Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 29 (15.7.1927)
- Date
- 1927-07-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 fUlH^ die Zugehörigkeit zu der Blüte der deutschen Nation, als Schriftsteller, Universitätsprofessor, Abgeordneter usw. usw., einzubüßen. Nun erklärt Henry Ford, er sei bei einer gründlicheren Beschäftigung mit der Judenfrage zu der Ueberzeugung gelangt, daß die „Protokolle der Weisen von Zion" eine grobe Fälschung seien. Anstatt darüber zu staunen, daß ein Mann von Geist nicht schon beim ersten flüchtigen Einblick in diese Dokumente die geradezu trottelhaft plumpe Fälschung merkte, bewundert man die so verspätete Erkenntnis! Henry Ford gibt erst jetzt zu, was er längst besser als die meisten wußte, daß der große Reichtum der Welt nicht in den Händen der Juden liegt und hat erst jetzt Kenntnis davon erlangt, daß die Moral des Judentums jene ist, aus der das Christentum die seine geschöpft hat. Nichts verwunderlicher als die Verwunderung darüber, daß ein Mann, der der Welt schon früher durch die Kühnheit und die Energie seines Geistes imponiert hatte, auch den Mut hat, es nicht nur zu denken, sondern es auch auszusprechen, daß er als Mann von Ehre das Unrecht bedauere, das er den Juden, „seinen Genossen und Brüdern, angetan", daß er nunmehr über die Tugenden der jüdischen Nation und ihrer berühmten Vorfahren, „ihre Zivilisation, über ihre uneigennützigen Interessen an der allgemeinen Wohlfahrt orientiert sei". Henry Ford ist ein Mann von Mut, aber er sagt hierin im Grunde nichts anderes, als was vor kurzem erst der Präsident der Vereinigten Staaten feierlich zum Ausdruck gebracht hat. * * * Henry Ford hat diese? Erklärungen allerdings vor der Einstellung eines Prozesses veröffentlicht, in welchem er als Geklagter hätte erscheinen müssen. Kein Zweifel, es wäre schöner und erhebender gewesen, wenn dieser mächtige Mann, aus dessen unerschöpflicher Kasse so lange die Antisemiten aller Länder schöpfen durften, seine Studien über Judentum und Antisemitismus zum Abschluß gebracht hätte, bevor er als — Kläger gegen die Juden aufgetreten war. Aber es ist vielleicht mehr als unbillig, die, wenn auch erst in diesem Stadium gereifte Erkenntnis nur als ein Zeichen der Feigheit und Schwäche zu geißeln. Ein Mann wie Henry Ford hätte, wenn es ihm nicht ernstlich , um die Wahrheit seiner Reue und seiner Entschuldigungen zu tun wäre, für das viele Unheil, das die durch sein Geld unterstützte antisemitische Presse anrichtete, auch die Geldstrafe nicht zu fürchten gebraucht, mit welcher der gegen ihn schwebende Prozeß geendet hätte. Seien wir doch aufrichtig, die Niederlagen, die so viele große und führende Antisemiten bislang im Gerichtssaale erlitten, haben dem Antisemitismus wenig oder gar nicht geschadet. Hätte die Wahrheit, die im Gerichtssaale Licht über den Antisemitismus brachte, genützt, so wäre die Schmach der Menschheit längst ausgerottet. Man darf das Bekenntnis eines Mannes, der den Antisemitismus, dem er so lange diente, als eine Verirrung brandmarkt, nicht zu einer widerlichen Komödie stempeln. * * * Was die hakenkreuzlerische presse, die, vorläufig noch ganz kopfscheu, eine zuwartende Haltung zu Fords Erklärung einnimmt, nach gründlicher Ueberlegung schließlich sagen wird? Als Lessing EMOUmmmmmnUm' DIE WAHRHE17 den „Nathan" schrieb, versicherten die Judenfeinde seiner Zeit, er habe, für jüdisches Geld gekauft, das Werk geschaffen. Nie gab es eine infamere, nie eine blödere Beschuldigung, aber sie wird ruhig bis auf unsere Tage von den Hakenkreuzlern aller Couleurs nachgeschrieben. Die Antisemiten dürften ruhig erklären, Henry Ford sei von den Juden bestochen worden; daß Ford zufällig der reiche und mächtige Mann ist, wird der Behauptung in den Augen eines echten Antisemiten schließlich auch nicht schaden. Wer an die „Protokolle der Weisen von Zion" glaubt, dem darf man alles zumuten. * $ * Es wäre wirklich töricht, noch immer über die Infamie zu staunen, mit der hakenkreuzlerische Provinzblätter in Oesterreich die Judenhetze betreiben. Uebung macht eben den Meister. Fassungslos bleibt man noch immer der Tatsache gegenüber,, daß — wie ein in der vorigen Nummer der „Wahrheit" reproduziertes Pröbchen lehrt — ein Staatsanwalt sich findet, der auch z. B. das Erscheinen eines Artikels ermöglichte, der mit der Behauptung beginnt „Die Juden sind das Ungeziefer der Menschen" und mit der dringenden Aufforderung schließt, verbrecherische, an Juden in Rumänien begangene Missetaten in Oesterreich zu wiederholen. Es wäre ja, wie ich schon einmal schrieb, nur zu begreiflich, wenn ein Staatsanwalt, dem ex offo das Lesen gewisser, einen pestilenzartigen Gestank ausströmenden Blätter obliegt, von Ekel überwältigt, sich gerne die Nase, den Mund und auch die Augen zuhalten möchte, aber was die letzteren betrifft, so ist zu bedenken, daß das Auge des Gesetzes unter allen Umständen wach bleiben muß. Man spricht bei uns in Oesterreich selbstgefällig über das niedrige kulturelle Niveau der Balkanländer. Nur in Rumänien sind die offiziellen; Kreise bemüht, die Mitteilungen über Ausschreitungen gegen die Juden zwar als übertrieben zu bezeichnen, sie versichern aber zugleich, daß deren strenge gesetzliche Ahndung erfolgen werde. Was soll man im Auslande von Oesterreich denken, wenn: hier gepriesen und zur Nachahmung empfohlen wird, was man in Rumänien schon verpönt? Wird man nicht mit Recht sagen, daß wir den Splitter in den Augen der anderen und den — Balkan in den eigenen nicht sehen? * * * Man weiß, daß ein geistvoller Fürst einst der Meinung war, er könne nichts Besseres gegen gewisse, seine Ehre besudelnde schmutzige Pamphlete tun, als sie niedriger hängen lassen. Wahrhaftig, wenn einmal ein Staatsanwalt von der ehrlichen Ueberzeugung erfüllt wäre, die gemeinsame Arbeit der edelsten und erhabensten Geister könnte nicht überzeugender die gemeine Kampfart gewisser antisemitischer Hetzblätter kennzeichnen, als es diese selbst durch ihre Dummheit besorgen, man müßte diesen Staatsanwalt als einen Idealisten gelten lassen. Ob man jedoch mit dem Niedrigerhängen der Pamphlete auch^ praktisch die besten Erfolge erzielen kann, das ist eine andere Frage. Se. Majestät der König Ahasveros hatte eine andere Maxime als der Fürst, dessen ich vorhin gedacht Er ließ Haman, das große Vorbild aller Hetzer, die- Mord und Totschlag predigen, höher hängen. Ego.