Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 31 (29.7.1927)
- Date
- 1927-07-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seit* 3 Die Abwehr des Antisemitismus in Amerika, Von Binjamin S e ge 1*). Es wäre eine arge Selbsttäuschung, zu meinen, daß mit F o r d s Bekehrung der Glaube an die „j üdische Weltverschwörung" wie er aus den Protokollen floß, gestürzt sei. Ford war ja nicht der Bürge für die Echtheit der „Protokolle", alle Welt wußte, daß diesem großen Geschäftsmann nichts ferner lag als historische und literarische Kritik, daß all dieses gelehrte Rüstzeug, in dem seine Propaganda vor die Oeffentlichkeit tritt, von seinem bezahlten Personal hergestellt wurde. Der Chef nahm alles gläubig hin, wenn er überhaupt dazu kam, sich näher damit zu befassen. Ford rüstete nur die Apostel aus, die den Protokollglauben in der ganzen Welt verkündeten. Ebensowenig, wie er diesen Glauben geschaffen, kann er ihn erschüttern. Eine gewaltige Quelle der Propaganda wurde, leider viel zu spät, verstopft, denn die ausgestreute Saat wird fortwuchern. Der Glaube an die Welt Verschwörung der Juden ist bereits in das Unterbewußtsein der breiten Massen gedrungen und wird sich von dort sehr schwer entwurzeln lassen. Gleichwie seit dem Auftreten Stöckers die antisemitische Propaganda über ganz Europa von Berlin aus sich verbreitete, so wurden seit dem Auftreten Fords die Hauptmittelpunkte dieser Propaganda nach dem Westen verlegt. Die Stöckersche Propaganda wirkte sich außerhalb Deutschlands aus, erst in Rußland wurde sie zu bluti- *) Siehe den Artikel „Henry Fords Bekehrung" in der vorigen Nummer. herbewegen. Er gibt zwei Gründe an; vielleicht aber liegt in dieser Eigentümlichkeit eine tiefgründige, symbolische Bedeutung. Die äußere Ruhelosigkeit, die den Körper nicht zur Ruhe kommen läßt, erzeugte die Beweglichkeit des Geistes. Der Forscher, der abseits und unberührt vom wirklichen Leben, seinen Gedankengängen nachgeht, verliert ich nur zu leicht in weltfremde, lebensunwahre Fernen. Den Geist des jüdischen Denkers rüttelte immer die Wirklichkeit wach. Die Bewegung, aie die Körper unerbittlich erfaßte, teilte sie wie nach dem Gesetze der Fortpflanzung des Stoßes auch dem Geiste mit. So konnte keine Ruhe den Geist einschläfern, wohl aber Unrast stets neue Energien wecken. Das Größte ist gewiß nicht in der Ruhelosigkeit geschaffen worden, aber anderseits haben Völker, die sich allzeit der ungestörten Gleichförmigkeit seßhaften Lebens erfreuten, die Kraft und den Schwung zu geistigen Höchstleistungen immer mehr eingebüßt, ja endlich völlig verloren. Es scheint, daß „wajissu — wajachanu — wajissu" — „aufbrechen — lagern und wieder aufbrechen" doch das richtigste Rezept ist, um dem Geiste und dem Körper die möglichst größte Leistungsfähigkeit zu erhalten. Darin aber unterscheidet sich die Gestalt des wirklichen Wandervolkes der Juden von der Figur des „Ahasver", den eine feindliche Phantasie ersonnen hat: Ahasver wandert ruhelos, verbraucht seine Kraft und leistet nichts; Israel wandert und ruht, ruht und wandert. Ermüdet die Kraft des Körpers, erwacht die des Geistes. Es wandert nicht zwecklos, sondern bringt von jedem Wege Schätze des Geistes in seine „jeschiba", in die Ruhe, die ihm gegönnt ist, um neue Güter des Geistes zu erwerben, wenn die Ruhe aufhört und die Wanderung beginnt. Man kann die Figur des „Ahasver" ohne weiteres aus der Menschheitsgeschichte