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Die Wahrheit · 1927-07-22 · Heft 30 (22.7.1927) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 30 (22.7.1927)
Date
1927-07-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 III DIE WAHRHEIT Wenn ich jetzt die russisch-jüdischen Mädchen betrachte, die zahlreich und wissensdurstig die Universitätsauditorien und Kliniken füllen und der Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft und Wissenschaft den Weg ebnen, so taucht in meiner Erinnerung das Bild jener Matrone auf, die sich in ihrem kleinen beschränkten Kreise ein Betätigungsfeld schuf und das soziale Empfinden in diesen edlen Formen betätigte. So sehe ich den Entwicklungsgang der jüdischen * Frauen als eine lange ununterbrochene Kette, bei der sich Glied an Glied reiht, und nicht als etwas Zufälliges, Plötzliches und Neues im jüdischen Leben an. Es könnte dem Leser etwas vage vorkommen, daß ich, an ein einziges Beispiel anknüpfend, zu solch allgemeinen Schlüssen gelange. Aber die Frau, deren Wesen und Leben ich hier so ausführlich geschildert habe, war keine Ausnahme, keine Einzelerscheinung. Es lebten unter den Juden viele solcher Frauen, und man kann von ihr wie von einem Typus erzählen. Es war eine wunderbare Frau. Nach ihren nächtlichen Ausflügen ging sie oft, ohne zu ruhen, an die Tagesarbeit, versorgte schnell die ganze Wirtschaft und widmete dann den Rest des Tages dem Geschäfte. Gewöhnlich stand sie um fünf Uhr morgens auf, sang mit Andacht viele Kapitel aus den Psalmen und nahm dann eine Tasse Tee. Um 7 Uhr morgens besprach sie die wirtschaftlichen Angelegenheiten mit der Köchin und ging dann in die Synagoge.. Ihre persönlichen Bedürfnisse waren sehr gering. Sie aß wenig und einfach. Für die Gäste aber mußte stets ein reichbesetzter Tisch hergerichtet werden, was in jenen Zeiten in jedem reichen, vornehmen jüdischen Hause üblich war. Die Bevölkerung, auch die christliche, von Konotop verehrte sie, alle Bekannten und Freunde brachten ihr die größte Achtung entgegen. Ihr Wunsch war jedem heilig. Ihr Wort galt als Gesetz, besonders bei ihrem Manne und uns Kindern. Trotzdem sie aber die Macht besaß, ließ sie dies niemals jemanden fühlen. Nichts von Egoismus und Selbstüberschätzung war in dieser Frau, keine Starrheit der Gesinnungen, nur tiefer Ernst, religiöse Bescheidenheit und eine ungeheuchelte fromme Unterwerfung unter den Willen Gottes — das waren die Hauptmerkmale ihres Wesens. Daß diese Frau das meiner sterbenden Schwiegermutter einst gegebene Wort in Treue hielt, braucht es besonderer Betonung? Sie war den drei Waisen gewordenen Kindern eine wahre Mutter, eine treffliche Erzieherin, die mit ihrem weiten Blicke die Kinder zum Talmud-Studium wie auch zu dem der russischen Sprache anhielt. Ihr Gatte, ein hageres Männchen mit blitzenden, gutmütigen Augen, war ihr ganz ergeben und fügte sich, weil er wußte, daß sie ihm in jeder Hinsicht überlegen war, ihrem Willen. Er war zwar auch im Geschäfte tätig. Das entscheidende Wort führte jedoch seine Frau. (Fortsetzung folgt.) F~» Für Täuflinge. Es war im tiefsten Mittelalter, als in einer mitteldeutschen Stadt der Landesherr die zu damaligen Zeiten nicht ungewöhnliche Weisung gab, die Juden des Landes zu verweisen. Nur die sollten von dieser strengen Maßnahme verschont bleiben, die sich bereit erklärten, die Taufe zu nehmen. Verzweiflung herrschte in den Reihen der Juden, die innerhalb kurzer Zeit ihre gewahnte Umgebung verlassen und hinaus in die Fremde ziehen mußten, um sich für kurze Zeit ein anderes Plätzchen auf Gottes weiter Welt zu suchen. Es geschah aber, daß sich in diesem Städtchen auch ein „Opportunist" fand, der glaubte einen Ausweg gefunden zu haben, der neben Beibehaltung des angestammten Glaubens, ihm auch den gesicherten Aufenthalt zu verbürgen schien. Er begab sich zum Rabbi und sprach: „Mit schwerer Mühe und unter unsäglichen Entbehrungen habe ich mir ein kleines Vermögen erworben, das ich durch den strengen Ukas des Landesherrn nunmehr verlassen müßte, um aller Mittel bar durch Bettel mein Leben zu fristen. Und da denke ich: Was täte es, wenn ich das bißchen Wasser nähme? Ich bliebe ja doch derselbe, der ich war und könnte weiterhin, wenn auch nur im Geheimen, den Geboten unserer Lehre treu bleiben?" Der Rabbi dachte eine geraume Weile nach und antwortete