Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 31 (29.7.1927)
- Date
- 1927-07-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 iffl! IHlllllllülilüiiüi;; DIE WAHRHEIT „So die Könige rasen, büßen es die Griechen." In diesem Worte eines alten römischen Dächters, schreibt T. E. in der „Jüdischen Presse" vom 15. d. M., liegen die Keime tiefer geschichtlicher Erkenntnis beschlossen. Selten nun geschieht es, daß geschichtliche Katastrophen durch den freien, unbeeinflußten Willen der Völker selbst verursacht werden. Meistens sind es unverantwortliche, von Ehrgeiz oder Rachsucht getriebene Führer, die es verstehen, die Völker gewissenlos in derartige Situationen hineinzuhetzen, aus denen dann mit Zwangläufigkeit die Katastrophen entstehen. Dieser Gedankengang drängt sich unwillkürlich auf, wenn wir uns mit dem bevorstehenden „jüdischen Rechtsschutzkongreß" in Zürich befassen müssen. Es dürfte bekannt sein, daß sich in Amerika selbst um dieses Thema eine heftige Diskussion zwischen Stephen Wise und Louis Marshall entfacht hat. Louis Marshall, dessen Verdienste um die Gesamtheit der Judenheit niemand ableugnen wird, warnt vor diesem Kongreß und seinen Folgen. Stephen Wise, dessen Popularität selbst in seinen dunkelsten Stunden eine ungeheure ist, verlangt ihn. Eine ganz eigenartige Note bei dieser Angelegenheit ist die Tatsache, daß der Grandrabbin von Paris sehr energisch gegen diesen Kongreß Stellung nimmt und bei dieser Gelegenheit einmal etwas der Oeffentlichkeit anheimgibt, was von unserer Seite unzählige Male wiederholt wurde. Das ist die Frage: Wer hat jemals das sogenannte „Comit6 des D61egations juive" und seinen Präsidenten, Herrn Leo Motzkin, bevollmächtigt, im Namen der Judenheit zu sprechen? Wir möchten Bekanntes wiederholen und erzählen, daß sich dieses Komitee plötzlich, während der Friedensverhandlungen, in Paris auft at und seitdem bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit in Erscheinung zu treten versucht. Wir glauben, daß dieser Rechtsschutzkongreß, über den noch einige Worte zu sagen sein werden, wieder einmal (vergl. Welthilfskonferenz) ein Versuch ist, dieses Komitee auftauchen, wenn nicht gar legitimieren zu lassen. Ein pikanter Zug in diesem Kulissenwerk ist die Tatsache, daß Leo Motzkin Präsident des Aktionskomitees der Zionistischen Organisation ist. Man müßte sehr weit zurückgreifen, um das Ungesunde dieser Kongreßidee darzulegen. Eine kleine Zwischenfrage dürfte das Verständnis erleichtern. Auch aus Amerika kommen Delegierte zu diesem Kongreß. Frage: Denken diese Herren daran, für die gewaltige Judensiedlung in New York auch nur den Schimmer solcher Rechte zu verlangen, die aus den Minderheitsklauseln der verschiedenen Verträge resultieren? Denkt Herr Oberrabbiner Dr. Chajes (Wien), der Mitinitiator dieses Kongresses, etwa daran, für Oesterreichs Juden nationalistische Minderheitsrechte zu beanspruchen? Wir glauben es nicht. Wird sich doch der ernste Geschichtsschreiber auch mit der seltsamen Erscheinung zu befassen haben, daß von den Minderheitsrechten in den großen Machtstaaten überhaupt nicht gesprochen werden darf und nicht gesprochen wird. Vielmehr werden diese auf die Tagesordnung gestellt entweder nur in den besiegten Staaten oder in solchen neuentstandenen Staaten, die ihre Neubildung und Auferstehung nicht den eigenen Erfolgen, sondern dem Kalkül der allgemeinen politischen Richtlinien der Siegerstaaten zu verdanken haben. Daß ein solcher Staat im Aufbau an und für sich manche Schwierigkeiten zu überwinden hat, ist klar; es heißt natürlich, diese Schwierigkeiten ins Unermeßliche vermehren, wenn man in diesen Aufbaustaaten die strikte Erfüllung dieser Minderheitsklauseln beansprucht. Es ließe sich wohl denken, daß nach Vollendung des Aufbaues, in ruhiger Entwicklung, die Rechte der Minderheiten sich eher durchsetzen oder erreichen ließen. Die Majoritätsnation der gemischten Staaten würde es natürlich übel empfinden, wenn sie gestört würde. Das ist wohl der Inhalt des Gedankenganges von Louis Marshalls Widerstand. Diese Erregung steigert sich ungeheuer, wenn Minderheitsrechte nicht von denen verlangt werden, denen sie vorenthalten sind, sondern wenn sich Unberufene vom gemächlichen Port der eigenen Sicherheit aus zu Advokaten der Bedrückten aufwerfen. Wenn noch dazu ein Abstellen der Uebel nicht aus Gründen der allgemeinen Menschlichkeit verlangt wird, sondern auf Grund nationaler Ansprüche, von denen man ganz genau weiß, daß die Advokaten gar nicht daran denken, sie in ihrem eigenen Heimatland zu beanspruchen. Das aber ist die ungesunde Basis des geplanten Rechtsschutzkongresses. ff (I Bezugsbedingungen: Halbjährig: für Oesterreich S 8.50, Ungarn Pengö 8-50, Deutschland Goldm. 