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Die Wahrheit · 1927-07-15 · Heft 29 (15.7.1927) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 29 (15.7.1927)
Date
1927-07-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT AHM ii!j;iiyLWJirifiinifliiiii^ Seite 9 Sieht es nicht aus, ut aliquid fecisse videatur, als ob man mir etwas getan z\x haben, den Anschein erwecken würde. Aus Güdemann a. a. O. S. 924 ersehen wir, daß in früherer Zeit (1534) der Bibelunterrieht mit dem dritten Bu^he Moses, mit dem Opferbuche, begann, gemäß der Absicht, daß 'die Reinen (die Kinder) mit dem Reinen (dem Opfer) sich zuerst beschäftigen sollen. Es muß daher auch im Sinne strenger Thoragläubigkeit nicht mit dem ersten Kapitel des ersten Buches begonnen werden. Sehr unterstreichen will ich folgende Worte von Wiesner. S. 8 ff.: „Für reifere Schüler allerdings gibt es kaum ein geeigneteres Lehrbuch der Religion als unser Gebetbuch es ist. Dieses, zur alleinigen Basis des Religionsunterrichtes gemacht, derart, daß Geschichte, Religionslehre in den Dienst des Gebetbuches gestellt würden, wird bei Schülern, die einiges Sprachempfinden aufweisen und der Erhabenheit der Tragik unserer Geschichte und der hohen Mission unseres Volkes ein gewisses Verständnis entgegenbringen, an der Hand eines seiner Aufgabe gewachsenen Lehrers die schönsten .Erfolge erzielen." Nun führt Wiesner Gebetbuchstellen heran, welche das Dogma der Erbsünde negieren, welche aus der Geschichte des Bar Kochba-Aufstandes zu erklären sind ■(letzter Teil des Tischgebetes), Stellen, welche wie das Kidusch, die Habdalai, die Kriath Hathora an das Wirken der Männer der großen Versammlung anknüpfen, welche die Schrecken der Kreuzzüge_ schildern, die Geschichte des Elisa ben Abuja und die Verhaftung des R. Lippmann Heller erzählen, oder wie Olenu und die Rosch haschanah-Gebete die Hoffnung Israels erläutern, und schließt mit den Worten .... „das Gebetbuch zur stofflichen Grundlage und zum Mittel- Dunkte des ganzen Religionsunterrichtes gemacht, würde das Interesse reiferer Schüler fesseln und auf ihre religiöse Bildung nicht ohne nachhaltigen Einfluß sein." Diese Worte und Anregungen sind vom pädagogischen Gesichtspunkte aus voll und ganz zu billigen. Man lehrt die Schüler beten, und das Gebetbuch brauchen, man führt sie zu der engsten Beziehung zu Gott und gibt ihnen fürs Leben Halt und Stütze, man knüpft aber an Erhabenes, das Gefühl Erregendes und Poetisches, also Wertvolles an, um damit die Geschichte des jüdischen Volkes und seines Lebens in der Diaspora zu schildern. Es wird nicht eine besondere Geschichte und Ge- . Schichtsdarstellung, wie sie uns in den sonst wertvollen Büchern von Dr. M. Braun: „Jüdische Geschichte", vier Teile, bei R. Löwit in Wien erschienen, für Schüler und Schulen begegnen. Nein, diese Geschichte des Judentums von dem babylonischen Exile bis auf die Gegenwart soll, wie es Dr. Ignaz Ziegler getan und gedacht hat, Familienbuch sein. (Zieglers Buch erschien in Prag und Breslau bei Jakob R. Brandeds.) Diese Geschichte soll an der Hand des Gebetbuches und der schriftlichen Quellen dargestellt werden. Die Zeit aber von Mendelssohn bis heute verläuft konform mit der Geschichte der Staaten, in denen Juden leben. Da wird an die allgemeine Geschichte angeknüpft, und die hervorragenden Gestalten des Judentums, welche auch für die Allgemeinheit große Bedeutung hatten, werden auch im allgemeinen Unterricht erwähnt, so Mendelssohn selbst bei Lessing und Nicolai, so Spinoza bei der Kulturgeschichte, so Hertz und Einstein in der Physik. Wahrhaft Wertvolles also ist auch Allgemeingültiges und gehört der ganzen Menschheit. Für. eine besondere Betrachtung in der jüdischen Geschichte hat man nur solche Männer zu erwähnen, welche auf die Entwicklung des jüdischen Gedankens und des Judentums unvergänglichen Einfluß genommen haben, wie Herzl. Daß Dr. Maximilian Stedner auch die Gründer und Führer des Sozialismus und selbst Marx, der nicht mehr Jude war, erwähnt wissen will, daß er die früheren österreichischen Minister Dr. Unger und Dr. Glaser anführt, sind Ueber- ^reibungen eines warm fühlenden Juden. Solcher politischer und kultureller Größen und ihrer Taten gedenkt die Kulturgeschichte, aber nicht die Geschichte des Judentums. Was in der Zeit der Diaspora an religiösen, vielmehr an schriftlichen Arbeiten zur Schrifterklärung und an hebräischen -Gediohten und wissenschaftlichen Werken geschaffen wurde, gehört, wie Maybaum in seinem