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Die Wahrheit · 1927-08-05 · Heft 32 (5.8.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT illliill»^^ Seite 5 Das Putzstübchen einer anderen Frau mit dien weißgescheuerten Dielen steht mir als Muster vor Augen; am Freitagabend brannte bei ihr die hellglänzende sechsarmige Sabbatlampe aus Messing, und die kleinen Oelfunzeln darin strahlten tiefsten Frieden aus. Was hatte die arme Frau alles in ihrer Jugend erlebt! Als ihr Mann starb, konnte sie ihrem einzigen Sohn nicht ernähren, sie mußte ihn einem Teilchen Verwandten als Adoptivkind überlassen — ich glaube, es war ihr kinderloser Bruder, der sie dann wohl auch unterstützt hat. Es muß das ein seltsamer Mann gewesen sein, wenigstens ist es mir so dunkel in der Erinnerung. Er lebte in strengorthodoxer Weise, fuhr nie mit der Eisenbahn, weil es nach dem Gesetz verboten sei, sich unnötig in Lebensgefahr zu begeben. Freilich ist die tapfere Kämpferin nach einigen Tagen schweren Leidens dahingegangen; düe Mutter weilte in diesen Stunden an ihrem Schmerzenslager, genoß noch ein letztes Mal die Reinheit, der Frau und ihres kleinen Hausstandes, den sie wohlgeordnet hinterließ, sogar mit einem Testament, das der Mütter die so bewunderte Sabbatlampe vermachte." Ein Uebergang spiegelt sich aber wieder in dem, was Pauline Wengeroff über ihre Mutter schreibt: Zwei Worte sagte meine kluge Mutter. „Zwei Dinge kann ich gewiß sagen: Ich und mein ,Dor (Generation) wollen gewiß als Juden leben und sterben; nur was von unsere Kinder wet weren, kann ich nit 'raten (erraten, voraussehen)". Die beiden ersten prophetischen Behauptungen haben sich teilweise erfüllt, die dritte geht auch in Erfüllung, denn unsere Generation stellt eikie Art Zwitterding dar. Wie wirbelten im Gehirn der jüdisch-russischen Männer die modernen Ideen chaotisch durcheinander! Plötzlich, mächtig, unaufhaltsam drang der Geilst der Sechziger- und Siebzigerjahre in das jüdische Leben hinein und zerstörte seinen bisherigen Charakter. Rücksichtslos sagte man sich vom Alten los. Die alten Familienideale schwanden, ohne daß neue aufkommen konnten. Bei den meisten jüdischen Frauen jener Zeit hatten Religion und Tradition derart ihr innerstes Wesen durchdrungen, daß sie ihre Verletzung fast wie einen physischen Schmerz empfanden und deswegen einen schweren Kampf in ihrem engsten Familienkreis zu bestehen hatten. In dieser Uebergangsperiode wurde der Mutter, der natürlichen Erzieherin ihres Kindes, das Recht der Erziehung nur für jene Zeit zugebilligt, in der das Kind nichts als schwere Opfer und schwere Pflichterfüllung erfordert. Sobald aber die Zeit der geistilgen Erziehung heranrückte, da wurden die Mütter brutal beiseite geschoben, da endeten ihr Walten und ihre Sorge um das Kind. Die Frau, die an den Traditionen noch mit jeder Fiber ihres Wesens hing, wollte sie auch ihrem Kinde beibringen: die Sittenlehre der jüdischen Religion, die Traditionen ihres Glaubens, die Weihe des Sabbaths und der Feiertage, die hebräische Sprache, das Lernen der Bibel, dieses Buches aller Bücher, dieses Werkes aller Zeiten und Völker. Diesen ganzen Reichtum wollte sie in schönen und erhabenen Formen ihren Kindern übergeben — zugleich mit dem Neuen, das die westeuropäische Kultur gebracht hatte. Aber auf alle Bitten und Einwände erhielten sie von ihren Männern stets die gleiche Antwort: „Die Kinder brauohen keine Religion!'' Vom Maßhalten haben die jüdischen jungen Männer jener Zeit nichts gewußt, und sie wollten auch nichts davon wissen. In ihrer Ünerfahrenheit wollten sie unvermittelt den gefährlichen Sprung von der untersten Stufe der Bildung gleich zur obersten machen. Manche verlangten von den Frauen nicht nur Zustimmung, sondern auch Unterwerfung. — sie verlangten von ihnen die Abschaffung alles dessen, was gestern noch heilig war. Alle modernen Ideen, wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, in der Gesellschaft predigend, waren die jungen Leute zu Hause ihren Frauen gegenüber die größten Despoten, die rücksichtslos die Erfüllung ihrer Wünsche forderten. Es garj erbitterte Kämpfe innerhalb des bis jetzt so patriarchalischen und beschaulieh dahinfließenden Familienlebens. Gar manche Frau wollte nicht nachgeben. Sie ließ ihrem Manne volle Freiheit außerhalb des Hauses, verlangte aber im eigenen Hause die Ehrung der alten lieben Bräuche. Daß dieses Doppelleben nicht auf die Dauer möglich war, begreift sich leicht. Der Zeitgeist siegte in diesem Kampfe; und blutenden Herzens gaben die Schwächeren nach. Meine Mutter sang oft ein altes jüdisches Liedchen; ein Gemisch aus polnischer und hebräischer Sprache, mit leuchtenden Augen und versicherte uns Kinder im seligsten Vertrauen, daß sich diese Verheißung auch gewiß einst erfüllen müsse. Erst im reiferen Alter begriff ich ihre Inbrunst beim Gebet, diese echte Religiosität und die aufrichtige Kraft eines reilnen Gottesglaubens. