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Die Wahrheit · 1927-07-22 · Heft 30 (22.7.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 30 (22.7.1927)
Date
1927-07-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEU jjll ganische Chemie viele Fortschritte — ich erwähne die Synthese des Coniins, eines im Schierling vorkommenden und durch Ladenburg erstmalig auf künstlichem Wege dargestellten, sehr giftigen Alkaloids. Auch schrieb er ein ausgezeichnetes Buch: „Vorträge über die Entwicklungsgeschichte der Chemie in den letzten hundert Jahren." Zu den größten Chemikern aller Zeiten ist Viktor Meyer zu zählen. (Geb. am 8. September 1848 in Berlin.) Schon im Alter von 19 Jahren Assistent bei Bunsen, wurde er — 23jährig! — Professor am Polytechnikum in Stuttgart, dann in Zürich, später in Qöttingen, von wo er dem ehrenden Rufe an die Universität Heidelberg folgte — als Nachfolger seines großen Lehrers Bunsen. Seine Untersuchungen und Synthesen von Nitro-, Nitroso- und A z o - Verbindungen sind von größter Bedeutung geworden für die Entwicklung der Chemie, insbesondere der Chemie der Farbstoffe und Teerzwischenprodukte. Er entdeckte auch die A1 d o x i m e, Ketoxime und im Steinkohlenteer das Thiophen (eine im Rohbenzol enthaltene organische Schwefelverbindung, die wegen ihrer nahezu gleichen physikalischen Eigenschaften mit dem Benzol lange Zeit von diesem nicht gesondert werden konnte; dies war auch die — unverständliche — Ursache der Verschiedenheit von Steinkohlenteer- und Reinbenzol, ebenso des ungleichen Verhaltens gegenüber der „Indopheninreaktion"). Mit viel Erfolg studierte Meyer die Valenz- und Verbindungsfähigkeit des Kohlenstoffes, der bekanntlich die Grundlage für die ganze organische Chemie bildet; schließlich beschäftigte er sich mit physikalischer Chemie, die ihm eine große Zahl grundlegender Gesetze und Methoden verdankt. Das von ihm — im Verein mit Jakobson — verfaßte zweibändige „Lehrbuch der organischem Chemie" steht noch heute wegen seiner Gründlichkeit im besten Ansehen. Allzufrüh — im 49. Lebensjahre — starb Viktor Meyer, einer der erfolgreichsten Forscher aller Zeiten. Adolf Pinner war Chemiker und Mediziner und publizierte aus beiden Wissensgebieten zahlreiche Untersuchungsergebnisse. Lange leitete er die große Sodafabrik in Dieuze, welche Stellung er aufgeben mußte, als durch den Krieg von 1870—71 Lothringen an Frankreich kam. Pinner wurde hierauf Mitglied des kaiserlichen Patentamtes und der Akademie „Karolina Leopoldina" (Berlin). Zu den angesehensten Chemikern Deutschlands zählt C. Liebermann; durch viele Jahre war er Präsident der Deutschen chemischen Gesellschaft und Professor an der Technischen Hochschule in Charlottenburg wie auch an der Berliner Universität (Chemie, Hüttenkunde). Liebermann stellte in Gemeinschaft mit C. G r a e b e zum ersten Male einen pflanzlichen Farbstoff — das rote, in der Türkischrot-Färberei verwendete (früher aus der Krappwurzel gewonnene) Alizarin — aus Anthrazen, also auf künstlichem Wege her, eine für Wissenschaft und Praxis gleich bedeutsame Erfindung, denn seither ist Deutschland führend und unerreicht auf dem Gebiete der Teerfarbstoffindustrie und Forschung. (Weitere Artikel folgen.) Materialien zur Geschichte der Entstehung des Kultusgemeindebezirkes Wien XXI. (Floridsdorf). Von Rabbiner Dr. Rosenmann. (Fortsetzung.) Die Ortschaften Szobotist, Szenicz und die ihnen benachbarten Dörfer in der Slowakei waren es, aus welchen die jüdischen Ansiedler in Floridsdorf und Umgebung hauptsächlich stammten. Das jüdische Familiengefühl bewirkte es, daß der Verwandte dem Verwandten den Weg ebnete und ihn zu sich heranzog. Die jüdische Bevölkerung wuchs; es stellte sich bald die Notwendigkeit heraus, Beschneidungen und Iii Seite 1 Trauungen (erstere nach einem früher bestandenen Usus) im Bethause (jetzt Schloßhoferstraße 14) vornehmen zu dürfen. In welchem Zustande der Hörigkeit trotz des Februarpatentes des Jahres 1861 sich noch damals die Judenheit auf dem flachen Lande befand, ist daraus zu ersehen, daß sie sich hierfür zunächst der Zustimmung des katholischen Ortsgeistlichen vergewissern mußte. Mit