Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1927-07-08 · Heft 28 (8.7.1927) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 28 (8.7.1927)
Date
1927-07-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064299-3064326--15533-3088323
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ÜtE WAHRHEIT Seite 0 Veröffentliitkun&en der „Union deutdkösteneichiscfkec Juden' Wien IXm Jffomfo Jim. M#| fiel. I»-2-nr Erholung und Antisemitismus. Gewiß ist die Frage, ob es in unserem Staate sogenannte „j u d e n r e i n e" Sommerfrischen geben darf, in erster Linie eine prinzipielle Frage und wir haben sie auch immer als eiime solche angesehen und behandelt; es ist die Frage, ob es in einem Rechtsstaate — und als solcher will ja Oesterreich angesehen werden — überhaupt denkbar ist, daß irgendwelchei offizielle oder inoffizielle Körperschaften eines der wichtigsten Grundrechte unserer Verfassung für bestimmte Gebiete aus eigener Machtvollkommenheit als aufgehoben erklären und so innerhalb unseres Staates gewisse Enklaven schaffen, in welchen Recht und Gesetz außer Kraft gesetzt sind. Doch neben dieser prinzipiellen und juristischen Seite hat die Frage der judenreinen Sommerfrischen auch eine rein menschliche, die für jeden Glaubensgenossen in den Vordergrund tritt, sobald er sich um einen Erholungsort für sich oder für seine Familie zu interessieren beginnt Je unerträglicher die Hitze in den dunstigen Straßen der Großstadt wird, je näher der Tag des Schulschlusses heranrückt, desto brennender wird für ihn die Frage: wohin gehe ich, wohin schicke ich meine Familie im Sommer? Das eine ist für ihn klar: Erholung und Antisemitismus sind zwei Dinge, die sich gegenseitig ausschließen. Wo bei Wirten, Hotelbesitzern oder Vermietern Gesinnungen aufscheinen, wie es die ist, die wir im folgenden als typisches Beispiel zur Kenntnis unserer Leser bringen, dort kann von Ruhe und Erholung keine Rede sein, selbst dann nicht, wenn antisemitische Gemeinderatsbeschlüsse in dem betreffenden Orte nicht vorliegen. Der Präsident der „Union", Herrn Dr. Jakob O r n s t e i n, hatte nämlich die Güte, uns eine offene Karte zur Verfügung zu stellen, die ihm vor kurzem nach seinem unlängst von uns zitierten Artikel in der „Neuen Freien Presse" zugekommen ist und die wir wörtlich wiedergeben, schon um das hübsche Deutsch des Einsenders unseren Lesern vor Augen zu führen: „Ich und tausende Mitbürger begrüßen es mit Freuden, daß man Juden in Sommerfrischen nicht aufnehmen will. Ich bin kein antisemit habe aber selbst erfahrungen wie frech und arogant sich Juden den Christen gegenüber benehmen und nur die Juden verseuchen die Orte wo man diese aufnimmt nicht aber Christen. Ich besitze heute in Elsbach selbst ein Haus würde aber um keinen Preis einen Juden aufnehmen ohne das ich ein antisemit bin. Nehmen Sie dies als Richtschnur, belehren Sie ihre Glaubensgenossen wie sie sjch benehmen sollen damit man sie dulten soll, dan werden die Gemeinden keine solchen Beschlüsse fassen. Achtend Aug. Wagner." Der jüdische Erholungssuehende wird sich also in erster Linie die Frage vorlegen: Welche Sommerfrischen sind antisemitisch? oder besser: Welche Sommerfrischen sind nicht antisemitisch, daß heißt, in welchen der für Erholung überhaupt in Betracht kommenden Orten ist die überwiegende Mehrheit der einheimischen Bevölkerung sowohl als auch der Sommergäste den Juden gegenüber so eingestellt, daß ich für mich, beziehungsweise meine Familie, keine unangenehmen Ueberraschungen oder irgendwelches bedrückendes, oder kränkendes Verhalten zu befürchten habe? Und da müssen wir wohl gestehen, daß, wenn man die Sache von diesem rein menschlichen Gesichtspunkte betrachtet, unsere Liste der judenfeindlichen Sommerfrischen (siehe „Wahrheit" Nr. 20 vom 13. Mai 1927) leider recht unvollständig ist Es gibt nämlich bei uns eine große Anzahl von Sommerfrischen, in welchen es den Juden nicht geradezu „verboten" ist Aufenthalt zu nehmen, in denen sie aber doch das Gefühl, nur die „Geduldeten" zu sein, nicht los