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Die Wahrheit · 1927-07-08 · Heft 28 (8.7.1927) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 28 (8.7.1927)
Date
1927-07-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Materialien zur Geschichte der Entstehung des Kultusgemeindebezirkes Wien XXI. (Floridsdorf):) Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. ' ' (Fortsetzung.) „Am Spitz" ist ein Ausdruck, der auch jetzt noch in Geltung ist Früher, d. h. vor mehr als 100 Jahren bezeichnete er eine sehr kleine Ortschaft, die am Ausgangspunkte (an der Spitze) der beiden großen nach Präg, respektive Brünn führenden Reichsstraßen entstanden war. Vor Einführung der Eisenbahnen, aber zum Teil auch nachher, stauten sich hier unzählige Wagenkolonnen an, deren Reisende in dem großen zu diesem Zwecke erbauten, ein Stock hohen Gasthause Unterkunft fanden. In diesem umfangreichen Gebäude wurde anfangs der Fünfzigerjahre eine rituelle Auskochered eröffnet Sie war für die jüdischen Viehhändler aus Galizien bestimmt, da lange Zeit nach Eröffnung der Ferdinandsnordbahn die Ausladung der aus dem Osten, zumeist von den jüdischen Kaufleuten gelieferten Viehes in Floridsdorf erfolgte. „Am Spitz" und in dem anschließenden Orte „Floridsdorf" nahm die wirtschaftliche Beschäftigung der angesiedelten Juden eine andere Form an. In Strebersdorf und Jadilersdorf waren es fast durchgehehds „Dorfgeher" und Dorfkrämer, die die Ortschaften der Donauebene und des Marchfeldes aufsuchten. Sie waren damals das, was jetzt noch die Pedlars in den Prärien Nordamerikas sind: gerne gesehene Uebermittier von Waren, die sonst der Landwirt nur mit namhaftem Zeitverlust aus der Stadt sich hätte holen müssen. Der Haß gegen den Hausierer -und die Drangsaläerung desselben ist bekanntlich erst ein Produkt der sogenannten christlichsozialen Gewerberettung/ der Achtziger- und Neunzigerjahre gewesen. „Am Spitz" und in dem nahegelegenen eigentlichen Floridsdorf entstanden seßhafte jüdische Kleinkaufleute, Trödler, Getreidehändler und Handwerker. Hier hatte sich ein neues kleines Zentrum des religiösen Lebens gebildet. War Saloraon Grfinwald der Führer der Judenschaft in Jedlersdorf, so war es Max Neumann, der den Anstoß zur Bildung eines Minjanvereines in Floridsdorf gab. Die bezüglichen Eingaben an die Behörden sind nicht mehr vorhanden, wohl aber konnte ich die begleitend© Begutachtung des Rreisamtes Korneuburg vom 19.tApril 1862 im Archiv der n.-ö. Statthalterei unter C. 8, 27839 ausfindig machen. Dieses Dokument ist von einem gewissen historischen Werte für die Beurteilung der damaligen politischen Verhältnisse, als die Juden des flachen Landes noch unter obrigkeitlicher Bevormundung und polizeilicher Beaufsichtigung standen, als ob das Jahr 1848 nicht gewesen wäre. Das Votum des Kreisamtes Korneuburg darf aber zugleich als Ehrenzeugnis für die früheren Generationen der wieder angesiedelten Juden gelten und sei daher in seinem Wortlaute wiedergegeben. „Hochlöbliche k. k. ■a.-ö. Statthalterei! " Wie aus den angebogenen Verhandlungsakten entnommen werden wolle, hat sich bereits durch eine Reihe von Jahren die größte Mehrzahl der im Bezirke ansässigen israelitischen Gewerbsleute in einem gemieteten Zimmer in Strebersdorf unter ste enger Aufsicht des dortigen anerkannt tüchtigen Bürgermeisters Franz Mayerwek zur Ausübung des Kultus versammelt und es, hat diese Versammlung nie auch nur den geringsten Anlaß zu einem," wie immer gearteten behördicfaen Einschreiten gegeben. Bei dem Umstände, als die meisten in Strebersdorf wohnenden Besucher dieser religiösen Versammlungen mit ihren Familien von diesem Orte wegzogen, sah sich der an der Spitze stehende Salomon Grünwald, um den Wünschen der zahlreichen Besucher entgegenzukommen, bemüssigt, auf eine