Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1927-07-08 · Heft 28 (8.7.1927) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 28 (8.7.1927)
Date
1927-07-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064299-3064326--15527-3088317
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT iUiUHHHmHinnHiHiiimHmminniiHininiiiiiHmiigiMMiiBfflHMH« BWMt SeiU 3 4t zu geraten. Er erfüllte unerschrocken seine hohe Pflicht als wahrheitsgetreuer Berichterstatter in allen diesen Briefen, die er von seiner Reise durch Rußland veröffentlichte, und die sich durch scharfe Beobachtung und meisterhafte Schilderung des Beobachteten auszeichnen. Alle diese Briefe würden es in hohem Maße verdienen, ins Deutsche übersetzt zu werden, sie würden eines der lehrreichsten und prächtigsten Bücher über Rußland bilden, nicht nur für Juden allein. Und dieser Brainin, der über 40 Jahre lang unermüdlich für die Palästina-Idee gekämpft hat, lobt die Sowjet-Kolonisation, prophezeit ihr eine große Zukunft. Brainin hat in Moskau seine Jünglingsjahre bis zum Mannesalter verlebt, er besitzt in den meisten Städten Rußlands zahlreiche Freunde in allen Schichten, dann lebte er in Deutschland als Mitarbeiter großer russischer Blätter; er kennt alle geistigen Strömungen Rußlands und die führenden Persönlichkeiten, er kann sich mit der jüdischen wie mit der nichtjüdischen Bevölkerung in ihrer Sprache ohne Dolmetsch verständigen, was von den vielen Deutschen und Amerikanern sich nicht sagen läßt. Sein Wort fällt schwerer in die Wagschale, als das aller anderen. Aber hat Brainin mit einem Worte gesagt, man solle die für Palästina gesammelten Gelder lieber nach Moskau schicken? Im Gegenteil! Jede Zeile seiner Berichte sagt: Um die Sowjet-Kolonisation braucht uns in materieller Hinsicht nicht bange zu sein. Sie ist gut versorgt. Boden haben sie ohne jede Begrenzung. Der Säckel der Sowjetregierung ist unerschöpflich. Die jüdischen Kolonisten verwandeln diese unsagbar fruchtbare Erde, die meilenweit unbebaut liegt, weil keine Hände da sind, um sie zu bearbeiten, in blühende Gärten. Die sein Volk kämpft; wollten sie Israel vernichten, müßten sie es zur Sünde und Untreue gegen Gott verführen, den Zorn Gottes über das Volk erwecken. Sie verleiteten Israel zum Götzendienste, verführten es unter dem Scheine der Freundschaft und des Friedens zum Abfall von Gott, — und das Unglück von Schittim kam; es starben tausende vom Volke. Bileam war der ungetreue Freund. Er rühmt, lobt und segnet mit Worten, ist fin Wahrheit aber der Verderber. Was er bei Israel gesehen und gelernt hat, hat er zum Schaden Israels ausgenützt. Auf ihn wendeten die Alten das Wort an: „Nicht von deinem Honig und nicht von deinem Stachel." Die Biene spendet süßen Honig, aber sticht schmerzhaft mit ihrem Stachel. Begehre nicht die honigsüßen Worte der Schmeichler, die hernach mit ihren Stacheln böse Wunden bringen. Bileam ist nicht der offene, wilde Feind, der sich als solchen gibt und bekennt, sondern erscheint mit Freundesgruß und Segenswunsch, während Feindesiust und Fluchgelüst in seinem Herzen lebt. Darum sagt der Midirasch, daß Bileam, als er des Pinehas ansichtig wurde, voll Begeisterung seine Arme ausgebreitet habe, als trüge er die beiden steinernen Tafeln und stiege zur Höhe empor. Das ist die Art gewisser Judenfreunde. Wenn sieeines bestimmten Juden ansichtig werden, breiten sie die Arme aus, als ob sie dte Gebote Gottes hielten, und die Freundschaft mit Juden und Judentum sie zur höchsten Höhe trüge. So haben es schon viele gemacht, sich Vertrauen und Freundschaft Israels erschlichen, seine Weisheit und seine