Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 31 (29.7.1927)
- Date
- 1927-07-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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abberufen werde, der Jude Simon von Mainz (ein bekannter Rabbiner) und Fromet die andere Großmutter meines Enkels. Vormünder und Nachlaßverwalter für meinen Enkel Isak sein sollen, alle meine Habe: Gold. Silber, Silberwerk. Bücher, Kleinodien, Geld, Pfänder, Hausrat innerhalb und außerhalb Frankfurts in ihre Obhut nehmen und zu seinem Besten verwalten .... Sie sollen Isak bei sich in ihrem Hause und in keinem anderen Hause zur Schule anhalten und lernen lassen, und so er zu seinen Jahren und zur Mannbarkeit kommt, und alt genug wird, ihn mit einem Weibe versehen und verheiraten . . . Sie sollen einen dritten Vormund wählen und erhalten für ihre Mühewaltung einen bestimmten Betrag." Auch an wen, falls Isak unvermählt sterben sollte, der Nachlaß fallen soll, wird festgesetzt. Hier mögen noch einige Stellen aus Testamenten von Wiener Jüdinnen einen Platz finden. Sara Wertheimer, 1773: Das ganze Jahr soll das beständige Licht erhalten werden und sollen zehn Gelehrte lernen. Auch jeder meiner Söhne soll täglich ein bestimmtes Pensum lernen. Keines der ledigen Kinder soll heiraten, ohne den Vater gefragt zu haben, ob er einverstanden ist. Alle Kinder sollen ihn ehren , und auch verhüten, daß ihm von ariderer Seite Kummer bereitet werde. Hat er doch sein ganzes Leben lang für sie gesorgt und gearbeitet. Sie sollen ihm dafür erkenntlich sein, Tolza Susmann, 1761: Meine Kinder sollen in Eintracht leben und den Vater sehr in Ehren halten. Hanna Nassau, 1769: Von ihrer Sterbestunde bis zur Beerdigung sollen zehn Gelehrte für ihr Seelenheü lernen und beten, und dafür nach dem Zahlenwert ihres Namens 63 Vierteil gülden erhalten. Sechzig Tage lang sollen zehn Gelehrte in ihrem Zimmer lernen und den 16. Psalm rezitieren, worauf ihr Sohn Kaddisch zu sagen hat. Zwölf Monate sollen zwei Gelehrte in Eisenstadt und Preßburg oder in einer anderen Gemeinde für ihr Seelenheil lernen und beten. Ihr Grabstein soll keinerlei Lobsprüche enthalten. Aus dem Testament der Fanny von Arntein spricht insofern noch jüdisches Empfinden, als sie ihrer Tochter zur Unterstützung vor allem jüdische Arme empfiehlt, da diese von Christen gar nicht berücksichtigt werden. Auch ihre Schwester Eskeles verrät in ihrem letzten Willen eine echt jüdische Zartheit des Empfindens, wenn sie sagt, sie habe damit das erstemal ein Geheimnis vor ihrem Manne, da sie \\m nicht durch den Gedanken an ihren Ted betrüben wolle. Den gleichen patriarchalischen Geist atmen folgende Frauenbriefe aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Miriam, Tochter des Arztes Moses Maor Katan, schreibt ar. ihre Schwägerin Resel, Frau des Dr. Ahron Maor Katan in Wien: „Viel Freud und nimmermehr kein Leid zu Hand meiner herzigen lieben Schwägerin, der züchtigen und teuren Frau Reselleben und zu deinen lieben Kinderleben — Gott behüte sie! — und zu allem, was dir lieb ist viel Frieden und Gesund! Amen! Vor allem wisse von unserem Gesund, desgleichen sollen wir hören von euch zu aller Zeit und Stund. Kurz, liebe Schwägerin, wisse, daß wir haben deinen Brief erhalten. Wir sind sehr erschrocken von wegen die schlimmen Nachrichten, daß da — um unserer vielen Sünden willen — ist gestorben der Sohn unseres Bruders — gelobt sei der gerechte Richter! Noch mehr sind wir erschrocken wegen der Seuche. Ich hab' im Sinne gehabt, mit meinen Kinderchen — Gott behüte sie! — wegzuziehen. Nun, weil es so zugeht, kann es nicht sein, will es Gott — gelobt sei Er! — befehlen. Auch haben wir noch einen Brief erhalten durch einen Boten,; uch kränken wir uns sehr, daß du dich (um unserer Sünden willen) so plagen mußt. Aber was soll man tun? Ich habe meinem Bruder gar sehr zugesetzt, wie man ihn hat aufgenommen, er soll dich hernehmen. Hat er ganz und gar nicht v«ollen. Ich habe immer gesagt: Wie willst du ohne Frau hausen? Aber jetzt ist es meine Meinung garnicht, und auch die ganze Familie, Gott behüt' sie, sind auch darwider in einer solchen unruhigen Zeit. Es zieht weg, wer nur kann sein Gesind verschicken. Nun, wie willst du, meine herzliebe Schwägerin, dir in den Sinn nehmen, in einem solchen Zustand herzukommen? Erstens, man läßt niemand ein. Die Leut, Bele, ihre Tochter und die mit ihr sein kommen, die hat man nicht wollen einlassen, haben müssen drei Tage auf dem Friedhof liegen. Darnach haben