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Die Wahrheit · 1927-07-22 · Heft 30 (22.7.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 30 (22.7.1927)
Date
1927-07-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 südrussisehen Judenpogrome, die viele Zehntausende von Opfern kosteten. Wenn die Saat, die Henry Ford aussäte, in Amerika nicht blutig aufgegangen ist, so ist das nur dem Umstand zu verdanken, daß dort der Boden (vorläufig wenigstens) hiezu nicht geeignet war. Allein nach den geschichtlichen Erfahrungen unterliegt es keinem Zweifel, daß die giftigen Säfte und Gase, die hier erzeugt wurden, sich tief in den amerikanischen Humus hineingefressen haben, und wenn einmal die Atmosphäre sich ändern sollte, schon ihre Früchte tragen werden. Wir in Europa spürten die Wirkung dieser aus Amerika kommenden Propaganda nur zu kräftig. Die russischen Reaktionäre und ihre Gesinnungsgenossen in allen Ländern bezogen reichlich ihre klingenden Argumente aus Dearnborn und die geistigen Waffen lieferte ihnen das Kapitel über die Judenfrage in Fords Autobiographie, welches den „Internationalen Juden" sich würdig zur Seite stellte. Nur ganz zufällig kam das Fordsche Stipendium an den Attentäter auf Vazsonyi an den Tag, aber keiner kann ermessen, wie viele solcher Subventionen ihren Weg nach Europa gefunden haben . . . Drüben in Amerika saß einer der mächtigsten Männer der Zeit und der sparte kein Geld, um die Völker aufzuklären, daß die Juden eine Maffia bilden, die alle Reiche mittels der Weltrevolution, der Attentate und des Terrors zerstören will, um die Macht an sich zu reißen. Was Wunder, daß dieser arme Steiger in Lemberg um ein Haar ein Opfer des Verdachtes geworden wäre, auf den Staatspräsidenten geschossen zu haben, natürlich im Auftrage der „Weisen von Zion" gemäß dem Plan der „Protokolle", der darin besteht, durch Terrorakte gegen die Staatsoberhäupter die Fundamente der Staaten zu untergraben und die Völker in unheilvolle Verwirrung zu stürzen. Was Wunder, daß die Wiener Studenten im Universitätsgebäude eine ProDagandastelle für die „Protokolle" einrichten durften? Was Wunder, daß von den Lehrstühlen berühmter Hochschulen herab und in den gelehrten Büchern weltbekannter Professoren als unumstrittene Tatsache die Weisheit verkündet wird, daß der Kommunismus die Lehre des Judentums und der russische Umsturz ein Werk der russischen Weltverschwörung sei ... . So groß das Verdienst Artur Brisbanes ist, so muß mit Bedauern festgestellt werden, daß die Bekehrung seines Freundes viel zu spät kommt, daß das von ihm angerichtete Unheil nur schwer, wenn überhaupt gutgemacht werden kann. Denn das zu verstehen, muß man den Antisemitismus in Amerika und dessen Abwehr näher betrachten, was in einem besonderen Artikel geschehen soll. er Mi Je Hau Sld Bezugsbedingungen: nalDJAhrlg: für Oesterreich S 8.50, Ungarn Pengö 8-50, Deutschland Qoldm. 7.—, Tschechoslowakei JK 60.—, Polen ZI. 11—, Schweiz Fr. 7.-, Amer ika 1 Vi Doli., Italien Lire 40.—.EnglandSchilling 15.—, Rumänien Lei 300.—.JugoslawienDinar 100.— Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Der Uebergang und die Ueberläufer. Vom Ghetto führte ein Weg zum Glaubenswechsel über die Höhen sozialer Geltung und die mit dem interkonfessionellen Verkehr sich einstellende Lockeruns: des jüdischen Haushaltes. Im Osten waren es mehr die Männer, die von ihren Frauen Konzessionen an den „Zeitgeist" in Haartracht und Küche forderten. In schwersten Seelenkämpfen ringt eine Pauline Wenger off um die Erhaltung ihrer von den Eltern ererbten Führung des Hauses. Sie hatte zu wählen zwischen ihrem Glauben und der Liebe ihres Mannes. Bitter bereute sie, daß sie in diesem Kampfe unterlag. Das ganze Unglück ihres Hauses leitet sie von dieser Schwäche