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Die Wahrheit · 1927-08-05 · Heft 32 (5.8.1927) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 SiM Dffi WAHlffifflt ins Deutsche und umgekehrt ebenfalls in den seltensten Fällen voll gelingt. Ludwig Fuldas Uebertragungen französischer Dichter gelten als vielgerühmte Ausnahmen, und von den sehr zahlreichen Uebersetzungen polnischer Poesie ins Deutsche können nur die Mickiewicz-Uebersetzungen des galizischen Juden Siegfried Lipiner, nach dem übereinstimmenden Urteil deutscher und polnischer Kritiker, sich den Originalen würdig zur Seite stellen. Die Poesie eines lyrischen Gedichtes besteht aus zwei Elementen, dem Inhalt und der Form. Sehr häufig täuscht die Schönheit der Form, das heißt die Sprache, der Rhythmus der Worte und der Klang des Reimes über die Leere und Alltäglichkeit des Inhalts hinweg. Virtuosität wird dann für Kunst genommen. Ein banales Bild, ein prosaischer Gedanke, eine nüchterne Empfindung, in ein schimmerndes sprachliches Gewand gehüllt, täuscht der großen Menge echte Poesie vor, wo nur hohles Wortgeklingel ist. Selbst mancher kritische und erfahrene Leser kann sich sehr häufig eine geraume Zeit dem Zauber virtuos gefügter Verse nicht entziehen. Das probateste Mittel, echte von nachgemachter Poesie zu unterscheiden, besteht darin, das Gedicht eine Weile seines glitzernden Gewandes zu entkleiden und es in schlichte Prosa zu übersetzen: bei der nachgemachten Poesie tritt sofort das nackte Gerippe des Kitsches an den Tag, und der Leser erfährt eine bittere ästhetische Enttäuschung. Ist es echte Poesie, dann gewinnt der Inhalt, in prosaische Sprachform gekleidet, neuen Reiz und verlangt förmlich danach, in einen Vers gegossen zu werden. Darum kann man Mrs. Nina Salaman nur loben, daß sie die Gedichte des Jehuda Halewi zunächst in eine getragene Prosa übersetzt hat. Jeder Vers kommt da plastisch, bis in seine feinsten Nuancen herausgearbeitet, hervor. Das Gold der Haiewischen Dichtung erstrahlt da in seinem reinen, echten Glanz. In vielen Fällen gewahrt der hebräische Leser sogar eine neue Schattierung, die im Original verborgen war und in der Uebersetzung zum Vorschein kommt. Oft bildet diese Prosaübersetzung einen willkommenen Kommentar zu dem nicht immer leicht verständlichen hebräischen Original. Und um ihr eigenes künstlerisches Bedürfnis zu befriedigen und der Sehnsucht des Lesers Genüge zu tun, bietet Mrs. Salaman dreizehn Lieder in poetischen Nachdichtungen, die man als höchst gelungen bezeichnen muß. Man erwartet eine ähnliche Sammlung der Gedichte Gabirols. Sobald sie erscheint, wird eine Vergleichung dieser beiden größten hebräischen Dichter des Mittelalters miteinander am Platze sein. 33 if Bezngsbedlngiiiigeii: Halbjährig: für Oesterreich S 8.50. Ungarn Pengö 8 50, Deutschland Goldm. 7.—, Tschechoslowakei cK60 —, Polen ZI. 11—, Schweiz Fr. 7.-, AmerikalVaDoli.,Italien Lire 40.—,EnglandSchilling 15.—, Rumänien Lei 300—.Jugoslawien Dinar 100.