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Die Wahrheit · 1927-07-15 · Heft 29 (15.7.1927) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 29 (15.7.1927)
Date
1927-07-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT IM iiiwiiiiiiiiiiiiiiitiw SeiU 3 staatsmänniscber Weitblick sich seinerzeit gegenüber Prof. S o m b a r t ja glänzend bewährte. Keiner der Herren kannte die Zustände in der Ukraina aus eigener Anschauung, keiner hatte von der ganzen Sache eine Ahnung, aber die Herren hielten sich für berufen, Herrn Tschitscherins Erklärungen und Versicherungen entgegenzunehmen und mit verständnisvollem, zustimmendem Wohlwollen zu quittieren. Herr Tschitscherin rieb sich vergnügt die Hände und dachte in seinem engelreinen Herzen: „Jetzt ist mir wieder ein genialer Diplomatenstreich gelungen! Diese meine lieben Juden — was für treffliche unfreiwillig-freiwillige Agenten meiner Finanzpolitik gegenüber Amerika habe ich in ihnen! Wenn jetzt die Amerikaner nicht kommen, dann muß wohl der Teufel los sein!" Aber die Amerikaner rührten sich nicht. Eine wütende Hetze gegen Palästina wurde losgelassen, um so gefährlicher, als das arme Land eine schwere Krise durchmachte, verursacht durch die unbedachte, leichtfertige Immigration der letzten zwei bis drei Jahre, die Massen ins Land brachte, welche es unter keiner Bedingung verdauen konnte und alsbald wieder ausspeien mußte. Allein die Palästina- Hetze schadete Palästina zwar tüchtig, nützte aber Rußland gar nicht. Amerika rührte sich nicht. Kein Amerikaner bewarb sich um eine Konzession, keiner bot eine Anleihe an. Und die Palästina-Hetze stieg immer höher, besonders in Amerika. Felix M. Warburg sah diesem Treiben zu. Keiner wußte so gut wie er, was dessen wahrer Sinn war. Die Gesinnungen der amerikanischen Juden verwirrten sich. Warburg ist gleich wie sein Schwiegervater ein Gegner des Nationalismus, aber ein warmer Freund des Palästina-Aufbaues im wirtschaftlichen und im geistigen Sinne; er beschloß, das Opfer zu bringen und nach Moskau keine Laune des unberechenbaren Kriegsglückes, daß die Midianiten immer, wenn sie im offenen, ehrlichen Kampfe fechten sollten, erbärmlich besiegt wurden, wie bei Josua und Gideon. Midian ist das Volk, das sich alle Sympathien verscherzt hat. dessen Name ob der Verdienste Jethros nicht in Ehren, sondern ob der Hinterlist bei Peor mit Schande bedeckt ist. Die eifervolle Tat des Pinehas wird belobt und belohnt, und das Vergehen des israelitischen Mannes erscheint gemildert und gleichsam entschuldigt, weil er das Opfer des „Midianitismus" geworden ist. Midianitismus ist Hinterlist im öffentlichen und privaten Leben, in Partei und Politik und wird wie einst, immer Opfer fordern, wenn er nicht bekämpft wird. Midianitismus gibt es noch heute und leider auch in Israel, sogar im „lebendigen" Judentume, das scheinbar alle Tugenden gepachtet hat, aber in Wirklichkeit mit dem Tugendreichtum noch stark handeln lassen kann. „Midian" läßt sich als Ehrengast einladen, an die Ehrentafel des Festes setzen, nimmt am Mahle teil, aber entpuppt sich als höchst ungebetener Gast. Hinterlistig überfällt es die Ehre der Feiernden, schmäht und verleumdet geheim und offen, ist der „Stein" des Anstoßes. Midianitisch ist eine gewisse Parteipresse, die Lügen in die Welt setzt und das Wahre und Richtige hinterlistig glossiert. „Befehde die Midianiten", lautet das Gebot Gottes, das jeder anständige Mensch beherzigen muß. Nicht Unversöhnlichkeit oder Rachesucht, sondern