Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 29 (15.7.1927)
- Date
- 1927-07-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Uli haben. Ich nenne nur die Namen Siegmund Freud, Steinach . . . . Aber diese wissenschaftlichen Köpfe spielen im akademischen Leben der Alma Mater Rudolfina nur eine ganz unbedeutende Rolle. Das große Wort an den österreichischen Hochschulen führen — gute „Arier". Begreift man, daß diese Gelehrte einer Studentenbewegung gern Vorschub leisten, die schon bereits bei der Zulassung zum Studium die Auslese der Begabungen durch die der Abstammung vortäuschen will? Während sie sich aber in Oesterreich diplomatisch im Hintergrund halten, haben in Ungarn und Rumänien einzelne Professoren in aller Form die Führung der „Rassenschützler" an sich gerissen. Vorläufig haben diese Drahtzieher der Numerusclausus-Bewegung ihre Stellungen so zu festigen verstanden, daß die d r i n g e n d s t e G e g e n m a ßregel die ist, den Schaden, den sie anrichten, wieder gut zu machen. Und kann man, ja m u ß man die A b w e h r den jüdischen Organisationen der einzelnen Länder überlassen, so erheischt die zweite Aufgabe die Teilnahme für die durch den Numerus clausus Betroffenen. Ein wirksames Instrument zur Organisierungun-d Finanzierung einer jüdischen Wanderbewegung muß geschaffen werden. Dte jüdischen Studenten, denen die Hochschulen ihres Landes verschlossen sind, müssen in die Lage versetzt werden, ihren gut jüdischen Wissensdrang an den Lehrstätten des A u s 1 a n d e s zu befriedigen. Bei der Organisierung dieser Wanderbewegung wird man aber das entgegengesetzte Ziel verfolgen müssen als bei der agrarpolitischen Siedlerbewegung. Während sich bei der Schaffung eines jüdischen Bauernstandes möglichst große Zusammenballung der Kolonisten in geschlossenen Gebieten — wie in kleine Knirpse wissen sie, daß sie der Mittelpunkt sind, um den sich alles dreht, das Denken der Mutter und des Vaters zugleich. Auf diesem Gebiete hat sich gegen früher eine große Wandlung, und zwar rasch, ich möchte sagen, fast ohne Uebergang vollzogen. Der Geburtstag des Baby ist der Mutter ungleich wichtiger als die Bilanz im Hause des Mannes. Jeder Wunsch des oder der Kleinen wird womöglich erfüllt, Vater und Mutter gehorchen denen, denen sie befehlen sollen, und das Verhältnis wird nicht besser, wenn die Kinder größer werden. Heute sehe ich, daß die Eltern der besseren Kreise immerfort darauf los sind, nicht nur von den Kindern alles Unangenehme zu entfernen, sondern ihnen möglichst viel Vergnügen zu bereiten; davon war früher keine Rede, und die frühere Art und Weise war doch offenbar die richtigere. Sind denn die Kinder von heute glücklicher? Sie treten in die Welt mit der falschen Vorstellung, daß das Leben ein Vergnügungstrain sei; sie finden bald das Gegenteil, sind aber gegen jedes Ungemach widerstandsfähig und greifen zum Revolver. Ich gehöre nicht zu den Weichmütigen, mir erregt aber jeder dieser, leider so häufigen Fälle geradezu Entsetzen, und ich betrachte es als eine unzweifelhafte Versündigung an unserer Jugend, daß die Tageblätter alle diese entsetzlichen Selbstmorde gewissenhaft in ihren Spalten und dadurch zur Kenntnis der hingen Leute bringen. Also die Kinder selbst haben durch diese Erziehung für sich nichts gewonnen, und die Eltern an den Kindern noch viel weniger. Ich behaupte, die Ehrfurcht vor den Eltern, namentlich aber die Opferfähigkeit für sie, stehen geradezu im umgekehrten Verhältnis zu dem