Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 29 (15.7.1927)
- Date
- 1927-07-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Drei Wochen haben wir dort so verbracht. Die Herren pflegten uns jeden Tag zu besuchen, selbst ein ungarischer Prinz hat sich um uns gekümmert. Sie wiederholten fortwährend: „W.! Bei Ihnen haben wir es gut gehabt, wann werden wir noch so gutes Lager haben?" Die Kanonade wurde immer schrecklicher und stärker, aber wir haben immer noch gehofft, daß es sich bessern wird. Es ist aber immer schlimmer geworden, es war schon kein Brot mehr zu kriegen. Unter den Offizieren war ein Hauptmann Baron R. aus L., der ist zu uns gekommen, hat uns Brot gebracht und sagte zu uns: „Meine Lieben! Mein Rat wäre, Ihr sollt nach L. fahren, weil in kurzem auch wir werden von hier fort müssen." Er hat uns bis D. Vorspann gegeben und zugleich ein Handschreiben zu einem seiner Bekannten nach B., man solle uns nicht in ein Barackenlager schicken, kurz sie haben väterlich für uns gesorgt. Für die Reise sogar hat er uns Lebensmittel mitgegeben und hat uns fortwährend geraten, daß wir nach L. fahren sollen und hat uns versichert, daß es dort uns gut gehen wird. Wir sind in einen Militärwaggon eingestiegen, der voll Ungeziefer war, und so sind wir nach M.-S. gelangt. Dort hat man uns wegen des Ungeziefers in eine offene Baracke geschickt und dort mußten wir auf einen Transport warten. Früh morgens hat man uns wieder in so einen Waggon verladen, da war es noch ärger als in dem ersten. Die Kinder haben geweint und die ältere hat geschrien: ..Mama! Komm weg von hier. Die weißen Fliegerl beißen mich." Aber es hat nichts geholfen. Acht Tage haben wir müssen fahren, bis wir in S. ankamen. In S. hat man uns auswaggoniert und ein Flüchtlingsreferent mit einem Gendarm haben uns dort erwartet Die haben uns in ein Dorf geführt, das 6 km von S. entfernt ist, namens M. Der Weg war sehr schlimm auf Ackerboden, und zu jener Zeit hat sich der Schnee aufgewärmt, so war es schrecklich zu gehen. Viele Juden waren draußen gestanden und haben uns als Verbrecher betrachtet, kein bißchen Wasser haben sie uns geben wollen. Manche Ungarn haben sich doch erbarmt und haben uns Wasser herausgebracht, da wir riesigen Durst hatten. Wir waren derart müde, daß "rir niedersitzen und auf der Erde ein wenig ausruhen mußten. Da ist auf uns zugekommen der Gendarm und hat uns aufgefordert weiter zu gehen. Als wir aber nicht weiter konnten, hat er meine Schwester bei der Hand gepackt, daß die Zeichen noch lange Zeit sichtbar waren, und wir haben weiter müssen, er hat uns direkt eskortiert. Der Jude F. hat nicht einmal wollen deutsch sprechen, es war ihm gleichgültig, als wäre er mit Verbrechern gegangen. Die Kinder weinten, denn sie hatten Hunger und das Brot war schon zu Ende, das stillende Putzerl war auch nicht mit was zu laben, und so langten wir zwischen 11 bis 12 Uhr bei der Nacht an der für uns bestimmten Baracke an. Auf freiem Felde, auf sumpfigen Boden standen die sogenannten Baracken. Man hat uns begnadigt; und man hat uns eine separate Abteilung übergeben. Ein Sparherd war dort gestanden, worauf man kochen konnte. Auf dem Fußboden war nasses Stroh; denn schon vor uns waren dort Flüchtlinge gewesen. Die Fensterscheiben waren ausgeschlagen. Hungrig waren wir. zu essen hat man uns nichts gegeben. Wenn wir aber die Uebrigen vom Transporte anschauten, haben wir uns immerhin glücklich geschätzt. Diese hat man in eine Scheuer hineingeworfen, so wie Viehstücke. Wir haben müssen an alles vergessen und uns auf dem nassen Stroh niederlegen. Schlafen war aber unmöglich, es war Truppenkonzentrierung, nämlich der Läuse. Unbeschreiblich ist es, wie wir von den verschiedenen Insekten gefressen wurden. Und jetzt die kleinen Kinder! Das war das Glück vom Herrn F.. der den Namen Jude trägt Alles Ist regungslos gelegen, daß man sich nicht getraut hat einer zu dem anderen ein Wort zu sprechen. Es war überhaupt nicht zu erkennen, ob dort Menschen oder Leichen liegen. Um 10 Uhr früh sind die Kinder erwacht, unsere Freude darüber war undenkbar, als wir sie lebendig erblickt haben. Es ist schon Mittagszeit, man bringt uns nichts zum Essen. Wir haben wollen ausgehen etwas kaufen, hat man uns nicht lassen; bis mein Schwager energisch aufgetreten ist und ist mit der Schwester ins Dorf gegangen. Er hat bei einem Bauern eine Wohnung gemietet. Bäckereien und Zucker gekauft Tee hatten wir noch, und wir haben Tee gekocht, und langsam uns gelabt. Abends sind wir von