werden können. Wir haben aber doch wohl ein gutes Recht darauf, daß man uns jenes Mindestmaß von Achtung entgegenbringt, das jedem anständigen Menschen gebührt; wenn aber nur unser Geld, aber nicht auch wir selbst willkommen sind, dann verzichten wir lieber auf das Vergnügen, „geduldete" Sommerfrischler zu sein..... Indessen hat der Kampf, den die „Union'4 und „Die Wahrheit" unablässig gegen die österreichische Schande der judenreinen Sommerfrischen führen, weitere Früchte gezeitigt, und es mehren sich die Zuschriften, die in unserer Redaktion und im Sekretariat der „Union" einlaufen, in welchen „Judenfr eundlichkert" betont, beziehungsweise Judenfeindlichkeit von gestern widerrufen wird. Aber auch verschiedene unserer Leser erhalten auf diesbezügliche Anfragen in den Sommerfrischen ganz andere Antworten als sie. dessen sind wir gewiß, noch vor einem Jahre gelautet haben würden. So zum Beispiel sendet uns ein Freund unseres Blattes folgendes Schreiben des Bürgermeisters der Marktgemeinde Wolkersdorf vom 15. v. M. ein: „In Beantwortung Ihres Schreibens vom 8. Juni 1927 teile ich Ihnen mit, daß der in Ihrem Briefe genannte Gemeinderatsbeschluß nicht mehr zu Recht besteht und im Interesse des Fremdenverkehres aufgehoben wurde." Also nicht, weil der Gememderatsbeschluß, demzufolge Wölkersdorf als „judenrein" dekretiert wurde, den österreichischen Verfassungsgesetzen widerspricht auch nicht, weil diejenigen, welche diesen Beschluß gefaßt haben, ihre Gesinnung geändert haben, wurde besagter Beschluß aufgehoben, sondern lediglich „im Interesse des Fremdenverkehres", was soviel sagen will wie: im Interesse der eigenen Brieftaschen. „Im Interesse des. Fremdenverkehres" ist es aber nicht nur für Wölk er sdorf an der Ostbahn, sondern für ganz Oesterreich notwendig, nicht nur antisemitische Gemeinderatsbeschlüsse, sondern — und das ist das Wesentliche — auch die antisemitischen Gesinnungen zu reassumieren und den Fremden, ohne viel nach ihrer Abstammung zu fragen, so entgegenzukommen, wie es eines Kulturstaates würdig ist * Der Kampf, den die ,.Union" und „Die Wahrheit" gegen die sogenannten ,judenreinen" Sommerfrischen führt, hat auch in jüdischen Kreisen des Auslandes große Beachtung gefunden. Eine Anzahl ausländischer jüdischer Blätter warnen ihre Leser überhaupt davor, in Oesterreich Sommeraufenthalt zu nehmen, wobei sie geneigt sind, die Erscheinung der Judenfeindlichkeit zu verallgemeinern. Wenn auch hierin gewiß eine Uebertreibung liegt, so muß -man es anderseits durchaus begreiflich finden, daß die jüdischen Blätter ihren Lesern den Rat geben, lieber ganz auf einen Sommeraufenthalt in Oesterreich zu verzichten als vorher genaue Erkundigungen über Judenfemdlichkeit, bezw. Judenfreandlichkeit des in Aussicht genommenen Ortes einzuziehen. Der Schaden der hierdurch auch den rachtantisemitisohen Sommerfrischen erwächst, geht daher ebenfalls ganz auf das Schuldkonto jener antisemitischen Hetzer, die zum Schaden ihrer Stadt und ihres Landes eine wüste Radaiupolitik betreiben. Unter den ausländischen jüdischen Blättern, welche sich mit den judenreinen Sommerfrischen in Oesterreich beschäftigen, sei das in Paris erscheinende „Archives Isra61ite" erwähnt, das in einem Artikel „Aufenthalts verböte" in seiner Nummer vom 16. Juni u. a. folgendes schreibt: „Die Juden sind an bestimmten OTten in Oesterreich sehr ungern gesehen. Die jüdische Jugend, welche die Hochschulen besucht, wird von den nicht jüdischen Kameraden bedrängt. Und dieser Krieg gegen die Juden, der bald heimlich und versteckt geführt wird, teils mit jener barbarischen Roheit wie in Rumänien (soweit haben es also bereits unsere Herren Antisemiten gebracht daß man uns mit Rumänien auf eine Stufe stellt! D. Red.) erstreckt sich auch auf die zahlreichen Sommerfrischen und Kurorte- Oesterreichs. „Die Wahrheit" hat erst unlängst die Liste jener Orte gebracht — es gibt ihrer nicht weniger als 40 — wo man den Juden den Aufenthalt verweigert. Die Hotelbesitzer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.