ihm: „Nun habe ich Antwort auf eine Frage, die schon •recht lange mein Gehirn beschäftigt hat, ohne daß ich eine annehmbare Lösung gefunden hätte. Wie du weißt, verhieß Gott unseren Stammvätern: „Ich werde eure Kinder machen, wie die Sterne am Himmel, wie der Sand am Meere." Daß er uns gleich den Sternen am Himmel machen wird, war entschieden em Segen, denn sie sind zahlreich und leuchten hoch oben in nächtlicher Pracht. Mag auf Erden Sturm und Regen sein, sie aber glänzen hoch über den Wolken in unverminderter Stärke. Daß man uns aber auch gleich dem Sand am Meere machen werde, war auch dies als ein Segen zu betrachten? Nun du zu mir gekommen bist, habe ich des Rätsels Lösung gefunden. Der Segen liegt darin, daß der Sand niemals verschwinden kann. Sturm und Wind wirbeln ihn in alle Weltteile, aber er geht nicht verloren, er bleibt. Selbst wenn ihn jemand mit dem Fuße tritt, steigt er auf und setzt sich auf das Haupt desjenigen, der ihn getreten hat. Nur ein Element bedeutet für ihn eine Schwächung und dieses Element ist — das Wasser. Wenn auf ihn Wasser kommt — dann verliert er diese letztere ihm innewohnende Kraft." Zacharias Da über. Die Juden in der Chemie, Von Rudolf Seiden, Mödling. Unbefugter Nachdruck verboten. Schon im frühen Altertum wußten die Menschen Metalle aus Erzen zu gewinnen, um Ton, Glas und andere chemische Produkte herzustellen. Wenn wir in Bibel und Talmud blättern, finden wir so manche Stelle, die uns von den Beziehungen der Juden jener fernen Zeiten zu chemischen Erzeugnissen und zu chemischen Gewerben Bericht geben. Aber auch aus dem Mittelalter sind uns ähnliche Nachrichten bekannt. Heute sei von dem großen Einfluß, den Juden auf die Entwicklung der jungen wissenschaftlichen und damit auch der Industriechemie genommen haben, einiges mitgeteilt. Doch trotz dieser Einschränkung ist es nicht möglich, auch nur alle bedeutenden jüdischen Chemiker und ihre Leistungen hier anzuführen. Ich werde nur einen kleinen Ausschnitt bringen aus dem imposant großen Kreise der dem Judentum entstammenden, am Auf- und Ausbau ihrer Wissenschaft als Pioniere mitarbeitenden Chemiker der letzten Jahrzehnte. * Ich beginne die Reihe jüdischer Chemiker mit einem Manne, welcher der Judenheit der Gegenwart besonders nahe steht: Professor Dr. Chaim Weizmann. Geboren 1873 zu Motyli bei Pinsk in Rußland, verbrachte er seine Studienzeit in Berlin (Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts); er wurde bald Privatdozent in Genf, von wo er einer Berufung an die Universität Manchester Folge leistete; erst als der politische Zionismus ihn, der inzwischen Führer dieser Bewegung geworden war, zwang, sein Lehramt niederzulegen, um ihr seine ganze Kraft zu widmen, übersiedelte er nach London. Hier hatte er sich — sowohl als erfinderischer,, und hervorragender Chemiker (insbesondere auf dem Gebiete der bakteriologielen Chemie und der Gase) wie auch als energievoller Führer des Zionismus — namentlich in den Regierungskreisen bald zahlreiche Freunde geschaffen. Ein Mann, dessen Name in letzter Zeit öfters genannt wurde, war der als Physiker und Chemiker gleich erfolgreiche Berliner Universitätsprofessor Heinrich Gustav Magnus (1802 bis 1870), ein Bruder des bekannten Malers Eduard Magnus. Hier wollen wir nicht seine für den neuen, epochalen Flettner -Rotor grundlegenden Arbeiten besprechen, sondern nur einige seiner chemischen Forschungsergebnisse erwähnen: Magnus ist der Entdecker der Ueberjodsäure (Kristalle, die leicht zerfallen, unter Abgabe von Sauerstoff), des weniger wichtigen „Magnus-Salzes" (eine Platinverbindung), der Aethion- und Isäthionsäure (denen heute keine besondere Bedeutung zukommt), ferner der Absorptionsfähigkeit des Blutes gegenüber Sauerstoff und Kohlensäure, einer für das Verständnis des Atmungs- und Lebensprozesses höchst interessanten Erscheinung; er stellte auch Prozesses höchst interessante Erscheinung; er stellte auch zahlreiche wertvolle physikalisch-chemische Untersuchungen an. Robert Ladenburg, (geb. 1842 zu Mannheim, gest. 1911) studierte bei den berühmtesten Chemikern seiner Zeit (Bunsen, Kirchhoff, Kekule, Wurtz und Friedel), wurde — 26jährig — Dozent an der Heidelberger Universität, hierauf Professor in Kiel und in Breslau. Seinen experimentellen Arbeiten verdankt die or-

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