Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 30 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Fremdheit und „Nichtzugehörigkeit" der Juden auf dem flachen Lande hervorgerufen werden. Lange allerdings konnte sie nicht aufrechterhalten bleiben. (Fortsetzung folgt.) Glossen. Wer kann die zu Haß und Verfolgung, zu Mord und Totschlag aufreizenden Reden zählen, die seit Jahr und Tag von den Lippen privilegierter Hetzer fließen? Wie viel Tinte ist im Dienste der gottlosen Religion des Hasses vergossen worden, die wohl auch Menschen zu Brüdern machen will, aber Brüdern wie Kain und Abel es waren? Nun ist auch in den Straßen Wiens Blut in Strömen geflossen und mächtig in den Himmel ragende Feuersäulen haben das furchtbare Elend beleuchtet, das satanische Mächte über uns gebracht. Wäre es nicht Zeit, daß die Menschheit, die mit so viel Stolz sich ihrer Fortschritte rühmt, sich zu einem kleinen Rückschritte entschlösse, nicht bis zum Mittelalter — das wäre zu wenig — sondern gleich bis zu dem als grau verschrienen Altertum, in welchem ein Prophet Israels in schlichten Worten die Lehre verkündete: „Fürwahr, einen Vater haben wir alle, ein Gott hat uns geschaffen." Aber freilich, in der Zeit, in der so viel Lieblosigkeiten gegen Andersgläubige bekundet werden, klingt diese Lehre zunächst beinahe etwas komisch. Es hat auch all die Jahre her nicht an Stimmen der Warner gefehlt, die auf Gefahren hinwiesen, die in dieser Atmosphäre der allgemeinen Verhetzung entstehen müssen. Man hat auch manche kühl lächelnde, ihrer Verantwortung nicht recht bewußte Zuschauer bei diesem Treiben vergebens daran erinnert, daß das Spielen mit dem Feuer auf die Dauer kein Spiel bleibt, sondern blutiger Ernst werden muß und daß schließlich sogar die Lokalisierung eines Brandes erschwert werden kann, wenn die entzügelten Leidenschaften sich selbst den Löscharbeiten in den Weg stellen. Wer so ruhig bleibt, wenn so viel tödlicher Haß gesät wird, darf sich kaum beklagen, wenn er seinen Teil an dem Sturm zu tragen hat, der geeratet wird. Wie viel Zündstoff muß sich in der Luft sammeln, wenn Jünglinge, die nach der Meinung der Dichter für die Ideale schwärmen sollen, sich allmählich für die Idee begeistern, man dürfe jedem den Kopf einschlagen, dessen Nase einem nicht gefällt. Die Stimmen der Warner und Mahner wurden nicht gehört. Sie wurden verhöhnt, verlacht, im besten Falle als lächerliche Utopisten verspottet. Wird die stumme, aber ach so furchtbar erschütternde Sprache, die aus den Gräbern dringt, in denen die Opfer dieser höllischen Tage gebettet sind, verstanden und beherzigt werden? Werden die Schmerzensschreie so vieler Schwerverwundeter, die vielleicht als Krüppel ihr Leben werden fristen müssen, die Herzen rühren? Werden die Tränen der Witwen und Waisen nicht zum Nachdenken zwingen? Die Toten, die so verfrüht in den ewigen Frieden einzogen, sie erweckt keine Klage mehr. Darf man aber hoffen, daß ihr jammervolles Ende wenigstens dazu verhelfen wird, die Lebenden friedlicher gegen einander zu stimmen? Die grauenhaften Szenen, deren Schauplatz die Straßen Wiens waren, all die herzzerreißenden Szenen, deren Erinnerung nie mehr aus dem Gedächtnis der Zeitgenossen schwinden kann, haben uns auch die Kenntnis vermittelt, daß es auch in Wien wie in allen Großstädten zahlreiche Individuen gibt, die sich in ihrer Art vollständig von allen sozialen, nationalen und konfessionellen Vorurteilen emanzipiert haben. Man kann aber leider nicht behaupten, daß diese Art besonders sympathisch ist, denn die bescheidenen, nur im Schutze der Anonymität sich wohl fühlenden Herren bekunden ihre Vorurteilslosigkeit dadurch, daß sie jede in den Straßen sich austobende politische Bewegung mit der gleichen Schlag- und Fingerfertigkeit ausnützen, möge diese sich gegen die Besitzer vornehmer Paläste oder gegen die Mieter armseliger Trödlerladen richten. Während die Phrasenhelden den Mund voll nehmen, sind sie nur bedacht, sich die Taschen zu füllen und sie machen wirklich nicht den geringsten Unterschied zwischen Mein und Dein. Dieselben Leute, die sich die wertvollen Andenken aus der Privatwohnung des Chefredakteurs Dr. Funder holten, haben bei früheren Gelegenheiten ihre Visitkarten — bildlich gesagt — in Branntweinbutiken abgegeben. Sie besuchen in aufgeregten Zeiten ebenso eifrig Kirchen wie Synagogen und schätzen Moses und die Propheten nicht geringer als die Heiligen. Man kann über nationale Fragen wie immer denken, so wird man doch zugeben müssen, daß diese weniger hingebenden als wegnehmenden Teilnehmer an großen Demonstrationen eine eigene — Rasse bilden. * * * Eingedenk des alten Tricks, daß der Dieb, um von sich den Verdacht abzulenken, am lautesten schreit: „Halts ihn auf", erhebt die „Dötz", die unausgesetzt mit einem Aufwand grenzenloser Dummheit, aber auch in ebenso schamloser als tückischer Weise für die Verhetzung arbeitet, die Beschuldigung, die Juden seien schuld an dem großen Unglücke, das Wien betroffen, und darauf müsse mit einem Pogrom geantwortet werden. Es ist wahr, die „Dötz" kann darauf hinweisen, daß sie wegen ihrer genannten Qualitäten selbst von den Führern der Partei einen Fußtritt erhielt und nur noch, wenn es dunkel wird, als Abendblatt erscheinen darf. Aber denkt der Staatsanwalt nach den erlebten Greuelszenen, daß man ruhig zusehen dürfe, wenn ein bösartiger Idiot den Versuch macht, die Lunte in ein Pulverfaß zu werfen? Der Staatsanwalt mag lächelnd lesen, wie die „Deutschösterreichische Tageszeitung" die deutsche Sprache grausam mißhandelt und u. a. die Regierung fragt, „auf was sie noch wartet", um gegen das „dreiste Asiatengesindel einzuschreiten". „Auf was" mag aber der Staatsanwalt noch warten, bis er es für angezeigt hält, im Sinne des Gesetzes gegen das Blatt einzuschreiten, das in der Volksverhetzung seine Existenz sucht? Ego.