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Die Wahrheit · 1927-07-29 · Heft 31 (29.7.1927) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 31 (29.7.1927)
Date
1927-07-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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raumsalzrückständen; diese Methoden fanden sofort Eingang in alle gleichartigen Industrien in Europa und Amerika! Nunmehr zog sich Frank von der Stätte seiner erfolgreichen Wirksamkeit zurück; andere kamen — Frank wurde vergessen. Heute ist das Kalisyndikat ein Machtfaktor im Wirtschaftsleben Deutschlands. Noch auf einen anderen ausgezeichneten Industriellen sei verwiesen: auf den Chemiker L. Mond, den Vater des früheren englischen Ministers Sir Alfred Mond. Es gelang ihm, aus den Kohlen ein Mischgas, das sogenannte Mondgas, herzustellen, welches Verfahren sich von den anderen Methoden zur Gewinnung gasförmiger Heizstoffe dadurch unterscheidet, daß es gestattet, auch den Kohlenstickstoff in Form von wertvollem Ammoniak zu gewinnen. Alfred Mond ist der Präsident des eben geschaffenen großen englischen Chemie-Trusts. Keinem Chemiker ist Georg Lunge. unbekannt (geboren 1839 zu Breslau, gestorben 1923 in Zürich), der Verfasser der zweifellos besten technologischen Standardwerke, die wir kennen., Ueberdies veröffentlichte er mehr als 550 Einzelarbeiten in deutscher und englischer Sprache. Lunge war ein hervorragender Lehrer und ein erfolgreicher Foscher und Erfinder, dem wir zahlreiche Arbeitsmethoden und viele neue Apparaturen und Apparaturverbesserungen verdanken. Vorerst in der Steinkohlenindustrie tätig, kam Lunge 1876 — über England — als Professor der technischen Chemie an das Polytechnikum in Zürich, wo er durch 32 Jahre wirkte- Ganz kurz seien die bedeutendsten Erfindungen Lunges angeführt: der Plattenturm für die Schwefelsäurefabrikation (Vorläufer der neuen Reaktionstürme); aus dem Gebiet der chemisch-technischen Analyse stammen von Lunge das bekannte Nitrometer und das Gasvolumeter; zum ersten anorganischen Analytiker wurde er nicht zuletzt durch die Aufstellung seiner unübertroffenen Tabellen der spezifischen Gewichte der technisch verwendeten Lösungen, ferner durch Ausarbeitung praktischer Analysen und insbesondere wichtiger Schiedsmethoden, durch Einführung des Indikators Methylorange in die Maßanalyse u. a. m. Weder aus der Schwefelsäure- und Sodaindustrie noch aus der Steinkohlen-, Sprengstoff- und Silikatchemie lassen sich die Forschungen Lunges wegdenken. Matthias Eugen Oskar Liebreich, dem berühmten Berliner Pharmakologen, verdankt die Menschheit wertvolle Entdeckungen: Chloralhydrat als ausgezeichnetes Schlafmittel, Butylchloral und Aethylenchlorid als Betäubungsmittel, das Quecksilberformamid gegen Lues und vieles andere mehr-- In aller Erinnerung ist noch der „Fall Willstätter": Geheimrat Professor Richard Willstätter (geb. 1872 zu Karlsruhe) legte im Sommer 1924 sein Lehramt an der Münchner Universität nieder, weil ihn das Treiben der Hakenkreuzler — der Lehrer und ihrer Schüler — anekelte. Willstätters Forschungen sind von der wissenschaftlichen Welt anerkannt; sie wurden auch durch den Nobel-Preis gekrönt — die höchste Anerkennung für wissenschaftliche Leistungen, die einem Gelehrten zuteil werden kann Wir verdanken Willstätter die Synthese der Tropa- und Coca-AIkaloide, die bis dahin nur durch ihr Vorkommen in der Natur bekannt waren. (In die Gruppe dieser organischen Stoffe gehört zum Beispiel' das schmerzstillende Kokain der Coca-Blätter, ferner Atropin, Hyoscyamin und Hyoscin, die alle midriatische, das heißt Pupillen erweiternde Wirkung besitzen. Willstätter