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Die Wahrheit · 1927-07-08 · Heft 28 (8.7.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 28 (8.7.1927)
Date
1927-07-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEU Seite 7 ihren antisemitischen Grundsätzen Ausdruck zu verleihen, werden mit Bedauern auf die studierenden Jünglinge herabsehen, die so unverständlich sind, auch die Kärntnerstraße als einen hierzu geeigneten Boden zu betrachten. Der siebzehnjährige Handelsakademiker Bodo und der achtzehnjährige Fachschüler Herbert, die einem Aufruf des „Volkskampfes" gemäß, den „Bummel" in der Kärntnerstraße mitmachten und die der jüdischen Abstammung verdächtigen Passanten anrempelten, wurden bei diesem Vergnügen von Wachleuten gestört. Wie harmlos gemeint dieser „Bummel" war, kann man daraus ersehen, daß die Jünglinge, wie die Untersuchung auf der Wachstube ergab, mit einem Dolch, einem Schlagring und einem mit einer Gummischlinge versehenen Hackenstiel ausgerüstet waren. So ausgerüstet darf man straflos die Hochschulen besuchen, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, anders als mit den Waffen des Geistes für die erhabene Ethik des Hakenkreuzlertums kämpfen zu wollen. In der Kärntnerstraße erscheinen diese geistigen Waffen schon etwas bedenklicher, aber ihre Träger kamen doch mit einer kleinen bedingten Geldstrafe davon. Vor dem Jugendgericht gestellt, rettete sie ihre Jugend vor einer harten Strafe. Die älteren studierenden Hakenkreuzler werden unbedingt weiter die akademische Freiheit an der Universität den unsicheren Verhältnissen in der Kärntnerstraße vorziehen. * * * Der Herr Nationalrat Jerzabek, Diplomkaufmann Körber und Rechtsanwalt Dr. Riehl veranstalteten eine Versammlung, in der sie dafür eintraten, daß die Herrschaft der Juden in Wien gebrochen werde. Der Diplomkaufmann Körber hat neulich schon in einer Studentenversammlung behauptet, daß die Christenverfolgungen in den ältesten Zeiten, als die Bekenner des christlichen Glaubens den wilden Bestien vorgeworfen wurden, nicht so grausam waren als die Verfolgungen, deren er gewärtig ist. Wenn die Herren Jerzabek und Riehl in der großen Versammlung als Zeugen für diese furchtbare Anklage auftraten, dann muß wirklich etwas geschehen, daß der Herr Körber von seinem Verfolgungswahne geheilt wird. Die Versammlung hat stattgefunden und nahm einen mehr als reizenden, nämlich einen aufreizenden Verlauf. Herr Körber, der bekanntlich erst unlängst bei einer Prüfung einen Durchfall erlitt, hat fachmännisch von Exkrementen * gesprochen, mit denen die alte deutsche Kulturstätte besudelt wird. Herr Dr. Jerzabek forderte, offenbar gegen Mommsen polemisierend, der einst den Antisemitismus als die Gesinnung der Kanaille bezeichnet hatte, in einer Retourkutsche zum Kampf gegen die jüdische Kanaille auf. Dr. Riehl aber beantragte, aus Erbitterung darüber, daß ihn die Juden nicht in den Nationalrat gewählt, eine Weltrevolution gegen die jüdischen Unterdrücker. Billiger tut er's nicht. Besonders begeisterte Zuhörer ließen zum Schluß nicht die Redner leben, sondern riefen wie wahnsinnig: „Tod den Juden!" Da diese Art der Schlußrufe unter Umständen auch gerichtlich geahndet werden könnten, täten die betreffenden Herren Zwischenrufer gut daran, sich rechtzeitig mit Dokumenten zu versehen, die ihre strafausschließende Geistesstörung bestätigen. * * * In dem Artikel „Taufe und Judentum", der an der Spitze der vorwöchentlichen Nummer der „Wahrheit" erschienen, wurde ein judenfreundlicher Ausspruch eines Pfarrers mitgeteilt, den Varnhagen von Ense zitierte. Da dürfte es vielleicht manchem Leser nicht uninteressant sein, eine Aeußerung Varnhagens zu hören, in der dieser gegen einige Freunde auftritt, die das Heil nur im Antisemitismus finden. In den „Denkwürdigkeiten des eigenen Lebens" I., S. 348, schreibt Varnhagen: „Und wenn ich nicht nur auf den Glauben, sondern auch auf den Wandel und die Werke sehen wollte, so dürfte ich mit allem Rechte gegen meine jüngeren Freunde und auch gegen Steffens und Schleiermacber die ärgerliche Forderung aufstellen, man^möchte mir doch einmal Christen zeigen, denn ich hätte deren noch keine getroffen, wenn nicht .etwa ein paar fromme — Juden so nennen sollte, die ich in Armut und Verachtung nicht nur streng rechtschaffen, sondern auch gottergeben und milde ihren Bedrückern Liebes erzeigen gesehen." Wenn man sich auch nicht der Hoffnung hingeben darf, daß solche Worte Antisemiten zur Besinnung bringen werden, so soll man sie doch in Erinnerung bringen, weil sie manchem Juden zur Lehre dienen können. Soll es als ein erfreuliches Zeichen erwachender Beschämung begrüßt werden, daß der ungarische Unterrichtsminister Graf Klebelsberg den Versuch machte, den Numerus clausus von seinem widerwärtigen konfessionellen Beigeschmack zu befreien? In der jüngsten Sitzung des ungarischen Oberhauses verblüffte nämlich der Unterrichtsminister die Mitglieder dieser hohen Körperschaft durch die Mitteilung, daß auch ein Prinz Ladislaus Eszterhazy infolge des Numerus clausus gezwungen gewesen, eine ausländische Universität aufzusuchen. Es ist unwahrscheinlich, daß der juge Eszterhazy etwa durch einen verhängnisvollen Uebertritt zur jüdischen Religion unter die katastrophalen Räder des Numerus clausus geraten sei, aber man hat wahrhaftig bisher keine Ahnung gehabt, daß in Ungarn auch die Rechte der hohen Aristokratie bezüglich des Besuches der Universität beschnitten wurden. Man wußte bisher nur, daß zahlreiche jüdische Studenten darbend und hungernd ihrlen Wissendurst an auswärtigen Hochschulen stillen müssen. Da kein Mitglied des Oberhauses, auch der Herr Oberrabbiner Dr. Low nicht, an Herrn Unterrichtsminister eine Anfrage um Aufklärung über diesen Punkt richtete, wird der Fernersehende wohl daran tun, vorläufig die Mitteilung des Grafen Klebeisberg mit einigem Kopfschütteln aufzunehmen. Mit aller Beruhigung kann man aber auch heute schon sagen, daß dem jungen Eszterhazy nicht das Schicksal droht — von dem erst in letzter Zeit wieder zwei jüdische Studenten aus Ungarn in Paris ereilt wurden — im Auslande zu verhungern. Ego.

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