her. In ihren „Memoiren" schreibt sie über ihre Großmutter: n *j-*<sF! Zwei Menschen im Hause waren am meisten tätig: der Schwiegervater und die Großmutter. Ungeachtet ihres hohen Alters versorgte die alte Frau eine große Wirtschaft. Sie war das Muster einer Wirtin und verstand vortrefflich, zu backen und zu kochen. Vom einfachsten Schwarzbrot bis zu den schmackhaftesten Leckerbissen wußte sie alles herzurichten. Sie war ein besonderer Künstler im Einkochen der mannigfachsten Früchte, denen sie dabei ihr natürliches Aussehen zu wahren verstand. Sehr beliebt waren ihre ..Knischi" Pastetchen, die sie mit Gänseschmalz, Grieben, Gänseleber, auch mit in Gänseschmalz gedämpftem Sauerkohl zu füllen pflegte. Ihr Meisterstück aber auf diesem Gebiete stellten ihre Honiglekachs (Lebkuchen) dar. Sie siedete weißen Honig und goß ihn nebst etwas fein gesiebtem Ingwer in Roggenmehl, rührte alles mit einem Holzlöffel gut durcheinander und ließ die Masse ein wenig abkühlen. Dann nahm sie etwas vom Teig, in den noch gute große Haselnüsse hineingeknetet wurden, zwischen beide Hände und rieb, drückte ihn so lange, bis er ganz weich wurde und sich leicht von den Handflächen ablöste. So wurde mit dem ganzen Teig verfahren, der dann in einer Blechkasserolle im Ofen gebacken wurde. Neben ihrer Kocherei hatte sie noch viel zu tun. Denn den ganzen Tag kamen Leute zu ihr, um sich Rat und Unterstützung zu holen. Sie war der Geburtshilfe ebenfalls beflissen und stand auch in dieser Hinsicht den Armen stets zur Seite. Täglich fast sah man die alte Frau, von einer Menschenmenge umgeben, aus der Synagoge zurückkehren. Der eine wollte von ihr Rat wegen einer Stellung. Ein anderer wegen Verheiratung seiner Tochter. Ein Dritter klagte ihr über Schmerzen in der Brust. Eine Frau bittet sie, schleunigst zu ihrer Schwiegertochter zu kommen, die in Geburtswehen daliegt usw. Die meisten fertigte sie noch unterwegs mit guten, verständigen Worten ab. Die anderen, bei welchen die Not größer war, begleiteten sie ins Haus. Zu Hause sah sie sich zuerst in der Wirtschaft um, nahm eine Kleinigkeit zu sich und entfernte sich ins Kontor, um sich hier über verschiedene geschäftliche Angelegenheiten zu informieren. Hastig kehrte sie zurück, warf ihren Mantel um und eilte zu der Wöchnerin. Sie leistete ärztliche Hilfe Juden und Christen in gleicher Weise. Sie verfügte über eine große Reihe von Rezepten und Heilmethoden, von denen mir noch einige in Erinnerung sind. Man kann von der Großmutter wie von einem gesuchten Arzte sagen, daß sie eine große Praxis besaß. Natürlich hatte sie auch in der Nacht keine Ruhe. Ihr Zimmer, das einen Schrank mit Medikamenten enthielt, hatte ein Seitenfenster, an welches zu jeder Stunde der Nacht angeklopft werden durfte, wenn ihre Anwesenheit bei einer kreißenden Frau unentbehrlich war. Man brauchte nur ganz leise zu klopfen und den Namen „Beileniu" zu rufen, so erwachte die alte Frau sofort. In zehn Minuten stand sie fertig zum Ausgehen da. Ihre Kleidung war den Verhältnissen angepaßt. Sie trug große, warme Stiefel, ein warmes Kleid, auf dem Kopfe eine schwarze, warme Atlashaube und einen langen Pelz. Rasch nahm sie einige Medikamente mit und fuhr davon. Manchmal war die Armut der Leute, zu denen sie hinkam, so groß, daß sogar Windeln für das Neugeborene fehlten; da überlegte die menschenfreundliche Frau nicht lange. Sie riß ihr eigenes Hemd entzwei und wickelte darin das Kind ein. Sie machte selbst das Feuer im Ofen an, kochte Tee, badete das Kind, bedeckte die Kranke mit ihrem warmen Mantel und wich nicht von ihrer Seite, bis die Schmerzen ganz nachgelassen hatten. Von solchen Wegen kam sie gutgelaunt zurück und erzählte häufig und gern von ihren Erlebnissen,

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