der finsteren Baracke heraus und in die neue Wohnung übersiedelt. Die Frau war sehr lieb, sie hat uns Waschgeräte geborgt. Wir haben uns rein gewaschen, die von Ungeziefern angesteckten Kleidungsstücke heruntergeworfen, frische angezogen, die Kinder gebadet. Das war ein Vergnügen, anzuschauen, wie das Putzerl sich des Badens gefreut hat. Wir haben uns getröstet mit der frohen Miene und dem süßen Lächeln des Kleinen. Glücklich waren wir, als wir uns in die Betten gelegt haben. Selig war die Ruhe. Ein Tag war es vor den Pessachfeiertagen. Wir hatten noch gar nichts und die Juden wollten uns nichts verkaufen. Die haben uns erklärt, daß wir nicht würdig sind, wir seien sündig, die Frauen gehen in eigenem Haar usw. Eine Frau ist hereingekommen mit einer Schere und hat verlangt, man soll sich das Haar schneiden, dann werde sie alles verkaufen und wird Vorsorge treffen. Mein Schwager hat seine Meinung ausgesprochen, hat sie ein wenig niedergeputzt. Sie ist fortgegangen. Die Schwestern haben sich Tüchel gekauft und so lange wir dort waren, sind sie in Tüch'eln auf dem Kopf gegangen, damit wir was kriegen könnten. Der Schwager bekommt ein wenig Pessachbrot. Die Hauswirtin hat uns Erdäpfel verkauft, und so manches haben wir noch gekriegt, kurz, wir haben vorbereitet zur Küche, um etwas zu kochen. Plötzlich kommt der Gendarm mit einem Dolmetsch und beauftragt, daß wir zurück in die Baracken müssen. Mein Schwager ist zum F. gegangen, aber vergebens. Er erklärte, daß er nur so viel helfen könne, daß man uns eine separate Baracke überlasse. Da ist meine Schwester, von der das Kind gestorben ist, hingegangen, ein v/enig Ordnung zu schaffen, damit wir nicht im Schmutz umkommen sollten. Oer Hausherr ist nach Hause gekommen, und, wie ihm seine Frau erzählt hat, daß wir zurück in die Baracke mußten, ist er gleich in die Gemeindekanzlei und hat für uns gebeten, und man hat ihm bewilligt, daß wir bei ihm bleiben dürften. Gleich ist die Nichte gegangen die Schwester zurückrufen, hat man sie beide nicht fortlassen wollen. Meine ältere Schwester ist zu Herrn F. gegangen, war er nicht zu Hause: aber seine Frau versprach ihr, so bald er zum Nachtmahl nach Hause kommt, wird er dorthin gehen und wird sie herausnehmen. Bis Mitternacht haben wir gewacht — niemand ist gekommen. So ging mein Schwager nochmals dorthin, haben die schon geschlafen. Er hat sie aufgev/eckt. und mit Gewalt hat er den elenden Menschenquäler bewogen, daß er mit ihm hingegangen ist und so haben sie die kranke Schwester mit der Nichte aus dem Labyrinth befreit. Die Feiertage haben wir in Hunger und Not verbracht. Dann hat uns die Hauswirtin anempfohlen zu einer Bäuerin, wo wir Milch und Erdäpfel gekriegt haben. Die ungarischen Flüchtlinge wurden in jeder Hinsicht gut behandelt. Wohnungen wurden ihnen geschafft usw. Uns hat man verschimmeltes Brot gegeben, schwarzen Kaffee und zu Mittag Erdäpfel, war darin mehr Wasser als Erdäpfel. Viele sind dort erkrankt, viele Kinder gestorben. Zuerst war kein Arzt da. Dann ist von S. ein Arzt gekommen. Aber was hat er bezweckt? Er hat die Kranken angeschaut und ist seines Weges gefahren. Ich habe schon Gott gebeten, daß er uns von diesen Händen befreien möge. Nach 10 Tagen sind wir nach Böhmen abgefahren. Paar Tage sind wir gefahren, bis wir in K., K. Bezirk, anlangten. Dort hat uns die Gemeindevorstehung mit Vorsoann erwartet, man hat uns in der Schule ein schönes Zimmer übergeben, wo zugleich für uns schon Essen vorbereitet war, Kaffee, Kuchen, Butterbrot, die wußten selbst nicht, wie sie uns entgegenkommen sollten. Die übrigen Leute kamen in andere Gemeinden, die wurden auch schön empfangen, besser wie in U. und in U.-H. In Böhmen ging es uns gut, wir haben uns ein wenig erholt. Dann sind wir nach L. gefahren, wo meine Schwester noch jetzt ist und es ihr gut geht. Ich war dort bis zum Herbst und dann, wie S. von den Russen frei geworden ist, wollte ich nach Hause fahren, zu sehen, ob noch die Russen, uns was zurückgelassen haben. Ende September habe ich die Reise unternommen. Während der Fahrt von K. bis S. die Ruinen anzuschauen war schrecklich. Die Massengräber auf den ganzen Strecken ausgedehnt, ich habe fast die ganze Reise mit Weinen verbracht Ich bin in S. angelangt, ausgeruht paar Tage, und habe mich nach M. begeben. Ich bin mit einem Juden gefahren bis S., der ganze Weg war voll Friedhöfe mit verschiedenen Aufschriften, in verschiedenen Schriften, dort hab* ich genachtet, und in aller Früh hab' ich mir einen alten Juden