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Die Wahrheit · 1927-07-08 · Heft 28 (8.7.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 28 (8.7.1927)
Date
1927-07-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 WIIIM^^ DIE WAHRHEIT den Fleiß und die Betriebsamkeit der Juden in blü-. liende Felder verwandelt werden, die dann für den russischen Muschik einen besonderen Reiz bekommen. . . Vollends, daß Juden aus fernen Ländern, Juden, die nicht einmal Russisch verstehen und sich mit den „Kindern Gottes" gar nicht verständigen können, zur Landnahme in Rußland zugelassen werden — ich bin sicher, daß ein solcher Gedanke, wenn er je in dem Hirn eines Moskauers aufgetaucht sein sollte, er sofort in die fernsten Eisfelder Sibiriens verbannt würde wie der gefährlichste gegenrevolutionäre Verbrecher. Hätte Herr Kalinin und die anderen russischen Anhänger der Ukraina-Kolonisation bedacht, daß es außerhalb Sowjetrußiands auch Juden gibt, für die Siedlungsland gesucht werden muß, so hätten sie sich sicherlich in ihrer Anti¬ Palästina-Hetze gemäßigt. Anderseits haben die Palästina-Freunde, insbesondere die Zionisten sich arg vergriffen, indem sie die Sowjet-Kolonisation überhaupt bekämpften und in der Hitze des Gefechtes das ganze Werk verwarfen, es verkleinerten und als ein Verderbnis für die Judenheit hinstellten. Es hat überhaupt keinen Zweck, die Sowjetkolonisation zu bekriegen, selbst wenn alle Bedenken wohlbegründet wären, selbst wenn die Mißstände viel schlimmer wären als sie sind, denn diese Kolonisation geht mit eherner Notwendigkeit, mit der Unabwendbarkeit eines Naturprozesses vor sich. Das hat der ausgezeichnete Wilnaer Sozialökonom Benzion R u b s t e i n schon 1922 in seiner trefflichen Schrift über die wirtschaftliche Lage und die Aussichten der Juden in Sowjetrußland nachgewiesen. In Wirklichkeit drehte sich auch der Streit nicht um die Kolonisation in der Ukraine oder in Palästina, sondern lediglich um den amerikanischen Dollar. Der ganze Aufbau von Palästina ist angewiesen auf die Spenden der Juden in den Diaspora- Ländern, von denen die namhaftesten und zuverlässigsten die der amerikanischen Juden sind. Nun streckte plötzlich Moskau die Hand aus und forderte das ganze Geld der Amerikaner für sich. Da ist es begreiflich und verzeihlich, daß die Palästina- Freunde verzweifelt aufschrien. Die Verminderung der Spenden für Palästina bedeutete zunächst eine Verminderung der Löhne der Arbeiter in Stadt und Land, eine Verminderung der Gehälter der Lehrer und Lehrerinnen, einen Rückgang der Bautätigkeit, der landwirtschaftlichen Siedlungstätigkeit, der Lehrbetriebe in den unteren und mittleren Schulen, sogar die Bibliotheken Jerusalems bekamen den Rückgang der amerikanischen Spenden für den Keren Hajessod zu spüren. In dieser Stimmung hieben die Palästina-Freunde ein wenig über die Stränge und bekriegten das ganze Sowjet-Projekt als eine gefährliche Konkurrenz für ihr Ideal. Wer in der Ukraina-Kolonisation ein gutes Haar fand, war ein Verräter. Daran mußte sogar ein Mann wie der berühmte hebräische Schriftsteller Reuben Brainin glauben. Die Leser dieses Blattes erinnern sich wohl noch seiner erschütternden Skizze: „Es gibt keinen Gott!", die im vorigen Herbst in meiner Uebersetzung hier erschien und in vielen Blättern, auch