— Vernichtete jüdische Archivschätze, Der Wiener Korrespondent der I. T. A. gibt eine Uebersicht des beim Brande des Justizpalastes am 15. Juli vernichteten jüdischen Akten- und Archivmateriaies. Bei dem Brande im Wiener Justizpalast wurden hunderttausende Akten und Dokumente jüdischen Inhalts von historischem Werte vernichtet. Erst in den letzten Jahren begannen jüdische Historiker mit der Sichtung dieses Materials, das ungefähr sechs Millionen Aktenstücke umfaßte; der größte Teil blieb undurchforscht und ging nun der jüdischen Geschichtswertung verloren. In den Archiven des niedergebrannten Justizpalastes befanden sich unter anderem folgende jüdische Materialien: Alle Dokumente betreffend die jüdische Bevölkerung Galiziens und der Bukowina in den Jahren 1772 bis 1880; das gesamte Aktenmaterial betreffend die Juden Mährens, Böhmens, Schlesiens, Transsylvaniens, sowie aller österreichischen Erbländer, einschließlich Wiens aus den letzten vier Jahrhunderten. Historisch sehr bedeutsam waren die Akten des einstigen „Judenamtes" aus der Toleranzzeit. Ferner wurden vernichtet die Dokumente der jüdischen Geschichte in Venetien und den übrigen einst von Oesterreich beherrschten italienischen Provinzen, sowie sehr viele jüdische Dokumente aus den Archiven der alten kaiserlichen Hauptkanzleien, der Vorläufer der späteren Ministerien. Vernichtet wurden die geheimen Polizeiarchive Josef IL. die zahlreichen Geheimberichte über historischjüdische Persönlichkeiten, Sekten und politisch-religiöse, sowie kulturelle Bewegungen im österreichischen Judentum, sowie alle Ministerratsprotokolle über wichtige jüdische Angelegenheiten seit 1846; alle Referate der Provinzstatthalter über die Lage der Juden und ihre berufliche Schichtung. Nur ein kleiner Teil der Dokumente wurde durch die jüdischen Historiker Gerson Wolf, Dr. Bionner, Dr. Schwarz, Prof. Balaban und Dr. N. M. Gelber kopiert. Das vernichtete Staatsarchiv gehörte nicht allein Oesterreich, sondern allen Sukzessionsstaaten gemeinsam; die österreichische Regierung war nur die bevollmächtigte Verwalterin bis zur endgültigen Teilung. Die Vernichtung des Archivs wird, wie es heißt, zu einem diplomatischen Briefwechsel zwischen den interessierten Regierungen führen. Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Ueber Frauen alten Schlages lesen wir auch bei S. Blach, Kindertage: „Aber tapfer hatten sie sich gehalten — die Mutter erzählte es uns oft, wie lange der Mann leidend war und welche Arbeit die Frau allein geleistet hatte. Und als der Mann von seinem Leiden erlöst war, kam die riesige Aerzterechnung. Der stark versoffene Doktor hatte sich bei seinen Besuchen lang in Gesprächen verweilt und diese Stunden dann wohl auch in Rechnung gesetzt. Zeit ihres Lebens hatte die Frau daran abzuzahlen. Beim Tode ihres Mannes war die Not sehr groß gewesen; Bücher hatte der Mann eigentlich nicht geführt, aber doch einige Geschäftsnotizen in jüdischer Kurrentschrift hinterlassen; die war aber leider nur schwer zu lesen — der Vater mühte sich mit einem anderen schriftkundigen Gemeindemitglied um die Entzifferung — aber alles, was sie nach vieler Arbeit ermittelten, war ein Satz: „Die Frau mit der blauen Schürze ist mir 2 gr. schuldig" — also waren auch die Außenstände verloren. Die Frau arbeitete unermüdlich weiter, ja, sie nahm noch einen armen begabten Neffen zu. sich und ließ ihn ausbilden. Aucli ihn hielt sie duroh, bis er fertiger Lehrer war. Aus der guten Zeit hatte Site noch ihr braunes Seidenkleid hh.übergerettet, das sie allsabbatlich zur Synagoge und zu ihren Besuchen trug. Ich fühle noch die harte, schwielige Hand, wenn sie zu uns kam; es war eine gute Hand, die uns Kinder nie ohne „Bollchen" aus dem Laden ließ, die auch bei uns in guten und schlechten Stunden stets hilfsbereit Zugriff — und ich fühle noch den Schmerz, der das Kinderherz durchzuckte, als ich von ihrem Tode hörte.

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