Ehrenpflicht ist es, Midjan zu bekämpfen, denn „hast du ihn schon bei den Händen, hast du ihn noch nicht bei den Füßen", sagt der Midrasch von dem Hinterlistigen, denn selbst nachdem Gideon die Midianiter besiegt, ihre Fürsten und Könige gefangen und getötet hatte, wurden noch die goldenen Ringe, die man von ihnen erbeutet hatte, Israel zum Fallstricke. Wer war es, dem die Brüder zu gehen. Es hat keinen Wissenden überrascht, daß er die Ukraina-Kolonisation lobte, nachdem er die Palästina-Kolonisation seiner wärmsten Sympathien und werktätigen Hilfe für die Zukunft versicherte. Er darf wohl darauf rechnen, nicht mißverstanden zu werden. Er ist in Moskau erschienen und wurde von den Sowjets, wie sichs gebührte, empfangen. Reden wurden gehalten, alles was er sehen sollte, wurde ihm gezeigt, in alles, was er wissen sollte, wurde er eingeweiht. Und das aufhorchende Amerika erfuhr alles aufs Genaueste. Und siehe da: Kaum hat Felix M. Warburg Rußland verlassen und schon rühren sich die Amerikaner! Aus New York meldet man, daß eines der führenden dortigen Bankhäuser Dillon Read & C o. ein Syndikat mit 5 Millionen Doller gebildet hat zur Ausbeute der russischen Kalilager, für weitere Konzessionen ist der Sowjet-Regierung eine Anleihe von 25 Millionen Dollar in Aussicht gestellt. Gleichzeitig meldet man aus Moskau, daß das russische Naphtha-Syndikat mit der New Yorker Standard Oil einen fünfjährigen Vertrag geschlossen hat, „von dem hier die besten Wirkungen auf die noch schwebenden wichtigeren Verhandlungen erwartet werden". Auch Harriman hat sich erinnert, daß Rußland existiert. Erinnert man sich noch der heftigen Anklagerede, die der Pariser amerikanische Botschafter gegen die Sowjet-Regierung kurz vor Warburgs Ankunft in Moskau gehalten hat? . . . Kurz und bündig. Es ist erreicht! Herr Kalinin wird aus Amerika ganz andere Summen beziehen, als die armseligen Gelder, welche die polnischen und russischen Juden in Amerika für ihre vielgeplagten Brüder in Palästina einsammeln und zu Händen des Keren Hajessod schicken. Auf diese lächerlich geringen Almosen kann er ruhig verzichten. Mögen sie nach Jerusalem wandern. Er gönnt sie den einst Josef verkauften? Midianitische Kaufleute! Hinterlist findet immer hinterlistige Helfershelfer, um ihre schändliche Tat zustande zu bringen. „Befehde die Midianiten und schlage sie", sagt die Thora und hat recht! Kampf gegen Midianitismus in Partei und Presse, Gesellschaft und Gemeinde, denn „die Hinterlist hintergeht sogar die Allwissenheit Gottes!" Die Frauen der Judengasse vor 100 Jahren*) Die Straßen aller Ghettos erhielten eine besondere Farbe durch einen speziellen Einschlag: den des weiblichen Elements — ich meine nicht das „Ewig Weibliche" Goethes, sondern jene Frauen des Ghetto, deren Tätigkeit in allen Läden neben jener der Männer deutlich erkennbar hervortritt. Ich möchte bei diesem Zuge in der Physiognomie der Gasse einen Moment verweilen, weil durch die Verhältnisse, die ihn schufen, auch die Frauen einen eigenen Charakter, ihr Sein und Wesen einen besonderen Inhalt gewannen. Sie waren fast ausnahmslos vom Morgen bis zum Abend im Geschäfte tätig. Gewisse Eigentümlichkeiten wird jede im Erwerb kräftig mitwirkende Frau, natürlich auch die nichtjüdische, ge- *) Aus dem jetzt in 2. Auflage erschienenen interessanten Buche von Sigmund Mayer: „Ein jüdischer Kaufman n". Verlag B. Harz, Berlin—Wien. Revidiert von der Tochter Sidonie Rosenberg.

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