erkannte sie als Derivate eines eine Stickstoffbrücke enthaltenden Cycloheptan.) M. Bamberger erwarb sich Verdienste um die Erforschung der Konstitution der zur Darstellung der bekannten Azorfarbstoffe wichtigen Diazoverbindungen- Eine interessante Entdeckung gelang M. Freund mit der erstmaligen Darstellung dreiatomiger Kohlenstoffringe (Trimethylen). Auch Opiumalkaloide wurden von ihm auf synthetischem Wege erzeugt, zum Beispiel Narcotin, Meconin, Cotaenin und Narcein, die sämtliche im Opium enthalten sind. („Opiumbasen.") Paul Friedländer (1857—1923) war ein Schüler Baeyers, der zwar den synthetischen Indigo fand, doch muß betont werden, daß diese Erfindung nicht so rasch von solchem Werte für die Industrie geworden wäre, wenn nicht Friedländers Studien über die Atomgruppierung in den Küpenfarbstoffen gewesen wären. Zahlreich sind seine Synthesen von Derivaten aus der Indigo- und Naphthalingruppe. Auch gelang es ihm, die Zusammensetzung des antiken Purpurs aufzuzeigen. Für diese Analyse sammelte Friedländer selbst 12.000 Purpurschnecken, aus deren kleinen Sexualorganen er 1,4 Gramm reinen Purpur gewann.) Diese, wie überhaupt seine bedeutendsten Arbeiten entstanden in Wien; doch die beruflichen Verhältnisse befriedigten ihn hier nicht; er konnte keinen akademischen Lehrstuhl erlangen . . . Glossen. Das furchtbare Wort, daß die Menschen Ohr und Herz für die Stimme der Liebe und Güte nur zu oft erst dann öffnen, wenn es zu spät ist, wenn sie vor einem offenen Grabe stehen, hat sich bei der Bestattung der Juliopfer nicht bewährt. Man kann wirklich nicht behaupten, daß an diesen Gräbern, wenn auch reichlich verspätet, der allerbarmende Geist des Verzeihens und der Versöhnung zum erlösenden Worte gelangt wäre. Wo sind da die zündenden Reden geblieben? Der glühende Hass fand einen Verkünder, der selbst an dieser Stätte nicht zum Verstummen gebracht werden konnte. Aber die Anderen? Sie hatten bestenfalls laue Worte, die aus den Köpfen und nicht aus dem Herzen drangen, kaum die erhitzten Gemüter kühlten, aber nicht die Herzen erwärmten. Und schließlich jene, die sich in Schweigen hüllten, während sie sprechen sollten. Das Schweigen — entwaffnet nicht. * * * Der „Deutschösterreichischen Tageszeitung" ist ein großes, schweres Kunststück gelungen. Sie hat es durchgesetzt, daß selbst der Staatsanwalt sich nicht mehr mit der verächtlichen Ignorierung des Blattes begnügt, sondern es konfiszierte. Die „Dötz" hatte sich, obwohl sie eine unausgesetzte verbrecherische Hetztätigkeit entfaltete, offenbar dank ihrer grenzenlosen Dummheit eine Art von Immunität geschaffen. Wenn man in Wien das tolle Geschwätz eines Menschen als ungefährlich kennzeichnen will, sagt man: „Laßt's 'n reden, den narrischen Toni". Zum Range dieses Toni hatte sich die „Dötz" durch Fleiß und Ausdauer emporgeschwungen und so ließ man sie ungestört gegen die schönsten Paragraphe des Strafgesetzes mit ihren Dumm-Dumm-Ges c h o ß e n anstürmen. Wird die „Dötz" nicht durch die Konfiskation von dem größenwahnsinnigen Gedanken erfaßt werden, daß der Staatsanwalt sie ernst zu nehmen beginne? Als Rothstock, den die „Dötz" so lange als hohen, edlen Kämpfer verherrlichte, schließlich vor Gericht für seine idealistischen Entblödungen eintreten sollte, bekannte er sich bescheiden als Narr. Wer weiß, ob die „Dötz", wenn man sie einmal erst faßt, nicht auch entschuldigend stammeln wird: „Ich bin doch der narrische Toni!" * *; * Ein anderes hakenkreuzlerischles Preßerzeugnis, das an Böswilligkeit keineswegs hinter der „Dötz" zurücksteht, in der Dummheit aber es vorläufig noch

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