Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 29 (15.7.1927)
- Date
- 1927-07-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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armen Teufeln in Palästina. Er wird keine Palästina-Hetze mehr treiben und die Juden werden Ruhe haben. Das alles hat Felix M. Warburg mit seinem Besuch in Moskau bewirkt. Dafür gebührt ihm der Dank aller, die die Ruhe und Einigkeit im Judentum wieder hergestellt zu sehen wünschen. Aber welch tiefe Tragik liegt darin, daß eine rein innerjüdische Aktion, unternommen von den Ae»m?ten, um den Aermsten zu Hilfe zu kommen, abhängig ist von den Vorgängen und Intrigen im Reiche der Weltwirtschaft, welches den jüdischen Interessen so fernliegt und sich unserer Einwirkung so völlig entzieht! Wir werden aber sehen, daß der vorliegende Fall nicht der einzige ist ... . Der Numerus clausus als jüdisches Problem. Von Dr. Hugo Spiegier. Es kann auf die Dauer nicht genügen, über die Tatsache, daß in U n g a r n durch das Gesetz, in R umänien, Polen und — mit der Einschränkung auf die Ausländer — auch in Deutschösterreich durch Terror eine Prozentnorm für die Zulassung jüdischer Studenten an den Hochschulen errichtet ist, sich moralisch zu entrüsten. Die Schande fällt auf die anderen, uns aber, den Juden aller Länder kommt es zu, auf praktische Abwehr zu sinnen oder wenigstens die von den Judenfeinden erstrebte Wirkung ihrer Taktik aufzuheben. Eine planmäßige Abwehr darf sich nicht bei der Verurteilung der Terrorakte aufhalten, mit denen der Numerus clausus erzwungen oder, wo dies schon geglückt ist, „geschützt" werden soll. Denn bei dieser Winnen, aber in voller abgeschlossener Ausbildung habe ich sie eben nur bei den Jüdinnen des Ghetto gefunden. Kräftig und vernünftig steht sie vom Morgen bis zum Abend ihrem Manne zur Seite; in der Arbeit ist sie zäher und geduldiger als der Mann, sie ist ihm aber keine bloße Gehilfin, sondern nach jeder Richtung hin eine fortwährende Stütze und Unterstützung. Dieses Weib ohne Schulbildung, ohne das. was man heute als „Erziehung" anstrebt und teuer bezahlt, ist stark genug, um nicht nur mitzuarbeiten, sondern auch weltklug genug, um mitzuraten. Und das liegt in der Natur der Sache. Die Frau, die in einem solchen Maße, namentlich in einem Engrosgeschäfte mitarbeitet, steht fortwährend Menschen gegenüber, die sie zum Denken zwingen. Sie will ihnen Ware verkaufen, muß demnach ihren Geschmack, ihren Bedarf erraten, bis zu einem gewissen Grade ihre freundliche Gesinnung gewinnen. Diese Menschen wollen von ihr Kredit erhalten, da gilt es denn, vorsichtig ihre Kreditwürdigkeit abzumessen, deren Verhältnisse zu studieren. Dies alles hat für die individuelle Gestaltung der Ehefrau, für die Denkübung eine ganz andere Kraft, als der „Jour", der Zeitungsroman, das Theater, die Promenade. Eigentlich war jede dieser jüdischen Geschäftsfrauen mehr oder weniger eine Persönlichkeit Diese schafft kein „Mädchenlyzeum", sondern nur die „Arbeit", die Notwendigkeit, zu denken, zu sorgen. Ich gebe ohne weiteres zu: diese Weiber des Ghetto waren dem Manne, d, h. dem männlichen Wesen nähergerückt, standen Ihm näher als die heutigen Frauen, Haben sie deshalb an Weiblichkeit verloren? Ja, aber nur in einem einzigen Punkte, der ihnen, dem Manne, der Familie, ihrer Welt sehr zum Vorteile gereichte. Ich habe die Verschiedenheit zwischen dem Denken und Handeln des Mannes und der Frau zumeist darin gefunden, daß diese den Methode erleben wir nur immer wieder die schönsten Krokodilstränen der Gebrandmarkten, ihre rührenden Beteuerungen, wie sie