Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 29 (15.7.1927)
- Date
- 1927-07-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Evsaneint jeden Sbeätag (Preis «lieser Jlummew: 5© 9*os*fien DIE WAHRHEIT Cesteneicnische Wodkemsdhwift fahr jüdische Jnteressen Vevöffentficnungen der „Union deutscnösterv. Juden" Redaktion und Administration: Wien //., 3£emestECäße Jiw. 13 Fernruf 42-2-16 XLIII. Jahrgang Wien, 15. Juli 1927_Nummer 29 Die Hintergründe der Moskauer palästümfeindlichen Agitation** ||p Von Binjamin Segel. Ohne weitläufige Einleitungen: Im Hintergrunde des Streites zwischen der Palästina- und der Ukraina- Kolonisation stand die Sehnsucht Sowjet-Rußlands nach einer amerikanischen Anleihe und nach amerikanischen Geschäftsleuten! Die Sowjet-Regierung wurde schließlich nach und nach von sämtlichen Regierungen anerkannt, nur die Vereinigten Staaten beharrten bei ihrem Schmollen. Aber so viel politischen und moralischen Nutzen Moskau aus dem Gesinnungswandel der Europäer ziehen mochte, Geld konnte ihm nur Amerika vorschießen, die russische Wirtschaft in Gang bringen konnte nur der Dollar allein. Und der Dollar zögerte. Getreu einer Tradition, die ihnen selber schon anfängt lästig zu werden, standen die Amerikaner unter dem Bann der geschwollenen Phrasen Wilsons, der, großmäulig wie immer, ein ewiges Anathema gegen die Moskauer Feinde der Humanität und der Zivilisation geschleudert hatte. Nirgends in der Welt ist die Herrschaft der innerlich längst überwundenen Phrase so dauerhaft und tyrannisch, wie in den Vereinigten Staaten, zumal wenn die Phrase humanitär drapiert ist. Da muß ein humanitäres Motiv kommen, um sie auch äußerlich zu tiberwinden. Im Jahre 1920, als Amerika — und nicht zuletzt die amerikanischen Juden — eine so großartige Hilfstätigkeit für das hungernde Rußland entfaltete, da war die humanitäre Gelegenheit geboten, daß Amerika sich Rußland näherte und sich dort festsetzte. Von beiden Seiten wurde die Gelegenheit verpaßt. Inzwischen sahen die Amerikaner zu, wie die teuern englischen Vettern und schließlich auch diese .....Deutschen ihnen die besten Geschäfte und Konzessionen in Sowjet-Rußland wegschnappten, während sie sich mit dem erhabenen Bewußtsein trösten mußten, den tugendhaften Maximen Wilsons getreu, sich von jeder Berührung mit dem verruchten Bolschewismus streng ferngehalten zu haben. Vergeblich taten die Moskauer immer mehr Wasser in ihren Schnaps und machten dem fluchwürdigen Kapitalismus eine Konzession nach der anderen, daß die Rechtgläubigen zu murren anfingen. Vergebens posaunte Herr Bucharin in die Welt hinaus, er habe sich *) Vergleiche den Leitartikel der letzten Nummer, deren redaktionelle Einleitung auch für diesen Artikel gilt. überzeugt, daß Europa noch nicht reif sei für die bolschewistische Gesellschaftsordnung und daß die „Weltrevoluton" fürs nächste Mal aufgeschoben werden müsse. Vergebens wendete man in Moskau die sehnsüchtig hoffenden Augen nach dem fernen Westen, woher die Gäste kommen sollten, die in ihrer Toga Verheißungen von Milliarden Goldanleihen trugen: Was kam, waren lauter Finanzgötter zweiten und dritten Ranges, man mußte in den amerikanischen „books of reference" nachschlagen, um ihre Namen zu findien. Was für Nutzen konnte man von diesen Leuten haben? Wenn zum Beispiel ein War bürg herüberkommen möchte! . . . Nur herüberkommen, sich von der Sowjet-Regierung mit königlichen Ehren empfangen und fieiern und durch die verschiedenen Institutionen führen lassen . . . Das allein wäre ein epochales Ereignis in den russisch-amerikanischen Beziehungen. In Moskau weiß man nämlich ganz genau, was für einen Zauber der Name Warburg auf di<e amerikanische Finanzwelt ausübt. Paul Warburg, der Hamburger, der bis zum Eintritt Amerikas in den Weltkrieg an der Spitze der amerikanischen Reichsbank (Federal Reserve Board) stand, ist nicht etwa der reichste, umgekehrt vielleicht der „ärmste" unter den amerikanischen Finanzleuten, aber er, einer der jüngsten, gilt unbestritten als der tüchtigste, gebildetste und scharfsinnigste Kopf unter ihnen, überdies als ein Mann, auf dessen Charakter man unbedingt bauen kann. Sie halten die Augen auf ihn gerichtet. In Deutschland müßte er diesen Rang mit seinem älteren Bruder Max teilen. In Amerika hat er keinen, der ihm die Wage halten könnte. Nun befaßt sich zwar Paul Warburg nicht mit jüdischen Fragen, aber sein Bruder Felix, Schwiegersohn und Nachfolger von Jacob H. Schiff, wandelt in den Fußstapfen dieses letzteren, keine jüdische Angelegenheit und kein jüdischer Schmerz ist ihm fremd. (So schilderte die beiden Brüder im Sommer 1925 ein genauer Kenner der amerikanischen Finanzwelt.) Es liegt nahe, daß, wenn Felix War bürg einmal Rußland bereisen wollte und sich dann nur nicht tadelnd äußern würde, die Herzen der amerikanischen Stahlkammern sich den Herren des Kremls viel leichter öffnen würden. Wodurch konnte man aber diesen Felix