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Die Wahrheit · 1927-07-08 · Heft 28 (8.7.1927) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 28 (8.7.1927)
Date
1927-07-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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haben ihnen nämlich durch Anzeigen in den Zeitungen zur Kenntnis gebracht, daß sie nicht in ihren Etablissements absteigen dürfen, sei es, um daselbst eine Kur zu gebrauchen, sei es, um hier ihre Ferien zu verbringen. Dieser Boykott gegen unsere CHaubensbrüder, welcher von den Antisemiten diesen Hotelbesitzern geradezu aufgezwungen wurde, ist auch Schuld daran, daß auch ein großer Teil der christlichen Besucherschaft ausbleibt Dennoch haben sich die Hotelbesitzer den Befehlen der Antisemiten, welche jedem Gesetze ins Gesicht schlagen, unterwerfen müssen." . . - „Es muß hervorgehoben werden", so schließt das Blatt seine leider allzu treffenden, aber doch glücklicherweise nicht ganz zutreffenden Ausführungen, „daß eine große Zahl christlicher Sommerfrischler die Anwesenheit jüdischer Familien durchaus nicht als unangenehm empfindet, sondern gerade im Gegenteil jenen Orten den Vorzug gibt, wo sie Gelegenheit besitzt, diese anzutreffen. Begreiflicherweise; dehn der Antisemitismus bringt nirgendwo Freude hervor, sondern bestenfalls Langewelle." Dr. W. Ein neutrales Keren-Hajessod-Komitee in Wien. Unter diesem Titel brachte die „Wiener Morgenzeitung" vom 1. d. M. in ihrer neuen Beilage „Die jüdische Welt" eine Notiz über eine vor kurzem durch den Großpräsidenten der österreichischen Bnei-Brith-Logen, Herrn Dr. E. Kohn, einberufene Konferenz, an welcher auch der Präsident der „Union deutsch österreichischer Juden", Herr Dr. Jakob O r n s t e i n, teilnahm. Der Inhalt und das Ergebnis der Besprechung sind vollkommen unrichtig wiedergegeben, denn die von Herrn Dr. Edmund Kohn ergangene Einladung bezweckte, mit den Führern der beiden großen österreichischen jüdischen Parteien in dieser ihrer Eigenschaft, nicht aber, wie es in dieser Notiz heißt, als Vertreter der am Palästina-Aufbau interessierten Organisationen, in deren Reihen die „Union" sich nie betätigt hat, über Mittel und Wege zu beraten, durch welche die bei den Wahlen zutage getretene Uneinigkeit unter den österreichischen Juden behoben werden könnte. Dr. Edmund.Kohn bezeichnete in seinen einleitenden Worten als ein solches Mittel die Vereinigung der beiden Parteien zu gemeinsamer Arbeit in dem in dem Verbände der Logen bestehenden „Verein der Freunde des Wiederaufbaues Palästinas"; es sollen daher beide Parteien in möglichst großer Zahl diesem Vereine beitreten. Herr Oberrabbiner Dr. C h a j e s betonte, daß das von Herrn Dr. Kohn bezeichnete Ziel mit aller Kraft anzustreben sei, dagegen erscheine ihm das vorgeschlagene Mittel als nicht geeignet, der Zweck der Aktion müsse doch für jedermann klar und deutlich bezeichnet werden. Br schlug die Gründung einer „Jüdischen Partei" mit dem Programme vor, Juden in größerer Zahl in die Vertretungskörper zu entsenden und die Errichtung jüdischer Schulanstalten zu fördern. Herr Dr. Ornstein bezeichnete gleichfalls das von Herrn Dr. Kohn vorgeschlagene Mittel als für die Erreichung des diesem vorschwebenden Zieles nicht geeignet, zumal doch die Vertreter der beiden Parteien bereits durch viele Jahre im Kultusvorstande zu gemeinsamer Arbeit vereinigt seien; aber auch diese Arbeitsgemeinschaft habe nicht vermocht, die bestehenden politischen Gegensätze zu überbrücken oder auch nur zu mildern. Er erläuterte die politischen Anschauungen seiner Partei, wie anderseits die Herren Dr. Löwenherz und Dr. Goldhammer die Prinzipien und die Tätigkeit der jüdischnationaäen Partei besprachen. Dr. Ornstein wies insbesondere auf die mangelnden Erfolge der „Jüdischen Wahlgemeinschaft" im Jahre 1923 und der „Jüdischen Partei" im Jahre 1927 hin;, nur em Zusammengehen mit der freiheitlichen Bürgerschaft anderen Bekenntnisses könne die gesetzlich verbürgte Gleichberechtigung durchsetzen; endlich aber betonte er, daß seiner Meinung nach die jüdischen Schulen von der Mehrheit der österreichischen Juden abgelehnt werden. Die Besprechung schloß mit einem Appell des Herrn Oberrabbiner Dr. Chajes, da der Meinungsaustausch doch einen gewissen Wert hätte, bitte er Herrn Dr. Kohn, im Herbst eine neuerliche Zusammenkunft in einem größeren Kreise zu veranstalten. — Von der in der eingangs angeführten Notiz der „Wiener Morgenzeitung" erwähnten „Bildung eines neutralen Keren Hajessod-Komltees" war demnach in dieser Konferenz nicht die Rede; es wurde daher, „diesem Vorschlag von