Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 30 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 iHIfl^^ DIE WAHRHEIT wohl auf die Spontanität der Demonstration später viel berufen hätten. So aber mußten sie es schaudernd erleben, daß sie die Geister, die sie (nicht) gerufen, nicht los werden konnten, ja daß sogar die fanatisierte Menge sich wütend gegen sie wandte, als sie sie eindringlich zur Vernunft mahnten. Es spricht Bände zur Charakterisierung der hitzigen Stimmung, wenn nicht einmal der so populäre Bürgermeister S e i t z mit dem ersten Löschwagen zum brennenden Justizpalast vorfahren durfte, ja daß man ihn sogar höhnte und zu attackieren drohte, wie es ähnlich auch anderen beliebten sozialdemokratischen Parteiführern erging. Nach einer verlustreichen Schlacht — und dieses Kriegsbild muß leider der Augenzeuge der furchtbaren Ereignisse des 15. und 16. Juli wählen — wird immer nach den Schuldigen gesucht und von beiden Teilen die Schuld auf den anderen geschoben. So auch bei dieser einerseits von Wien, anderseits von den Sozialdemokraten verlorenen Schlacht, bei der die Polizei triumphierend das blutige Feld behauptete, auf dem zahlreiche Opfer fielen. Wer hat den ersten Schuß getan? Die Sozialdemokraten behaupten, daß es die Wache gewesen bei ihrer Attacke vor dem Parlament, die Polizei hinwiederum sagt, daß ein Kommunist als erster die Pistole gezogen. Ob sich die Wahrheit wohl feststellen lassen wird? Wir bezweifeln es, obwohl dies Sache einer strengen Untersuchung sein wird müssen — aber auch im Kriege war eine Schuld nie eindeutig zu eruieren. Wieder drängt sich derselbe Vergleich auf. es hilft nichts, dieser Schreckenstag hatte eine Kriegspsychose. Sie äußerte sich auch in dem Verhalten der Wache. Da ihr einmal der Befehl zum Schießen gegeben war — ist der Erteiler dieses Befehls Vizekanzler Ii a r 11 e b gewesen, so wird er dies auch verantworten müssen —, so machte sie von dieser Erlaubnis selbst dann in einer furchtbaren Weise Gebrauch, als es nicht mehr gemeine Brandstifter zu Der Sohn des Moses Mautner. Ein Wiener Roman von Leopold Ii i c h 1 e r*). Mit freundlicher Bewilligung des Autors veröffentlichen wir das 1. Kapitel des hübschen Romans. Herr Moses Mautner war ein reicher Kaufmann und dennoch — oder vielleicht deshalb? — denn mit dem Besitz wächst das Verlangen — gönnte er sich weder Rast noch Ruhe und arbeitete den ganzen lieben Tag. Nur zuweilen, nach besonders geglückten Geschäften, ließ er sich ein wenig gehen und lebte dann der Familie. So war es auch an einem schönen Septembermorgen. Herr Mautner — er war Produktenhändler — hatte den Tag vorher ein gutes Geschäft abgeschlossen und sprach schmunzelnd zu seiner Frau: „Sali! Heut' bleib1 ich zu Haus und nach dem Frühstück geh' ich mit die Kinder in den. Prater! Ich sag' dir Sali: An die trockenen Häut — Mbo — ist noch zu verdienen! Ich hab die Häuf gestern gut verkauft!" — Frau Sali saß in tiefen Gedanken. Sie dachte an ihren jüngsten Sohn, der heute das erstemal in die Schule sollte. „Ich weiß nicht, Hermann!" Sie nannte ihren Mann immer Hermann, denn „Moses" klang der etwas assimilierten Frau zu grell. „Ich weiß nicht, Hermann," begann sie-und blickte ihren Mann ratlos an, „was ich machen soll? Gusti fürcht1 sich *) R Löwit Verlag Wien — Leipzig. verjagen galt. Auch die Polizei hat da den Kopf verloren, sie schoß in unbeteiligte Passanten hinein, metzelte Unschuldige nieder, überall Blutrausch — wie im Kriege .... Auf den schwarzen Freitag, der