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Die Wahrheit · 1927-07-15 · Heft 29 (15.7.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 29 (15.7.1927)
Date
1927-07-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 WiM^^ DIE WAHRHEIT M. Warburg nach Rußland locken, wodurch sein Interesse für dieses Land erregen, seine Anteilnahme an dessen Schicksalen wachrufen, wodurch ihn an das Land so fesseln, daß er sich um dessen wirtschaftliche Entwicklung sorgt und sie mit wohlwollender Aufmerksamkeit begleitet? Felix M. Warburg ist kein Konzessionsjäger, und er kann sichs leisten, auch ein Anleihegeschäft mit Rußland, und wäre es das glänzendste, anderen zu überlassen. Ihn konnte nach Rußland nur die Judenfrage locken. Nun war er aber, dem Beispiel seines Schwiegervaters folgend, mit allen seinen jüdischen Sympathien in Palästina engagiert. Was Wunder also, daß die Herren Tschitscherin, Kalinin und Bucharin zunächst auf dieses arme Palästina einen grimmigen Haß warfen? Es galt also, eine Konkurrenz für Palästina zu schaffen, die im Gang befindliche Ukraina-Kolonisation wurde als die Nebenbuhlerin der Palästina-Kolonisation hingestellt, die nur gedeihen kann, wenn dieser alle Nährsäfte entzogen werden. Herr Kalinin bot ganz andere Dinge, als das nebelhafte „National-Heim" unter englischem Schutz, er „löste die Judenfrage", er durfte die ganze Palästina-Kolonisation als Unsinn erklären. Und in der Tat, was bedeutet das arme, kleine Ländeben im Vergleiche zu den unermeßlichen Schwarzerdfeldern der Ukraina, die er den Juden erschloß? Nur kann Herr Kalinin das natürlich nicht unentgeltlich tun. Geld braucht er! Und Geld haben die amerikanischen Juden, sie sollen es nicht nach Jerusalem, sondern nach Moskau schicken, denn von hier geht das Heil der Judenheit aus. In Berlin fanden sich Leute, denen aus diesem oder anderem Grunde — von diesen Gründen soll in anderem Zusammenhange die Rede sein — die unter so furchtbaren Schwierigkeiten tapfer fort- §\ Feuilleton Midianitismus. Von Dr. V. Kurrein. „Befehdet haben s;e euch in ihrer Hinterlist, die sie hinterlistig gegen euch geübt halten . . . . " iv, 25, 18 Wenn der Name von Land und VoJk „Midian" genannt wird, denkt man gleich an den Schwiegervater Moses', an Jethro, den Priester dieses Landes, der ehedem dem armen, flüchtigen Moses im Lande Midian Aufnahme gewährte und ihm mit Rat und Tat beistand. Eine Midianiterin war auch Zippora, die Tochter Jathros, die sich Moses als Lebensgefährtin erwählte. Der midianitische Priester war Moses und Israel ein guter Freund und Vorbild des Guten, weshalb Freundschaftsbande Israel mit diesem Volke verbinden müßten. Um so mehr muß es wunder nehmen, wenn Moses und Israel göttlichen Befehl erhalten, gegen dieses Volk zu kämpfen, es zu schlagen, also einen Vernichtungskrieg gegen Midian zu führen. Wie um einem etwaigen Vorwurfe deswegen entgegenzutreten, betont die Heilige Schrift als Begründung ihres Befehles: „Denn befehdet haben sie euch mit ihrer Hinterlist, die sie gegen euch in der Sachs Peors hinterlistig geübt hatten." Die Schuld hinterlistiger Fehde beraubt Midian des Anspruches auf Rücksicht, enthebt Israel der Ehrenpflicht dankbarer Anerkennung einst empfangener Wohltaten und zwingt zu entschiedenem Verhalten. Das Wort, das die Heilige Schrift hier für das Tun und Treiben Midians anwendet, gebraucht sie auch bei der Handlungsweise der Brüder Josefs, die den hinterlistigen schreitende Palästina-Kolonisation ein Dorn im Auge war. Sie waren in großer Verlegenheit, denn die Palästina-Kolonisation bekämpfen hieß ja, den Uebergang der Massen von Ostjuden