streichen; sie ist wert- und nutzlos. Die Gestalt des jüdischen Volkes kann man in der Menschheitsgeschichte nicht weglassen. Man mag ihm wohl- oder übelgesinnt sein, zugestehen muß man, daß es etwas geleistet hat. Und fragt man nach den Leistungen, so wird man weiter zugestehen müssen, daß sie geistige Werte sind. Der Weg konnte des Körpers Kraft schwächen, des Geistes Kraft dankt Israel der „jeschiba" — dem „SitzenundLernen". gen Pogromen und unmenschlichen Austreibungen. In Deutschland selber dagegen fügte sie den Juden sehr lange nur seelische Leiden, aber keinen greifbaren politischen oder sozialen Schaden zu. Ebenso machte sich die Fordsche Propaganda nur im fernen Europa schmerzlich fühlbar. In Amerika selber jedoch war der Boden für diese Saat noch nicht reif (das gleiche gilt für England und Frankreich); daher wandte man dort gegen sie nicht die entsprechenden Mittel an. Und so konnte sie ungehindert derartige weltumspannende Dimensionen annehmen. In Deutschland indessen hatte man, obwohl man es für sich selber damals unmittelbar nicht notwendig hatte, schon zu Anbeginn rechtzeitig wissenschaftliche Methoden der Abwehr herausgebildet, die nachher der ganzen Judenheit zustatten kamen. Nicht als ob man im Westen die Gefahr nicht früh genug erkannt hätte. Nur hatte man dort — leider oder glücklicherweise — keine Erfahrung in der Abwehrarbeit; der Antisemitismus in diesem Ausmaße und in dieser Form war dort eine neue Erscheinung. Und so ergriff man die verkehrtesten Maßnahmen zu seiner Bekämpfung. Mit den „Protokollen" und mit Ford beschäftigte sich das American Jewish Committee schon anfangs Juni 1920, also kurz nachdem die „Times" ihren berühmten Alarmruf ausgestoßen und eine „Untersuchung gegen die jüdische Weltverschwörun^" gefordert hatten, kurz nachdem der Papst durch den Kardinal G as p a r r i dem französischen Protokoll-Uebersetzer Mgr. J o u i n seinen Dank und den apostolischen Segen hatte übermitteln lassen. An der Spitze des American Jewish Comittee steht Louis. Mars h a 11, d e r Jude in Amerika, der unter seinen nichtjüdischen Mitbürgern die größte Hochachtung, man kann sagen, Ehrfurcht genießt. Er schreibt an Ford einen Brief und macht ihn aufmerksam, daß die in seiner Wochenschrift veröffentlichten Artikel Antisemitismus der heimtückischesten und gefährlichsten Art säen und die „Protokolle", auf die er sich beruft, handgreifliche Fälschungen seien, ein Ausfluß von Haß und mittelalterlichen Vorurteilen, die blutige Verleumdung eines ganzen Volkes. „Drei Millionen tief verwundeter Amerikaner warten gespannt auf Ihre Antwort." — Die Antwort kommt umgehend: höhnisch, hochmütig, verletzend, nicht von Ford persönlich, sondern von seinen Angestellten; sie kündigt die Fortsetzung dieser Artikel an und empfiehlt deren aufmerksames Studium . . . Acht Tage später kündigt die weltberühmte Verlagsfirma P u t n a mks Sons in New York und London eine neue Uebersetzung der „Protokolle" an. Es ist bereits die dritte in englischer Sprache. Der Chef der Firma, eine der ersten Persönlichkeiten New Yorks, ist ein persönlicher Freund von Louis Marshall und Oskar S. Straus, dem früheren Botschafter in Konstantinopel. Marshall schreibt an ihn und beschwört ihn im Namen ihrer alten Freundschaft, im Namen der Gerechtigkeit und Billigkeit und aller amerikanischen Ideale, daß er ja dieses Buch nicht herausgebe, welches eine handgreifliche Fälschung sei, ein Ausfluß