Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 30 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT flUJ liHiiiiitiitii lEiilii Seit* 3 die wirtschaftlichen Bestrebungen aller am Wiederaufbau Oesterreichs interessierten Kreise schwer geschädigt worden. Es darf nicht Wunder nehmen, Wenn das Ausland, das sich gerade in letzter Zeit wieder für unser armes Land zu interessieren begann, nun wieder von diesem abwenden wird wollen. Das muß mit aller Macht vermieden werden, denn es bedeutet den Ruin unseres Landes, das angesichts seiner Schwäche auf das Ausland angewiesen ist. Wie aber dieses Unheil, das dem geschehenen folgen soll, vermeiden? Nur durch die Zusammenarbeit aller Kräfte kann das Ziel erreicht werden, daß unsere durch die traurigen Vorfälle schwer erschütterte Weltgeltung wieder hergestellt werde. Bürger, Bauer und Arbeiter müssen sich friedlich die Hände reichen, um gemeinsam das edle Werk wieder aufzurichten, das rohe Bubenhände zertrümmern wollten: unser schönes Oesterreich! Und niemals hat das Wahrwort des Dichters so viel Geltung gehabt als jetzt in diesen stürmischen Zeiten: „Ruhe sei des Bürgers erste Pflicht!" Wir österreichischen Juden, die wir mithalfen, als es unser durch den Krieg zusammengebrochenes Vaterland wieder aufzurichten galt, werden gerne mitarbeiten an dem Neuaufbau, der uns nun bevorsteht. Wir werden wie bisher unseren Mann stellen ungeachtet der Anfeindungen, die auch jetzt wieder sich schamlos gegen uns erheben. Schon wütet eine feile Presse, daß das entsetzliche Geschehen des schwarzen Freitags „Judas Werk" gewesen. Die gemeinen Lügner wissen wohl, daß sie ebenso wie ihre Gegenspieler von links viel schuld sind an dem, was vorgefallen. Deshalb suchen sie den Prügelknaben, den ihnen wieder der Jude bieten soll. Wir aber lassen uns durch ihr niedriges Geschimpfe nicht beirren, gehen weiter unseren Weg, der uns gemeinsam mit unseren christlichen Mitbürgern dem schönen Ziele entgegenrühren soll: einer lichteren Zukunft unseres Vaterlandes. Oskar Hirschfeld. Es währte nicht lange und in das Speisezimmer, wo Herr und Frau Mautner saßen, kam ein Bürschchen herein: Schwarze Haare, dunkelbraune Augen. Die Gestalt schmächtig und dünn, die Nase gebogen und das Wesen voll Angst. „Stehen tut er da, wie wenn er nicht bis zwah zählen könnt'!" begrüßte Herr Hermann seinen* Jüngsten, „und sonst is er der größte Gassenjung'!" Da begann Gustav zu weinen. „Warum weinst du?" — „Ich will nicht in die Schul'. Ich fürcht' mi!" — „Dummer Bub!" sagte die Mutter, „vor was iürchst du dich?" Sie zog den kleinen Studenten auf ihren Schoß und trocknete ihm die Tränen. „Mutter," rief er fragend. — „Was mein Kind?" — „Hau'n darf mich niemand?" — „Aber! Wer soll dich hauen?" — „Die Buben." — „Was fallt dir ein." Herr Hermann wurde gerührt, schämte sich der Rührung und sprach darum rauh: „Jetzt is genug mit die Dummheiten! Gehen so viele Kinder in die Schul'! Warum du nicht? — Marsch!" — Da kam aus dem Nebenzimmer die Gouvernante, das Fräulein. Im Hause Mautner waren alle Gouvernanten namenlos und hießen: Das Fräulein. Das Fräulein nahm Gustav bei der Hand, führte ihn aus dem Hause und nach zehn Minuten standen beide vor dem Schulgebäude. Oberhalb des Tores war eine Inschrift: „Lasset die Kleinen zu mir kommen..." Das Fräulein las die Inschrift mit Interesse, blickte Gustav an und sagte tröstend: „Furcht' dich nicht, Gusti! Da drin wird dir nichts geschehen." — Im Hausflur des Schulgebäudes stand der Schuldiener und das Fräulein fragte* „Ich bitt Herr...: Wo ist die zweite Klasse?" — „A oder B?" — „Die A-Klasse." — „Deh