sie gar hinwegziehen müssen. Und zweitens: Mit einem Gesind und mit Kindern auf dem Weg liegen! Auch hat man sie beraubt. Man hat sie gar wollen ins Lager führen. Ist gar viel davon zu schreiben, ist gar zu viel von Bele gewesen, daß sie hat die Tochter in einem solchen Zustand hergeschickt. Sie hat das Verdienst der Vorfahren genossen. Wer kann nicht davon reden, der kann n?cht leben. Nun, meine herzliebe Schwägerin, nimm dir nicht solche verkehrte Wege vor, was nicht möglich ist. Wenn es nur eine Möglichkeit wäre, wollt ich meinem Bruder keine Ruhe lassen, er müsset dich hernehmen. Wie ich früher mit ganzer Macht hab wollen haben, er soll dich hernehmen, so bin ich jetzt dagegen; denn ich hab selber im Sinne, mit meinem Schwager R. Schlomoh nach Polen zu ziehen, nicht ich allein, andere Leut mehr, die nur können abkommen. Ich weiß wohl, daß du dich sehr mußt plagen, was soll man tun? Gott — gelobt sei Er! — soll es einmal besser machen, wie wir hoffen. Er wird sich über dich und ganz Israel erbarmen, Amen! An unseren Bruder Leib zu schreiben, kannst du dir ersparen. Man kann ihn nicht zwingen. Wenn der Papst von Rom ihm befehlen soll, kehrt er sich nicht daran. Er hat große Kundschaft unter Vornehmen; er hat manchmal nicht Zeit, daß er essen kann. Es geht kein Tag hin, daß man nicht sollt ein Pferd nach ihm schicken. Es steht ihm — Gott lob — wohl für seine Mühe. Bald hoffe ich, dich hier zu sehen, damit viel hundert guter Jahr von deiner lieben Schwägerin die gern hört dein Wohlgang! Mirjam. Grüß mir alle, die nach meinem Befinden fragen, besonders deine liebe Mutter, die züchtige Frau Gutraud, auch meine Muhme, die züchtige Frau Edelleben." Schöndel, Frau des Samuel, an ihren Mann Moses ben Pessach: „Lieber Mann! Du sollst wissen, daß wir deinen Brief erhalten haben. Ist mir sehr lieb gewesen. Es muß dir gewiß nit bang sein, daß du so lang keinen Brief nit schreibst, oder du mußt große Geschäfte vorhaben. Sein doch die Woch von Wien Leut kommen, hab vermeint, werde Brief haben. Haben mir kein Wort können sagen. Drum schreib nur bald wieder Brief. Hiermit viel Gutes von mir! Dein Weib Schendel." Frumet, Tochter des Asriel, an ihren Sohn Hirschel: „Viel guter seliger Jahr, die sollen dir werden wahr! Zu Hand meinem lieben Sohn, dem frommen und dem klugen Herrn Hirsch — es behüt ihn sein Fels und Erlöser! Vernimm mein Gesund, das Gleiche soll ich hören von dir, in aller Zeit und Stund. Im übrigen sollst du wissen, ich kränke mich sehr, weil ich hab seit langem kein Brief gehabt von dir aus Wien. Selbst dort hast du mir nicht ausführlich geschrieben. Drum bitt ich dich, schreib mir alles ausführlich, ob es sich dir gelohnt hat, hinaus zu fahren. Wenn es dir möcht — Gott bewahre — nicht dafür stehen, möcht ich mich sehr kränken. Drum tue nit anders und schreib mir alles ausführlich, wie es dir geht. Sonst wegen einer Partie, wenn du selber nit da bist, ist schwer. Wenn du hier wärst, war schon alles richtig. Aber wiederum, weißt du etwas besseres, draußen zu tun, so tue, wie du willst. Sonst soll ich dir viel Neuigkeiten schreiben, taugt nit, über Geld zu schreiben. Darum bitte ich dich, schreib mir alles ausführlich, denn ich hab ohnehin genug Sorgen. Laß mich wissen, daß ich werde um dich nicht brauche zu sorgen. Damit empfange viel tausend guter Jahr von mir! Deine Mutter Frumet. Wenn ich werde hören von dir — hoffentlich gute — Nachrichten, werde ich dir mehr schreiben. Grüß mir alle, die deine Liebe haben, und alle, die dir Gutes gönnen. Nachschrift: Deinen Brief habe ich am Freitag des Wochenabschnittes Wajischlach erhalten. So weil ich nit hab Zeit gehabt, Antwort zu schreiben, schick ich dir den Brief, den ich hab vor fertig gehabt. Was belangt die Partie halten, du bist.klug genug, du weißt wohl, was du tun sollst. Was du schreibst Kleider halten ist jetzt nit die Zeit danach." (Fortsetzung folgt.) Deutsche Rassenangst Der Titel klingt nach Hakenkreuz. Aber es handelt sich tatsächlich diesmal nicht darum, daß fanatische völkische Studenten jüdische Kolleginnen mißhandeln und dann über die bedrohte akademische Freiheit jammern, wenn ihnen das Handwerk gelegt werden soll. Es handelt sich, auch nicht darum, zum tausendstenmal darzutun, daß die Juden im Krieg perzentuell und seelisch mehr gelitten und geblutet haben als ihre „Wirtsvölker", von denen sie in den unterlegenen Staaten bezichtigt werden, die Niederlage herbeigeführt zu haben, während sich die Siegerstaaten damit begnügen, ihnen die Er-