dem Einverständnis dieser Instanz sowie des Vorstandes der politischen Gemeinde Floridsdorf versehen, konnte der Minjanverein Floridsdorf auf Gewährung seines Ansuchens hoffen. Die Eingabe selber ist nicht mehr vorhanden, wohl aber der begleitende Bericht des Bezirksamtes Korneuburg an die niederösterreichische Statthalterei (Z. 17884, C. 8) sowie die abverlangte Aeußerung des Wiener Vertreterkollegiums über das Ansuchen des Minjanvereines (Z. 17882, C. 8). Beide stellen beachtenswerte Dokumente zur Beurteilung der damaligen Verhältnisse dar. Der Bericht der Bezirkshauptmannschaft spiegelt das vorsichtige Lavieren der unteren Behörden wieder, die unter der Herrschaft des liberal schillernden Schmerling-Ministeriums es nicht mit den „Israeliten" verderben wollten; die Begutachtung des Wiener Vertreterkollegiums war der Ausfluß der Bruderliebe, die auf die eigene privilegierte Stellung gerne verzichtete. Ersterer lautete: „Hohe k. k. n.-ö. Statthalterei! Ueber das Ansuchen der Israeliten in Floridsdorf wegen Vornahme mehrerer zur Ausübung der bewilligten Minjan- Andacht nicht gehörigen Funktionen wird infolge des sub rückfolgendem hohen Tergal-Auftrages vom 5. v. M.. Z. 3053, die abverlangte Aeußerung dahin abgegeben, daß, wie der zuliegende vom Ortsseelsorger mitgefertigte Bericht des Gemeindevorstandes Floridsdorf entnehmen läßt, von dieser Seite ein Anstand gegen jenes Ansinnen nicht obwaltet, daher lediglich nur der Mangel eines Bedarfes mit Rücksicht auf die in Wien, also in der nächsten Nähe bestehenden Kultusanstalten und der Umstand in Erwägung zu ziehen wäre, ob welche Akte, wie diese beabsichtigt werden, die Grenzen einer Minjan-Andacht nicht bedeutend überschreiten und die genaue Führung der Geburts- und Trauungs-Register nicht beeinträchtigen würden, was dem hohen Ermessen ergebenst anheimgestellt bleiben muß. K. k. Bezirksamt Korneuburg, am 4. März 1863. (Unterschrift unleserlich.)" Die Kultusgemeinde Wien schrieb Nachfolgendes: „Hochlöbliche k. k. Statthalterei von Oesterreich unter der Enns! In Folge hohen Auftrages vom 3. April, Nr. 10068, haben die ergebenst Unterzeichneten hiermit — unter Rückschluß des Kommunikates — die Ehre, sich über das Ansuchen des Synagogenvorstandes in Floridsdorf zu äußern, daß gegen die Abhaltung von Trauungen und Beschneidungsfunktionen in der Synagoge vom rituellen Standpunkte nicht nur keinerlei Bedenken obwaltet, sondern daß dieselbe fast allwärts auf dem I ande üblich ist. Die ergebenst Unterzeichneten erlauben sich demnach, das Ansuchen zu befürworten, um so mehr, als auch die hierzu gesetzlich berufene Behörde für ordnungsmäßige Matrikulierung ohnehin Sorge tragen wird. Wien, 24. April 1863. Die Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde: L. v. Wertheimstein, Jos. von Wertheimer, Moritz v. Goldschmidt, J. v. Königswarter, Brandeis." Nun erging von der Statthalterei am 24. April 1863 ein Dekret an das k. k. Bezirksamt in Korneuburg: „In Erledigung des Berichtes vom 4. März d. J., Z. 1327, dessen Beilagen zurückfolgen, findet man über Einschreiten des Max Treibel und Max Neumann nomine der Israeliten von Floridsdorf, die Bewilligung zur Vornahme von Beschneidungen und Trauungen im israelitischen Betlokale in Floridsdorf hiermit zu erteilen. Es versteht sich übrigens von selbst, daß jeder Geburts- und Trauungsfall im Sinne der mit hierortigem Erlasse vom 7. Juli 1857, Z. 19893, bekanntgegebenen h. Ministerialverordnung ordnungsmäßig zur Matrikulierungs- Veranlassung anzuzeigen ist." Der fortwährende Hinweis auf die Matrikulierung ist durch den Umstand zu erklären, daß auf Grund des mehrerwähnten „Normales vom 28. April 1857" die Matrikel der Juden auf dem flachen Lande von den politischen Ortsvorstehern geführt wurden. Jede Eintragung wurde dann im Wege der Bezirkshauptmannschaft an die ursprüngliche Heimatsgemeinde zur eigentlichen Immatrikulierung übermittelt. Daß auf diesem lang andauerndem Wege ein Chaos in den Geburts-, Trauungs- und Sterberegistern entstand, ist wohl selbstverständlich. Es sollte aber vor allem hierdurch die Fiktion der

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