7.—, Tschechoslowakei CK 60.—, Polen ZI. 11.—, Schweiz Fr. 7.—, Amerika l1/» Doli.,Italien Lire 40.—.EnglandSchilling — 15.—.Rumänien Lei 300.—.Jugoslawien Dinar 100.— ■ Des wandernden Juden Seßhaftigkeit. Von Dr. V. K u r r e i n. Die Israeliten brachen auf .... und lagerten .... und brachen auf IV. 33, 5, 6 Den Abschluß einer vierzigjährigen Wüstenwanderung bildet eine Uebersicht über den Weg, den Israel durchwandert hat, eine Aufzählung der Namen von Städten und Plätzen, an denen es vorbeigekommen ist. Man ist versucht, an den „Ahasver", den „ewig wandernden Juden" zu denken, wenn man die vielen, wajissu — wajachanu — wajissu", „sie brachen auf, lagerten und brachen wieder auf" liest; wüßte man nicht, daß auch dieses Wandern ein Ende gefunden hat, müßte man darin ein Vorzeichen für das spätere Schicksal und die Geschichte des Volkes erkennen. Die ganze Geschichte des jüdischen Volkes, wie man sie zu lesen und zu lernen gewohnt ist, hat lauter Kapitel, die eben genau so lauten und überschrieben werden können: „sie wanderten aus — sie lagerten und wanderten aus". Die Seßhaftigkeit Israels wurde überall früher oder später, kürzer oder länger beendet, und die Wanderung, die Unstetigkeit immer mehr sein bleibendes, kennzeichnendes Merkmal. Ob böse Absicht oder Schadenfreude das Bild vom wandernden Juden ersonnen hat, braucht nicht untersucht werden; Tatsache ist, daß es der Wirklichkeit entspricht. Der Wanderbewegung, der ein ganzes Volk — man kann sagen: zwei Jahrtausende lang — auf Grund fremden Willens ausgeliefert war, konnte dieses Volk nur eine einzige Seßhaftigkeit entgegenstellen und diese hieß: „jeschiba". Dieses Wort bezeichnet das „Sitzen bei den Büchern", das „Sitzen und Lernen" und das Lehrhaus selbst. Die ganze große Bedeutung, die dem Worte und dem Gegenstande zukommt, wird klar, wenn man die alle geistige Kraft vernichtende, zermürbende und zerstörende Macht kennt, die einer jeden Völkerwanderung den Völkern gegenüber, über die sie sich ergießt, innewohnt. Nicht ohne tiefen Grund sagt das Bibelwort „seine Kraft wurde durch den Weg gebrochen", und sagen die alten Weisen, daß „alle Wege und Reisen Gefahren bergen", denn die Unrast, die von Ort zu Ort treibt, nirgends ein ruhiges Weilen gestattet, verhindert auch eine glückliche Entfaltung geistigen Schaffens. Nomadenvölker haben keine hohe Kultur und keine geistige Kraft entwickelt. So sehr richtig es ist, daß Reisen die Bildung und den geistigen Horizont des Individuums erweitert, ebenso richtig ist, daß sich nur in Ruhe und Seßhaftigkeit bei den Nationen Wissenschaft und Forschung zur Höhe und Bedeutung entfalten. Gerade darum kommt der „jeschiba" des Judentums eine unbestreitbare Bedeutung zu. Trotz aller Unruhe, die wie eine Schicksalsbestimmung über der Judenheit schwebte, sich immer wieder bald auf diese, bald jene Gruppe herabsenkte und zum Auf- und Abbruch zwang, fand dieses Volk immer und überall Ruhe zum „Studium". Ja, man ist versucht zu sagen, es fand die Ruhe nur hinter seinen Büchern, oder es flüchtete sich hinter seine Bücher, um Ruhe zu finden. Auch die jüdische Geschichte beweist, daß eine glückliche äußere Lage, eine wohlgesinnte, duldsame Umgebung den Aufschwung jüdischer Forschung und Wissenschaft begünstigt und erzielt haben; aber weit wertvoller ist für den Einblick in die geistige Einstellung dieses Volkes die Tatsache, daß die Sehnsucha nach der „jeschiba", nach dem „Sitzen und Lernen" selbst in der Wanderbewegung nicht ertötet worden ist. Der Ahasver der Sage ist ein ruheloser Wanderer, dessen Fuß nicht stille steht; in Wahrheit ist er ein ruheloser Wanderer, dessen Geist, dessen Denken und Sinnen nicht ruhig sein kann. Schon Jehuda halevi hat in seinem Buche „Kusri" die Frage behandelt, warum die Juden beim „Lernen" den Oberkörper hin- und