selbst die Ausschreitungen bedauern, schon deshalb, weil sie der, ach, so „guten Sache", der sie dienen wollen, nur schaden. Und an diese Versicherungen schließen sich regelmäßig Darlegungen, w i e gut die so hitzig verfochtenc Sache im Grunde eigentlich sei, und daß nur die Gleichgültigkeit der Behörden, die sich dieser Erkenntnis verschließen, schuld daran sei, daß die „Rassenschutzbestrebungen" an den Hochschulen bisweilen so verwerfliche Formen annehmen. Diese Taktik hat vor allem in Ungarn Glück gehabt, wo sie sich der Ministerpräsident zu eigen gemacht hat, indem er bei jeder Gelegenheit versichert, der Numerus clausus sei eine vorübergehende, zur Beruhigung der erhitzten Gemüter notwendige Maßregel. Wobei der Hauptton wohl nicht auf dem Wort „vorübergehend", sondern auf dem „notwendig" liege. Und doch hat die Erfahrung gerade in Ungarn gelehrt, daß die legale Einführung des Numerus clausus die Rauflust der Rassenschützler durchaus nicht beeinträchtigt, sondern nur zu neuen Taten ermuntert. Hieraus müßten die für die Ruhe und Ordnung ah den Hochschulen maßgebenden Gewalten, hätten sie wirklich nur ihre Pflicht im Auge, die entsprechenden Folgerungen zu ziehen. Tun sie dies nicht, dann geht es ihnen um andere Dinge. Sollte es sich wirklich dabei weniger um die akademische Würde als um die akademischen — Würden handeln . . . .? Das zeigt sich besonders deutlich in Wien, wo gerade in den letzten Tagen die Numerus-clausus- Frage mit Radau, Schlägerei und Universitätsschließung wieder zur Aussprache gestellt wurde. Wien besitzt Gelehrte, die in der Welt Geltung Unterschied zwischen widitigen und unwichtigen Dingen viel schwerer als der Mann erfaßt. In der Regel denkt sie an die letzteren, ist sogar ungehalten, wenn die ersteren an sie herantreten. Das war aber bei den Frauen dieses Schlages nicht der Fall. Diese wußten genau, wo es „Kopf und Kragen" galt. Es bestätigt nur die Richtigkeit meiner Ansicht, daß, soweit ich mich zurückerinnere, jene Frauen im Ghetto, welche durch den Beruf ihres Mannes von dieser Mittätigkeit ausgeschlossen waren, geistig an die anderen, miterwerbenden nicht heranreichten; sie zeigten sich zumeist als weniger bedeutend. Und mit dieser Fähigkeit und Gewohnheit, gerade das Wichtige zu erfassen und zu würdigen, hängt noch ein anderes, nicht minder bedeutsames Moment zusammen: die Stellung dieser Ghettofrau zwischen Mann und Kindern war eine andere als jene, die man heute für selbstverständlich hält. Gewiß waren den beiden jüdischen Ehegatten auch damals in ihrem gemeinsamen Leben und Weben die Kinder die Hauptsache — nur für sie arbeiteten sie, und erst in dem, was jene erreichten, sahen sie den rechten Erfolg des eigenen Lebens; aber zwischen Mann und Kinder gestellt, war der Jüdin jener Zeit vor allem der erstere die Hauptsache. — Durch den auf den Erwerb und Bestand des Hauses gerichteten Sinn, war es unbedingt der Mann, an den die Frau vor allem und bei allem dachte. Der Mann, das steckte durch tausendjährige Uebertragung eisern in ihrem Bewußtsein, ist die Säule, auf der ihre und der ganzen Familie Existenz beruht; für ihn galt es zuerst zu sorgen, ihn gesund, kräftig und arbeitsfähig zu erhalten. Erst nach ihm kamen die Kinder, und das war für ihre Erziehung von entscheidender Bedeutung. Das drückte sich natürlich im ganzen Leben des Hauses aus, und die Kinder gewannen dieselbe Empfindung. Sie sahen, wie der Vater das ganze Denken der Mutter ausfüllte, das flößte ihnen vor dem Vater einen Respekt ein, den die Kinder heute nicht leicht gewinnen können. Denn was sehen sie heute? Schon als