Verlegung dieser Andachtsübungen vorzudenken, hiebe! fiel die Wahl auf den Ort Jedlersdorf und ist sonach Salomon Grünwald um die behördliche Bewilligung zur Abhaltung einer Minjanandacht in Jedlersdorf bittüch eingeschritten. Auch in. Floridsdorf hat sich in Berücksichtigung, daß in neuerer Zeit viele israelitische Gewerbsleute sich dort ansässig gemacht haben, und noch fortwährend1 ein Zuzug dahin stattfindet, das Bedürfnis von religiösen Versammlungen herausgestellt und das dortige k. k. Polizeikommissariat hat dieselben unter seiner Aufsicht und unter Leitung des unbescholtenen Trödlers Max Neumann schon durch eine geraume Zeit sub. spe rati, toleriert. Nachdem die Leiter der faktisch bereits bestehenden religiösen Versammlungen in Jedlersidörf und Floridsdorf, nämlich Salomon Grünwald und Max Neumairo in politischer und moralischer Beziehung unbeanstandet und als Männer von festem Charakter geachtet sind, auch den namhaft gemachten, dein Bezirksamte zumeist persönlich bekannten Teilnehmern dieser Versammlungen in der vorgedachten Richtung durchaus nichts Nachteiliges zur Last fällt; die Leiter übrigens auch laut beiliegendem Nachweise! vollkommen unbescholtene und befähigte Vorbeter, und zwar für Jedlersdorf in der Person des Flipp Reininger und für Floridsdorf in der des Moriz Brakl namhaft gemacht und sich die teilnehmenden Familienhäupter für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung; und Vermeidung jeder Ueberschreitung der bestehenden Gesetze verbürgt haben: so findet das Bezirksamt unter Beziehung auf den hohen Statthaltereierlaß vom 7. Juli 1857, Z. 19893, auf hochgeneigte Gewährung der von Salomon Grünwald und Max Neumann namens der teilnehmenden Glaubensgenossen gestellten Bitte um behördliche Bewilligung zjir Abhaltung von Minjanandachten zu Jedlersdorf, beziehungsweise Floridsdorf unvorgreiflich antragen zu sollen. K. k. Bezirksamt Korneuburg am 19. April 1862 (Unterschrift unleserlich.) k 17884 Der K. k. Polizeidirektion in Wien zur Aeußerung bezüglich der im Wiener Polizei-Rayon zu Floridsdorf zu errichtenden Minjanandachten." , Die Polizeidirektiön fand unter dem 26. Juni 1862 nach den „diesseitigen Erhebungen", daß namentlich der Vorsteher und Leiter der Betstube (Haus Nr. 8) Max Neumann „als völlig unbedenklich erscheine", daß das „fragliche Gesuch" zu bewilligen wäre, was auch geschah. (Fortsetzung; folgt) *) Dieser Artikel erscheint während der Monate Juli- August in jeder zweiten Nummer unseres Blattes fortsetzungsweise. Glossen. Die hakenkr<euzlerische Studentenschaft hat nach den letzten Universitätsskandalen ein enthusiastisches Dankschreiben an die „Dötz" gerichtet, in welchem sie in überschwänglicher Weise die Verdienste rühmt, die sich dieses Blatt um den Schutz akademischer Exzedenten erworben. Für die „Reichspost", die doch in diesem Falle wahrhaftig nicht hinter der „Dötz" zurückgeblieben, sondern diese womöglich noch übertroffen, haben die hakenkreuzlerischen Studenten auch nicht ein einziges Wort gefunden. Der „Reichspost" war ein Malheur passiert. Ihr Leitartikel, der mit überschäumender Begeisterung für die Freiheit der Exzedenten gegen jeden Eingriff der Polizei eintrat, hatte mit dem pathetischen Ausruf geschlossen: „Der Sieg liegt nicht in der Faust, sondern in dem Kopf". Dem etwas zerstreuten Schriftsteller der „Reichspost" lag beim Niederschreiben dieses klangvollen Schlußsatzes" sicherlich jede Bosheit ferkie, aber es gibt keine hakenkreuzlerischen Studenten, die so blöd wären, die blutige vernichtende Satire zu verkennen, die diese paar Worte bergen. Und dafür hätten sie noch der „Reichspost" danken sollen? * * * Die akademischen Raufbolde, die so vorsichtig sind, auf den geheiligten Stätten der Hochschulen

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