den Konferenzteilnehmern" auch nicht ^ugestimint". Wenn, wie es weiters in dieser Notiz heißt, „die im Gange befindlichen Vorarbeiten erwarten lassen, daß die Konstituierung dieses Komitees in der nächsten Zeit erfolgen wird", so hat diese Konstituierung nicht in dieser für einen ganz anderen Zweck .einberufenen Konferenz ihren Ursprung, wie auch zum mindesten nicht alle Konferenzteilnehmer an den behaupteten Vorarbeiten mitwirken. ^W^üiietten vom 9Q$*rM Grundfragen des Palästinaaufbaues. Im dichtgefüllten großen Sofiensaale hielt am 28. Juni der Begründer und Führer der revisionistischen Richtung im Zionismus, Wladimir J a b o t-i ms k y, einen Vortrag, in welchem er sich mit den verschiedenen mit dem Palästinaaufbau zusammenhängenden Problemen beschäftigte. Das wichtigste Problem sieht er in der Schaffung diet politischen Voraussetzung für eine Massenko.Ionisation. Die Krise, welche gegenwärtig in Palästina besteht, führt Jabotinsky vor allem darauf zurück, daß diese . politischen Voraussetzungen von der Mandatarmacht bisher nicht geschaffen wurden. In Palästina wurde das System befolgt, daß der Staat die jüdische Kolonisation nicht stören soll. Daß aber diese Methode schädlich ist, das zedigt am besten die Landfrage. Man zwingt die Juden, Land zu kaufen, um kolonisieren zu können, ein Vorgang, der in der Kolonisationsgeschichte ohne Beispiel ist. Es ist nicht richtig,, daß es in Palästina keinen Boden gibt, der unkultiviert oder noch nicht kultiviert wäre. Es gibt im Gegenteil in Palästina nach den sorgfältigsten Berechnungen sechs' bis sieben Millionen Dunam unbebauten, aber besiedlumgsfähigem Bodens. Wenn die Juden diesen Boden kaufen müßten, so wären dazu nach den heutigen Bodienpreisen 25 bis 30 Millionen Pfund nötig.. Mit der Methode des freien Bodenkaufes ist daher das Ziel einer Massenkolonisation unmöglich, wenn nicht die Regierung hier durch irgendeine Agrarreform ewigreift. Die landwirtschaftliche Kolonisation ist eine politische Angelegenheit, aber weder sie, noch die industrielle Kolonisation wird von der Regierung gefördert Eirst auf Grund der politischen Voraussetzungen, welche von der Mandatarmacht im Sinne der Balfour- Deklaration geschaffen werden, müßten, können von den Zionisten selbst die ökonomischen Grundlagen des Wiederaufbaues beredtet werden. Offenmütig gibt Jabotinsky die Fehler zu, welche in dieser Hinsicht von den Zionisten begangen wurden, vor allem sei Kapital nur e i nseitig nach Palästina geleitet worden. Die Mittel und Wege jedoch, die Jabotinsky statt dessen vorschlägt, um weitere ausgiebige Ströme jüdischen Kapitals dem Wiederaufbau zuzuführen, erscheinen uns allerdings recht zweifelhaften Erfolg zu versprechen. Jabotinsky will folgende Kapitalien erfassen: Das Sparkapital durch Schaffung eines palästinensischen Versicherungswesens für alle Juden der Welt, das Investitionskapital durch einen mäßigen Bankdrive, der ein Netz von prodiuktilonsfördernden Kreditinstituten in Palästina schaffte und schließlich das Konsumkapiital durch die Propagierung des Konsums von Palästinaprodukten in allen Ländern der Diaspora, Die Hauptsache ist und bleibt nach der Ansicht Jabo-r t!nskys, daß eine jüdische Massenkolonisation in Palästina in die Wege geleitet werden kann; mit der Möglichkeit einer solchen steht und fällt der Zionismus, dessen nächstes Ziel es sein muß, eine arithmetische Mehrheit in Palästina zu schaffen. Ohne sie kann keine Siedlung den Stürmen staatlicher und politischer Umwälzungen standhalten. Massenkolonisation ist aber ausschließlich eine Staatsangelegenheit. Der Ruf: „Oeffnet Palästina!", richtet sich daher nicht so sehr an das jüdische Volk, das schon begonnen hat. das Seinige zu tun, sondern der Ruf gilt der Mandatarmacht, die den Schlüssel Palästinas in der Hand hat und die Tore geschlossen hält. Doch mit dem bloßen Apell, möge er auch noch so eindringlich erfolgen, scheint uns sehr wenig getan zu sein und ob für die nächste Zukunft Aussicht bestellt, daß England diesem Appell Folge leisten wird, darüber * mußte uns Jabotinsky notgedrungen im Unklaren lassen. Das eine ist sicher: England wird nur das tun, was in s e in em Interesse liegt und daher die Interessen des Zionismus nur dann und nur insoweit fördern, als sie mit seinen eigenen parallel gehen. Steigende Unzufriedenheit im Aegypten und Indien, Bruch mit Sowjetrußland, ungeklärte Lage in China, wachsender arabischer Nationalismus: Wie nehmen sich unter diesen weltbewegenden Frageai, die an den Grundpfeilern des mächtigsten Reiches dler Gegenwart, des bri-

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