Buche hervorhebt, zur Theologie und nicht mehr in die Schule. Maybaum selbst hat in seinem Memorandum an den Vorstand der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde das Memorandum Steiners mit Unrecht und unbegründet sehr schlecht behandelt, indem er vor dem Eingehen auf Steiners Vorschläge dringendst warnte. Nein, Stedner hat gefühlsmäßig ^pädagogisch Wichtiges erfaßt. Bei ihm, also schon 1911, iinden wir schon nach Ptdoll die Arbeitsschule erwähnt, die Schul Verwaltung durch die Schüler; die dem Schulzwang entgegengesetzte freie Richtung der Erziehung im Sinne von Fr. W. Förster, lauter Forderungen, denen die neue Schulreform seit dem Umsturz zustrebt. Steiner war aber kein zünftiger Pädagoge, daher hat er manches verfehlt, wie die Forderung nach Behandlung der Tauffrage in der Schule oder die vergleichende Darbietung der Evangelien. Aber er hat Sätze geprägt und Gedanken ausgesprochen, die ihre vollkommene Begründung in einer wissenschaftlichen Pädagogik und in einer Begeisterung für die sittliche Erziehung unserer Jugend im Sinne unserer Lehre finden. So vor allem: 1. Wenn sich aber der Lehrer vor Augen hält, daß es weniger wichtig ist zu belehren als zu erziehen .... 2. „Wichtig vor allem ist es, die Schüler über die politische Bedeutung der Gebetsprache als das einzige und wirksamste Bindemittel der Judenheit in der Zerstreuung zu belehren und sie überhaupt über den traditionellen sowie den transzendenten Wert des Gebetes zu belehren." Ja, unser Gebetbuch macht den Juden Indiens und Spaniens, Rußlands und Brasiliens überall, wo er hinkommt, heimisch. Diese Worte Steiners sind wertvoller als Maybaums Darlegungen. Er spricht fortwährend von der „Heilslehre", was eine Anlehnung an das Christentum ist und für unsere Thora nicht paßt, denn sie ist die Lehre kat' exoehen und bedarf keines Beiwortes. Maybaum macht ferner, was ich ihm am meisten verarge, den nicht religiös lebenden Eltern Konzessionen in der Darbietung der Stoffe, um dem Kinde nicht durch den Religionsunterricht die Ehrfurcht vor Vater und Mutter zu verkümmern (S. 18). Solche Konzessionen haben die Abfälle mit verschuldet. Ueber den Abfall mit den Schülern zu reden, als Freund und Berater, das wird niemand verargen. Den Abfall aber als Thema in den Religionsunterricht aufzunehmen, ist nicht klug. Seine Besprechung soll Gegenstand einer Diskussion sein. Solche Diskussionen, aber nicht im Sinne der Jeschiboth abzuführen, ist eine allgemeine Forderung der heutigen Schulen. Sie soll auch Methode in unserem Religionsunterricht sein in diesem Sinne, daß der Lehrer in den höheren Klassen von einem Gegenwartsereignis, vom Aktuellen ausgehend daran allgemeine Betrachtungen anschließt Allgemeine Betrachtungen, das sollen, Tatsachen und daraus logisch richtig gefolgerte Gedanken sein, nicht Phrasen und Gerede. Methodisch weist Maybaum, was ich gerne anerkenne, auf Pestalozzi und Herbart hin, auf jenen zum Lobe des erziehenden Unterrichts, auf diesen für die Methode, von der er einige Begriffe kennt. Wer aber die Methode des Religionsunterrichts, insbesondere des Alten Testaments kennen lernen will, um daraus für den eigenen Betrieb zu lernen, den verweise ich auf die bezüglichen Arbeiten der Schule Herbart-Ziller insbesondere in den „Jahrbüchern des Vereines für wissenschaftliche Pädagogik", die bis 1916 bei Bleyl & Kaemmerer in Dresden erschienen sind. Man hat auch in Wien Religionslehrer ausgebildet. Die Pädagogik dazu stammte aus einem eklektischen Schulbuch minderer Güte. Man ging nicht zu den Erkenntnisquellen, was für die Erziehung zum guten Juden und zum guten Lehrer gleich wertvoll und notwendig ist. Glossen. Henry Ford befindet sich in einer seltsamen Lage. Man hat ihm geglaubt, als er für die Wahrheit der „Protokolle der Weisen von Zion" eine Lanze brach und deren Uebersetzung besorgen ließ. Man ließ es gelten, daß Fords Leibblatt die Ueberzeugung vertrat, die Juden beabsichtigen alles Kapital der Welt und die Herrschaft über die Welt zu erobern. Ford durfte ruhig die unsittlichsten Anklagen gegen die Moral der Juden erheben. Du lieber Himmel, Henry Ford ist vielleicht der reichste, sicherlich aber einer der reichsten und einflußreichsten Männer der Welt und da hätte gerade er sich nicht den Luxus gönnen dürfen, den heutzutage sich nicht nur jeder Dummkopf, sondern so viele von antisemitischer Gesinnung durchglühte Männer leisten dürfen, ohne fürchten zu müssen,

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