zur Landwirtschaft bekämpfen. Wer wird es nun wagen, sich eine solche Blöße zu geben? Da half ihnen Moskau aus der Verlegenheit. Sie klammerten sich jetzt an die Ukraina, Ukraina war nun das Losungswort. In allen Tönen sang man das Lob der Ukraina, konnte Palästina nach Herzenslust herabsetzen, ohne als landwirtschaftsfeindlich gescholten zu werden. Wozu nach Palästina Geld schicken? Palästina war auf einmal nicht nur ein hoffnungsloses Land, sondern eine „Gefahr für die Gesamtjudenheit" geworden. Haben wir denn nicht die Ukraina? Nach der Ukraina wollen wir wandern, nach der Ukraina wollen v/ir unser Geld schicken. Das Heil kommt von der Ukraina! Man vergaß nur eine Kleinigkeit: diejenigen Juden, denen wirklich geholfen werden muß, dürfen gar nicht nach der Ukraina gehen, können sich gar nicht unter die schützenden Fittige des Herrn Kalinin flüchten . . . Im Herbst 1925 weilte einmal Herr Tschitscherin, der Volkskommissar für das Auswärtige, in Berlin, wo das Einvernehmen mit Deutschland befestigt und vertieft wurde. Bei dieser Gelegenheit ließ Herr Tschitscherin auch eine jüdische Delegation zu sich kommen, mit der er über die Ukraina-Kolonisation sich unterhielt und der er allerlei Erklärungen und Versicherungen gab, die auf der Stelle in hundertfacher Vergrößerung nach Amerika gedrahtet wurden. Der Delegation gehörten an (außer einigen Herren, die bei keiner Gelegenheit fehlen dürfen) Dr. Paul Nathan, dessen ehemalige heiße Liebe für Palästina sich in Haß gewandelt hatte, und Herr Kurt Blumenfeld, dessen Plan faßten, Josef zu töten, ehe er ihnen nahe gekommen war. Der ahnungs- und arglose Josef geht den Brüdern entgegen, während sie von ihrem Vorhaben, ihn zu töten, nichts merken lassen. Das ist weder List noch Bosheit, sondern Hinterlist, die sich von Angesicht zu Angesicht freundlich und friedlich stellt, aber im Innern von Schlechtem voll ist. Nicht jeder hat die Gabe, die Menschen zu durchschauen; weit öfter folgt man dem äußerlichen Gehaben, traut und vertraut der harmlosen Miene und Haltung, um desto unfehlbarer ein Opfer der Hinterlist zu werden. Gerade darum ist der Hinterlistige vor Gott und Menschen fluchwürdig, wie ja der Prophet Maleachi den verflucht, der hinterlistig das richtige Opfertier in seiner Herde verhehlt und ein ungeeignetes darbringt, weil der Kampf gegen die Hinterlist, mag sie gegen Gott oder die Menschen ihr Treiben entfalten, Pflicht aller Ehrlichen ist Unter allen Feinden ist der hinterlistige der schlimmste. Wie gefährlich er seit jeher gehalten wurde, beweist am besten das Wort der Alten, die den Befehl Gottes „Befehde die Midianiten" mit dem Grundsatze: „Geht einer dir ans Leben, komme ihm zuvor und töte ihn" erläutern. Es besteht wirklich Lebensgefahr, wenn man mit Menschen hinterlistiger Denkart zusammenkommt. Man kann töten, indem man Blut vergießt, aber auch, indem man einem anderen den Erfolg der Arbeit!, die Freude am Schaffen, Ruhe und Sicherheit des Lebens, Ehre und Achtung bei den Mitmenschen zerstört. Denn das ist kein Leben mehr, das der Hinterlistige in jedem Augenblicke bedroht;, dem er bei jedem Weg und Schritt auflauert, um eine neue Bosheit und Schlechtigkeit anzutun. Es ist ärger als der Tod. Wer von solchem Feinde bedroht ist, kann sich vor sicherem Unheil, das ihn früher öder später treffen wird, kaum anders retten, als daß er in den offenen Kampf eintritt. Solchen, der beiden Teilen Gefahr bedeutet, scheut nämlich der Hinterlistige, der am liebsten aus dem Hinterhalte, wo er geborgen ist, die anderen befehdet. Darum ist es kein Zufall und

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