bezeichnenderweise mit einem Sturm auf die reaktionäre Universität begonnen, folgten nicht minder schreckliche Tage, wenn sie auch — bis auf die Vorfälle in fiernals und Ottakring am Samstag nachmittags — weniger blutig verliefen. Es muß unumwunden festgestellt werden, daß die Proklamierung des Verkehrsstreiks in dieser Situation ein schwerer Fehler seitens der Sozialdemokraten gewesen. Abgesehen von der wirtschaftichen Schädigung, die der österreichische Markt durch die Stillegung des Verkehrs wieder einmal erlitten, war es auch unverzeihlich,. Wien in dieser Lage gänzlich vom Auslande abzuschneiden. So war es möglich, daß dort die unsinnigsten Gerüchte kursierten und sogar in der ausländischen Presse Eingang fanden, die die traurige Wirklichkeit noch bei weitem übertrafen. Die Sozialdemokraten werden aber wohl gewußt haben, weshalb sie diese tief einschneidende Maßnahme trafen. Wir wollen hier nicht den Mutmaßungen nachgehen, die behaupten, daß durch die Lahmlegung des Verkehrs entweder ein Zuzug von reaktionären oder von radikalen Elementen nach Wien verhindert werden sollte. Wir stehen jetzt vor der Tatsache, daß dieser Verkehrsstreik bedingungslos aufgehoben wurde, daß damit und mit der Sicherung der Straße auch wieder Ruhe in unsere friedliebende Stadt eingezogen ist. Die Sozialdemokraten betonen in ihrer letzten Proklamation, daß die Wiederaufnahme des Verkehrs aus wirtschaftlichen und politischen Gründen erfolgt ist. Die Einsicht dieser Proklamation, die gleich den übrigen Erlässen und Reden der Parteiführer eine höchst gemäßigte Sprache spricht, kommt leider viel zu spät. Auf Jahre hinaus sind wohl leider durch die entsetzlichen Ereignisse der letzten Woche von der Schul'. Er will nicht in die Schul'!" „Warum?" — „Weiß ich?" — „Wo hast du ihn einschreiben lassen?" — „In die Erdbergerschul1." — „In die Erdbergerschul'?" — „Ja. Also — mir paßt sie auch nicht; aber was hätt' ich tun sollen? Die anderen Schulen sind zu weit!" — „Warum paßt sie dir nicht?" — „Weil er das ahnzige Judenkind .sein wird. Lauter Schkozim senn dort!" — „Das is nicht gut. Ich wer dir was sagen, Sali: Laß ihn überhaupt noch zu Haus! Wird er die zweite Klass' auch zu Haus machen!" — „Nein, Hermann. — Jetzt hab' ich ihn schon angemeld't; jetzt soll er nur in die Schul' gehen! Oder mahnst du? Soll ma ihn doch in e andere Schul' einschreiben lassen? Hm?" Herr Hermann v/ar über die Ablehnung seines Rates ein wenig verstimmt und erwiderte kurz: „Sali! Tu' wie du glaubst!" — „Also kann ma mit dir reden?" rief Frau Sali ärgerlich. „Nein," bestätigte Herr Hermann, „denn m i r wirst du keine Schuld geben. Tu' wie du glaubst." — „Hermann! Es is halber achte! Was soll ich tun? Das Kind muß in die Schul'!" — Herr Hermann strich seinen grauen Vollbart. Sein Charakter lag schon im Barte. Widerspenstig strebten die Barthaare nach allen Seiten, als wollten sie sagen: Nur keinen Zwang! Wir wachsen nach unserem Belieben! „Nu, Hermann?" wiederholte Frau Sali. „Tu' wie du glaubst," rief Herr Hermann. „M i r wirst du keine Schuld geben." Frau Sali seufzte und drückte nach kurzer Ueberlegung den Knopf der Tischglocke. Das Dienstmädchen kam herein und Frau Sali fragte: „Ist der Gusti schon angezogen?" — „Ja, Gnä Frau." — „Hat er schon gefrühstückt?" — „Auch." — „Packen Sie ihm noch eine Buttersemmel ein, Mizzi, und sagen Sie dem Fräulein, sie soll sich fertig machen, sie wird den Gusti in die Schul' führen. Ueberhaupt soll er gleich hereinkommen zu uns." — e*-sc*csTK??cai