Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1927-07-29 · Heft 31 (29.7.1927) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 31 (29.7.1927)
Date
1927-07-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064299-3064329--15582-3088375
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

ÖIE tVAHSÖEKr lllilllllllllllilllllllllllii Seite 7 schlaffung und Zersetzung — naturnotwendige Folgen des Sieges — in die Schuhe zu schieben. Es handelt sich vielmehr um ein Buch. Und es soll gleich vorweg festgestellt werden; es handelt sich um eine ganz hervorragende Abwehrschrift eines mutigen denkenden Mannes gegen den deutschen Antisemitismus, eines Mannes, der in der Vorrede feststellt, es sei ausgeschlossen, daß in seinen Adern auch nur ein Tropfen jüdischen Blutes ist. (Dr. Michael Müller-Claudius: Deutsche Rassenangst. 151 Seiten, Verlag C. A. Schwetschke & Sohn, Berlin.) Dieses Buch ist im besten Sinne des Wortes eine mutige Tat. Es gehört zu den Büchern, die man nur in der Weise besprechen kann, indem man den dringenden Rat gibt, es Seite für Seite selbst zu lesen. Aber hier sei soviel festgestellt, daß der Verfasser in einem blendend geistreichen Stil den wohlgelungenen Versuch unternimmt, die Entstehung des deutschen Antisemitismus auf psychologisch-historischer Grundlage zu skizzieren, aufs schärfste und unwiderleglichste die eminente Gefahr dartut, die dieser deutsche Antisemitismus für die seelische und geistige Gesundheit des deutschen Volkes bedeutet und im dringenden Interesse vor allem des deutschen Volkes verlangt, daß das symbolhafte Gespenst des Antisemitismus endlich als solches klar erkannt und damit überwunden werde. Der Verfasser hat in der vorliegenden Arbeit die Prinzipien von Sigmund Freud auf die Psychologie des Antisemitismus angewendet und wenn die Leistung dieses weltbekannten Forschers auch nicht auf spezifisch jüdischem Interessengebiete liegt, so hat er doch seinem Volke nicht nur durch seinen Namen und durch sein stets offenes Bekenntnis zum Judentum Ehre gemacht, sondern dem Judentum im engsten Sinne insofern einen unschätzbaren Dienst erwiesen, daß er die Aufhellung der antisemitischen Ideologie vom Standpunkt des Psychoanalytikers ermöglicht. Es ist nicht recht möglich, im engen Rahmen einer Besprechung den Gedankengang des Verfassers anschaulich wiederzugeben. Aber es sei nochmals hervorgehoben, daß der Verfasser in glänzender Weise und mit zwingender Logik seinen Standpunkt zu Ende denkt und daran die Mahnung knüpft, gleich in der Schule und von der Schule beginnend die eigentümliche Entfremdung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Kindern zu vermeiden, und zwar durch ein ebenso einfaches als selbstverständliches Gebot: die natürliche Denkweise der heranwachsenden Kinder nicht durch giftige Keime zu verderben. In diesem Kapitel erweist sich der Verfasser als tiefforschender Pädagoge, wie er sich im Buche selbst als ebensolcher Psychologe und in seinem prachtvollen Schlußkapitel „der Antisemitismus als deutsche Gefahr" als Freidenker- Menschenfreund erweist. Der deutsche Antisemitismus hatte nach des Verfassers Darlegungen niemals eine begründete rassische und nur vorübergehend eine religiöse Grundlage. Er ist einzig und allein die teils bewußte, teils unbewußte Verkörperung des S y m b o 1 e s alles Fremden, Fremdartigen, Nichtdeutschen, und was das Leben, das Denken an Unannehmlichkeiten, an Inkongruenzen bringt, es wird eben in dieses Symbol abgedrängt. — „Je mehr das Symbol des zu ewiger Knechtschaft verdammten Juden sich im Bewußtsein durchsetzte, um so mehr mußte jüdische Macht und jüdisches Ansehen in jeder Form dem symboltragenden Bewußtsein als unerträglich erscheinen." (S. 78.) Nicht unerwähnt bleiben soll die erstklassige Ausstattung des Werkes. L. Gr. * * * Das Erlebnis des jüdischen Kindes. Von Dr. Michael Müller-Claudius*). Georges Brandes erzählt in seinen Lebenserinnerungen diese frühe Kindheitsszene: „Wenn er (Georg Brandes selber) dem Dienstmädchen nachtrollte, das den jüngeren Bruder an der Hand hielt, hörte er zuweilen hinter sich etwas rufen, und wenn er sich umwandte, erblickte er einen grinsenden Jungen mit verzerrtem Munde und drohenden Händen. Lange Zeit hatte er nicht weiter darauf geachtet, aber allmählich kehrte der Ausruf öfters wieder, und er fragte das Mädchen, was er *) Wir geben aus der