropen Emanuel B. Hart benannt. Glossen. Der Aufruf der Richtervereinigung, der eine so außerordentliche und anhaltende Sensation erregt, nimmt zwar seinen Ausgangspunkt von den furchtbaren Ereignissen des 15. Juli, aber er beginnt mit der Feststellung der Tatsache, daß in Wien die Rechtspflege und jede Staatsautorität vor Ueberfällen „durch irregeleitete und seit Jahren aufgehetzte Teile der Bevölkerung nicht gesichert ist." Der Aufruf verschweigt auch nicht, „daß diese verbrecherische Verhetzung andauert und daß sogar diesem Treiben Rückhalt und Ermutigung geboten wird." Wer nur diese zwei Stellen unbefangen liest, wird, falls er kein geschworener Feind der Wahrheit ist, einen Eid wagen, daß sie in unübertrefflicher Weise die von einer gewissen Presse seit Jahren betriebene Hetze gegen die Juden beleuchtet. Das Treiben dieser Presse wurde selbst, ich weiß nicht mehr zum wievieltenmale, acht Tage vor dem Erscheinen des Aufrufes der Richtervereinigung auch an dieser Stelle in einer Weise gekennzeichnet, als

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