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie mit geschlossenen Augen und herabhängenden Armen versonnen dastand, und wie sie, entrückt allen kleinen irdischen Dingen, das leise Gebet Schemoneessre betete. Die Lippen bewegten sich kaum, aber in ihren Zügen lag ihre betende Seele! Fromme Ergebung, das Bewußtsein der Sündhaftigkeit, ein Flehen auf Vergebung und Hoffnung auf die Gnade des Herrn." (Fortsetzung folgt.) Rassendogmatismus und Rassenfanatismus. Dogmatismus und Fanatismus sind Brüder: ein unheimliches Brüderpaar, dessen Weg in der Geschichte der Menschheit jederzeit und überall die blutigsten Spuren hinterlassen hat. Zu allen Zeiten haben die Brüder gemeinsam ihr Vernichtungswerk an der Seele der Völker durchgeführt und. wo sich der eine der beiden Brüder zeigte, stand über kurz oder lang auch das Erscheinen des anderen mit furchtbarer Gewißheit zu erwarten; denn dort, wo ein Dogma, sei es religiöser, politischer oder sonst irgend welcher Art, in den Geist eindringt, da wirkt es wie ein berauschendes Gift, das alle Hemmungen von Vernunft, Moral und Sitte niederreißend die ganze Persönlichkeit, ihr Denken, Wellen und Fühlen unterjocht: es raubt dem Menschen nicht nur seinen klaren Sinn, sondern auch seine sittliche Freiheit und macht ihn zum willenlosen Werkzeug, zum fanatischen und rücksichtslosen Verfechter der „alleinigen Wahrheit"; wo hinwiederum der Fanatismus vom Menschen Besitz ergreift, wo Haß, Neid, Rachsucht, aber auch wirtschaftliche Angst oder irregeleitete religiöse Inbrunst das Gemüt erfüllen, da schafft sich der Geist, mögen die wahren Motive seiner Empfindungen welcher Art immer sein, mögen sie im Bewußtsein oder im Unterbewußtsein ihren Sitz haben,, ein Dogma, das nunmehr zur Trägerin des wie auch;mmer entstandenen Gefühlskomplexes wird: „Auf. mache uns Götzen, daß sie vor uns herwandeln" (II. B. M. Kap. XXXII 1) sprachen die Kinder Israel zu Aaron. Aber nicht nur aktiv hatten wir Juden in unseren an Wegen und Irrwegen so reichen Geschichte durch das Brüderpaar: Dogmatismus Fanatismus zu leiden, sondern in noch viel höherem Maße passiv, nämlich durch den Fanatismus und Dogmatismus der anderen. Ursprünglich war der Fanatismus und Dogmatismus, dessen Opfer die Juden waren, religiöser Natur und ist es in gewissem Maße bis auf den heutigen Tag geblieben. Als die Leiden der Christenheit im Heiligen Lande das religiöse Bewußtsein bis zur Siedehitze entflammten und der Fanatismus, mit dem man gegen die „Ungläubigen" erfüllt war. Kreuzz ü g 1 e r aus allen Ländern vereinigte, da stellte sich alsbald auch das Dogma ein und man begann im jüdischen Volk, das die Leiden und den Tod Christi verschuldet hätte, die Ursache zu sehen, daß die heiligen Stätten, wo der Erlöser gewandelt, gelehrt und gelitten hatte, in den Besitz der Ungläubigen gekommen sei. Die Befreiung der heiligen Stätten war das große ideale Ziel jener Zeit, aber die Abenteurer, die sich den Idealisten zugesellten, nutzten die fanatisch religiöse Stimmung zu Plünderungen und Verfolgungen der Juden aus. Zwar haben sich zahlreiche Päpste und Bischöfe ebenso wie weltliche Herrscher gegen diese Ausschreitungen gewandt, die nach den Erfolgen des ersten Kreuzzuges auch im wesentlichen wieder verschwanden, aber nach dem späteren Verlust Jerusalems um so stärker wieder auflebten, da das Volk den Mißerfolgen aller seiner ungeheuren Anstrengungen fassungslos gegenüberstand und einen Sündenbock suchte. In den Juden suchte es die Ursache all seines Unglücks, mochte es Pest oder sonstiges Unheil sein; es schuf sich in ihnen das Symbol des Bösen, das Unglück über das Land, überdie Welt bringt. Und dann kam die Inquisition! Die Scheiterhäufen, auf welchen man die Ungläubigen lebendigen Leibes verbrannte, waren nicht aus Haß entzündet worden, dafür sorgte eben wiederum das Dogma, sondern aus Liebe, aus christlicher Nächstenliebe, was hier durchaus nicht in ironischem Sinne, sondern ernsthaft gemeint ist: man wollte eben die unglücklichen Opfer der Inquisition durch einen kurzen, wenn auch qualvollen Feuertod vor dem ewigen Feuer der Hölle, dem sie sonst wegen ihres sündigen Lebenswandels verfallen wäten. bewahren.

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