oben besprochenen Schrift das folgende besonders eindrucksvolle Kapitel über die seelische Not des jüdischen Kinder in der antisemitischen Atmosphäre wieder. bedeute. Sie antwortete: Ach, gar nichts! Auf seine wiederholte Frage sagte sie nur: Das ist ein garstiges Wort. Aber eines Tages, als er von neuem den Ausruf vernommen hatte, wollte er Bescheid wissen, und als er nach Hause kam, fragte er seine Mutter: Was bedeutet das? — Jude! Da sagte die Mutter: Juden, das sind einige Menschen. — Garstige Menschen? — Ja, antwortete die Mutter lächelnd, zuweilen recht häßliche Menschen, doch nicht immer. — Kann ich einen Juden zu sehen bekommen? — Das kannst du wohl, antwortete die Mutter und hob den Kleinen zu dem großen, ovalen Spiegel empor, der über dem Sofa hing. Er stieß einen Schrei aus, der die Mutter bewog, ihn eiligst wieder auf den Fußboden herabzulassen, und er zeigte sich so entsetzt, daß die Mutter bedauerte, ihn nicht vorbereitet zu haben. Später sprach sie zuweilen davon." Einmal ertönt dieser Schrei in jedem jüdischen Kinde. Er ist der Schrei des Verwundeten, dessen Wunden nicht mehr heilen. Und mit diesem Schrei ist das Kind — der andere geworden. Diese Wunde, die wir nicht kennen, muß in ihm biologische Kräfte auslösen, deren Besonderheit darauf gerichtet ist, Qual, Marter und Gefahr dieser Wunden zu bannen — biologische Kräfte, zu deren Auslösung in uns anderen keine Veranlassung besteht und die nun wie ein trennender Strom zwischen uns und ihnen fließen. Dieser Strom trennt — und er verbindet. Denn sein Quellpunkt liegt in einer Wunde — und in der Hand, dem Wort, dem Lächeln, das die Wunde schlug. Und diese Hand, dieses Wort, dies Lächeln ist nie eines Juden gewesen — sondern unser. Dies ist ein Ring von seltsam mystischer Tragik. Wieviel Trennendes der reine Rassenunterschied mit sich führen mag — wir wissen es nicht. Wir können es nicht wissen. Denn ehe das Bewußtsein seine erste Reife erhält, trägt das jüdische Kind jene Wunde in sich, entfesseln sich langsam, naturhaft und mit biologischer Notwendigkeit jene Kräfte, die sich um die Not der blutenden Wunde legen — und die unserem Erleben für alle. Zeit fremd bleiben. Alle, die hingehen und alle Tage zu dem deutschen Volke sprechen: „Hebet eure Hände auf gegen die Juden! Verdammt sie! Denn sie sind die Fremden!" — weiß einer von ihnen, in welcher Tiefe der Verfehmten die Fremdheit der Rasse und in welcher tieferen Tiefe jene andere Fremdheit anklagend leidet, die unsere Hände in die tiefsten Tiefen des Kindes schon warfen, bittere Saat, über deren Wachstum der Sämann am wenigsten richten darf, denn was er in der Ernte das Fremde nennt, ist in der Saat mit ihm verbunden, wie seine Hand mit seinem Leib. Die jüdische Frage trägt für uns Tiefen in sich, die wir wagen müssen zu sehen und mit unserer Erkenntnis zu durchleuchten. Ohne dies Licht gibt es keine Rechtsprechung und keine Verantwortung. Ohne dies Licht werden wir uns selbst schlagen. Davon wird die Rede sein. Alles unerhellte Dunkel ist Gefahr für den, der in seinem Gewissen nicht willens ist, es zu erhellen. Die Juden in der Chemie. Von Rudolf Seiden, Mödling. II. Ein äußerst fähiger Kopf war Adolf Frank (geboren 1834 in der Altmark). Die weltberühmte und einzigartige deutsche Kaliindustrie zu Staßfurt verdankt ihm ihr Entstehen und Aufblühen; es war dies ein unendlich schwieriges Beginnen und es erforderte eine fast übermenschliche Energie, die Landwirte vom Werte des Kunstdüngers, insbesondere der Kalisalze, zu überzeugen. Erst als Frank auf Grund zahlreicher Felddüngungsversuche mit einem unwiderleglichen und der Landwirtschaft beste Perspektiven bietenden statistisch-wissenschaftlichen Material vor die Oeffentlichkeit trat, waren die Zweifel überwunden. Und nunmehr setzte der Aufschwung der Staßfurter Industrie und der deutschen Landwirtschaft ein! Der Arbeitseifer Franks stellte sich bald eine neue Aufgabe; und er löste sie auch: seit 1865 wird aus der Staßfurter Mutterlauge Brom gewonnen; das wurde aber erst ermöglicht, als es Frank gelungen war, dieses Element nach einem neuen Verfahren rationell zu exploitieren. Bis heute deckt Staßfurt die größere Hälfte des gesamten Weltbedarfes an Brom! Schließlich zeigte er auch neue Darstellungsmethoden für Magnesia- und Glaubersalz aus den früher wertlosen Ab-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.