Lehren, Bräuche, Sitten und Einrichtungen gelernt, dann aber Werke geschrieben, die den Judenfeinden Stab und Stütze. Lehre und Weisung wurden. Vor diesen Bileams kann man sich nicht genug schützen, denn der Feinde sich erwehren, ist nicht leicht, kann aber gelingen; vor den ungetreuen Freunden muß Gott schützen. Der Wahrheitsbeweis dafür ist und bleibt: Bileam horoscho, der segnet und flucht. Regierung macht an ihnen das beste Geschäft. Ganze weite Ländereien werden durch die Arbeit der jüdischen Siedler ertragreich und werfen große Summen ab, während sie bisher unbenutzt dalagen. Das russische Land ist ungeheuer weit, die Bauern sind saturiert, sie sind nicht imstande, den Boden, den sie faktisch besitzen, zu bestellen, sie brauchen (vorläufig wenigstens) den Juden ihren Anteil nicht zu neiden. Die Sowjet-Kolonien auf russischemBodenbedürfenunsererHilfe nicht. Wir können alle unsere Mittel auf die Kolonisation von Palästina verwenden. Das hat Brainin in Wirklichkeit gesagt. Daß er von den Zionisten arg mißverstanden und ob seines angeblichen Palästina-Verrates verketzert, verfemt und beschimpft wurde, zeigt von einem merkwürdigen Grad von Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit, ändert aber an der Sache nichts. Genau dasselbe wie Brainin, nur mit ein bißchen anderen Worten, hat unlängst Felix M. Warburg, der ebenfalls zuerst Palästina und dann Moskau besucht hat, in Berlin und London gesagt. Schon im Jänner, als er Palästina nach längerem Aufenthalte verließ, richtete er an den Kanzler der Universität Dr. M a g n e s (einen Schwager von Louis Marshall) einen Brief, in welchem er sich ganz enthusiastisch über die Aufbauarbeit in Palästina äußerte und versprach, in Amerika für deren ungeschmälerte Fortführung zu sorgen. Jetzt war er in Berlin gezwungen, abfällige Aeußerungen über Palästina, die ihm in den Mund gelegt worden, schroff abzulehnen. Allein Felix M. Warburg sprach ebenso hoffnungsvoll von der Sowjet-Kolonisaion und prophezeite ihr eine schöne Zukunft. Er findet nicht, daß die beiden Kolonisationsgebiete einander Konkurrenz machen. Mr. Samuel Undermeyer, einer der Führer des amerikanischen Zionismus, sagte im Jahre 1925: „Wir sind reich genug, um Palästina und Ukraina zu unterstützen." Jawohl, w i r, nämlich die Amerikaner, können uns das leisten. Aber w i r, die Europäer, sind nicht reich genug, wir können uns das nicht leisten. Das Scherflein, welches w i r zusammenbringen, häufig mit großer Mühe, unter bedeutenden Entbehrungen, das müssen wir dem dürftigeren von beiden Bewerbern geben. Und welcher von beiden der dürftigere ist, unterliegt ja keinem Zweifel. Eigentlich war es ja überhaupt unverständlich, daß die Sowjetregierung sich um die Gelder der Juden bewarb und mit so häßlichen Mitteln gegen Palästina kämpfte, nur um das schmale und seichte Goldbächlein von Jerusalem abzulenken und nach Moskau zu leiten. Wo in aller Welt hat man gehört, daß eine Regierung im Auslande um Geld bettelt, um in ihrem Lande Reformen vorzunehmen, die eine bedeutende Steigerung ihrer Staatseinnahmen und eine Erhöhung des Wohlstandes ihrer Bürger zum Zweck haben? Noch dazu ein Almosen, das für arme Leute bestimmt ist, welche sich in fernem Land bitter plagen und heldenhaft kämpfen? Die Zaren haben ja auch oftmals Juden in der Landwirtschaft angesiedelt, haben sie je nach dem Auslande die Hand ausgestreckt, um die Mittel hierfür zu erschnorren? Solches könnte man zur Not der litauischen Regierung oder der eines ähnlichen armen Landes nachsehen. Aber die Spwjetregierung, die ungezählte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.