ist im erschten Stock." Der Schuldiener bemerkte das Zittern des Jungen und fragte gutmütig: „Warum fürcht' si denn der Klahne a so?" — „Er ist heute das erstemal in der Schule." r~- „Das erschtemohl? Und geht in die zweite Klass'!?" — Henry Fords Bekehrung. Von Binjamin Segel. Es sei gleich am Eingange bemerkt, daß Henry Fords Bekehrung ausschließlich das Verdienst von Artur Brisbane ist. Dieser mit dem Automobiikönig intim befreundete Redakteur des „New York American" hat es vermocht, seinen Freund zu überzeugen, daß die „Protokolle der Weisen von Zion" eine Fälschung sind. Artur Brisbane aber gewann diese Ueberzeugung — das sei hier ohne Umschweife konstatiert — aus dem Buche des Schreibers dieser Zeilen: „Die Protokolle der Weisen von Zion, kritisch untersucht, eine Erledigung", herausgegeben im Herbst 1924 vorn „Central- Verein" in Berlin, welches nebst der ausführlichen Selbstbesprechung in der „Frankfurter Zeitung" auf Veranlassung einer New-Yorker Dame an den berühmten amerikanischen Publizisten übersandt wurde, mit dem ausdrücklichen Hinweis auf die gefährliche Propaganda des offenbar irregeführten Henry Ford und der Bitte, ihn aufzuklären. Das riesige Aufsehen, welches Fords Bekehrung in der ganzen Welt gemacht hat, und der ungeheure, übrigens stark übertriebene Jubel, den die Juden in Amerika darob angestimmt haben, gelten dem Siege über die „Protokolle der Weisen von Zion". Die „Protokolle der Weisen von Zion" waren nämlich nicht nur die Waffe, mit der Henry Ford die Juden und das Judentum seit acht Jahren bitter bekämpfte, sondern sie waren die Quelle, aus der sein Haß gegen die Juden floß, richtiger: aus der er die „Ueberzeugung" von der Weltgefährlichkeit, Verwerflichkeit und Unverbesserlichkeit der Judenheit schöpfte. Denn sein Judenhaß ist eine Folge höchst persönlicher Privaterlebnisse wie weiland beim seligen Haman. Dazu kam die höchst sonderbare und simplistische Wirtschaftstheorie, der er mit der ganzen Einseitigkeit des naiven, draufgängeri- „Er hat nämlich die erste Klasse zu Hause gemacht." — „Ahnhah!" Gustav hatte indes den uniformierten Schuldiener respektvoll betrachtet; er hielt ihn mindestens für einen General. „Also Gusti," sprach das Fräulein, das ehrfürchtige Staunen ihres Zöglings unterbrechend, „jetzt geh' schön hinauf und um zehn Uhr hol' ich dich wieder ab." Zögernd ließ Gustav die Hand des Fräuleins los und folgte dem General, der freundlich herablassend winkte: „Ih geh eh auifr, Klahner! Kumm mit." — Vor der Türe eines Saales blieb der Schuldiener stehen: „So! Da geh eini.'" Gustav öffnete die Türe und blickte von der Schwelle neugierig in den Saal. Es waren etwa vierzig Buben in dem Saale und kaum hatten sie Gustav erblickt, als sie, wie auf Verabredung, zu johlen begannen: „Jüdelach, Jüdelach hepp, hepp, hepp, Jüdelach macht das Schweinefleisch fett!" Wie gelähmt blieb das Judenkind bei der Türe stehen und starrte mit weit aufgerissenen Augen. Die Buben wiederholten den Vers und so lange, bis der „Aufpasser" meldete: „Jung is! Der Alte kummt!" — Es wurde still. Der Lehrer kam, sah erstaunt auf das bei der Türe stehende blasse Kind und sagte: „Setz' dich! Warum setz't du dich nicht?" Er schob ihn in die erste Bank. Dort saß nun das Judenkind und kämpfte gegen die Tränen.-- „Lasset die Kleinen zu mir kommen..." Du lieber Herr Jesus! Warst du ein Gott? Warst du ein Mensch? Ich weiß es nicht. Ich glaub' nicht an dich, denn ich bin ein Jude. Aber ein wenig kenne ich deine Lehre und die war gut und milde, denn sie kam aus einem warmen Herzen. Schau, was aus deiner Lehre geworden ist!