Uebermaß der Verhätschelung in der Erziehung. In erschütternder Weise sagt Shakespeare in seinem „Lear" dasselbe, und jeder Leser, der selbst aufmerksam um sich sieht, wird die Wahrheit meines Satzes bestätigt finden. MHBffllffl^^ Seite 5 Südrußland — empfiehlt, weil solch geschlossene jüdische Kolonien den Stürmen politischer Umstürze leichter zu widerstehen vermögen als vereinzelte, weit verstreute Siedlungen, wird man bei den jüdischen Studenten Zusammenballung an gewissen bevorzugten Hochschulen besser vermeiden, weil sonst die Erschöpfung der Aufnahmefähigkeit dieser Schulen leicht ähnliche Erscheinungen hervorrufen könnte wie die, durch die die jüdischen Studenten aus der Heimat vertrieben wurden. Es wäre sogar ratsam, wenn jeder einzelne Student die Hochschule öfter wechseln könnte. Das wäre auch für sein Studium nur vorteilhaft und würde sein geistiges Gesichtsfeld bedeutend erweitern. Auf diese Weise würde der Numerus clausus einiger Länder den jüdischen Studenten statt der beabsichtigten Schädigung geradezu Segen bringen, zumal ein Diplom der Universität von Oxford, Paris oder Heidelberg zumindest die gleiche Empfehlung in der Welt bedeutet als eines aus Jassy, Wilna oder Budapest. Die Verfechter des Numerus clausus würden wohl in ihrer Begeisterung sehr rasch erlahmen, wenn sie erkennen müßten, daß ihre Methoden des „Rassenschutzes" gerade das bewirkt haben, was vermieden werden sollte: daß die jüdischen Studenten ihren christlichen Kommilitonen gegenüber zumindest gleichwertige Bildung besitzen. Wie rasch ihnen diese heilsame Erkenntnis vermittelt wird, hängt von der Bereitwilligkeit des Judentums ab, d ie v o n m i r h i.e r v or g e s c h 1 agenen Wege zur Rettung der in ihrem Lerneifer bedrohten jüdischen Intelligenz einzuschlagen. Zweifellos lag in jener früheren Art der Erziehung eine gewisse Härte, welche, namentlich wenn sie als von der Mutter ausgehend betrachtet wird, die heutige Generation fremdartig berührt. Aber es ist ja nur ganz natürlich, daß eine Frau, die den ganzen Tag an dem für die Existenz der Familie nötigen Erwerb energisch mitarbeitet, an das Kleine zu denken wen« verfällt, etwa an die Fasson des Kleidchens für das Kind oder gar an dessen Zerstreuung. Aber ehrlich zurückschauend muß ich sagen: aus dieser härteren und strengeren Erziehung sind bei den Juden — Männern und Frauen — nicht nur tüchtiger, sondern auch besser hervorgegangen. Eine zweite Frage entsteht: War die hier geschilderte Erziehung nur auf das Preßburger Ghetto beschränkt? Keineswegs. Es hat mich jüngst bei der Lektüre der Erinnerungen Ludwig Bambergers außerordentlich interessiert zu finden, daß bei den deutschen Juden jener Zeit den Kindern gegenüber die gleiche strengere Haltung geübt wurde: die Aussprüche seiner Großmutter präzisieren dieselbe in klassischer Weise: „Em Kind hat keinen Walen". „Ein Kind darf nicht sagen „ich will". „Ein Kind hat nicht zu fragen, sondern zu folgen". Genau so, dieselben Worte hörte ich meine Mutter sprechen. Wie und woher dieses Nachlassen der Strenge gekommen, ist mir nicht ganz klar. Der ,,Assimilierung" kann man diese Tatsache nicht zu Lasten schreiben. Von christlicher Seite hat diese weichliche Anschauung und Gewöhnung auch nicht kommen können, sie hatte dort ja viel weniger bestanden. . Eher haben wir in den letzten Dezennien hinübergewirkt. Ich resümiere: die heutige Erziehung der Kinder ist, wenngleich reichhaltiger, für die Charakterbildung der Kinder gewiß nicht besser.