nichtjüdischen, nachgedruckt wurde. Eine schwerere Anklage gegen das seelenmörderische sowjetistische Schulsystem ist nicht denkbar. Man muß die Offenherzigkeit und den Freimut des ausgezeichneten Schriftstellers bewundern, der diese vielerwähnte Skizze drucken ließ, während er in Rußland weilte und jeden Augenblick Gefahr lief, in die Fänge der „Gopu" L.J Feuilleton Der ungetreue Freund. Von Dr.JV. Kurrein. Als Israel in Schittim wohnte, begann das Volk mit den T öchtern Moabs Unsittlichkeit Zu treiben. IV, 25, 1 Bileam, der heidnische Zauberer, ist vom Könige von Moab gedungen, Israel zu verfluchen. Er ändert seine Gesinnung, statt zu fluchen, segnet er. Man muß wohl solche Wandlung der Gesinnung begrüßen und die Sinnesart eines Mannes loben, der gehorsam dem Befehle Gottes seinen ursprünglichen Auftrag unausgeführt läßt und nach besserer, schönerer Einsicht handelt Trotzdem und trotz all den erhebenden Lobsprücfaen, die Bileam spendet, ist es ihm aber nicht gelungen, sich in Israel einen guten Namen zu erringen, sein Andenken in segensvoller Erinnerung zu erhalten. Das wenig ehrenvolle und böse Beiwort „hbroscho", „Der Bösewicht" bgleitet seit jenem Ereignisse unentwegt seinen Namen. Das ist sowohl für ihn wie für Israel sehr merkwürdig. Ein Mann, der Segen gespendet, langatmige Lobreden auf Israel gehalten hat, gleichsam Kronzeuge für Vorzüge und Tugenden dieses sonst gehaßten Volkes ist, wird nicht gelobt und gefeiert, sondern über Zeit und Land hinaus geschmäht und getadelt Man kann wahrhaftig nicht behaupten, daß Undankbarkeit gegen seine Lobredner und Verteidiger ein Kennzeichen Israels wäre. Im Gegenteil betrachtet der Jude nur allzusehr diejenigen als gute Freunde, die ihm ein gutes Wort geben, und belohnt mit heißem Dank, die Volk und Religion Israels in Rede oder Schrift loben und anerkennen. Wenn aber doch Bileam mit einem schlechten Nachrufe bedacht ist. muß es einen Grund haben. Eines ist sicher, ein Mensch, dem man den Antrag stellen kann, ein ganzes Volk zu verfluchen, der sich dazu hergibt, mit dfesem wenig sympathischen Mittel des Fluches in die Geschicke einzugreifen, ist gewiß kein lauterer Charakter, keine Gestalt und Persönlichkeit von übergroßem, inneren Wert Aber es ist ja Krieg und Kampf; Balak zittert für sein Volk und Land, denn „es graute Moab vor Israel", und in Kriegszeiten geschieht auch anderswo manches, das nicht edel ist, wird hüben wie drüben geflucht. Man darf also in diesem Falle nicht allzustrenge richten. Ferner ist es Balak von Moab, ein mächtiger König, der zu Bileam sendet. Eines Königs Wunsch und Befehl, den das Versprechen auf Belohnung, Aussicht auf reiche Ehren und Geschenke unterstützen, hat schon mehr und Größere als Bileam willfährig gemacht, und andere, die keine Zauberer waren, haben auf Wunsch und1 Willen eines Königs Schlimmeres getan, ohne für Zeit und Ewigkeit als Frevler gebrandmarkt zu sein. Schließlich und endlich hat Bileam gezaudert und gezögert und letzten Endes nicht nach Balaks Wunsch, sondern nach Gottes Geheiß gehandelt. Menschlich genommen erscheint dieser Bileam doch nicht so arg und schlimm, nicht der beste Charakter, aber auch nicht der schlechteste, gewiß nicht der ehrlichste Freund Israels, aber auch nicht der grimmigste Feind. Warum also ist und bleibt er trotzdem der „Roscho", der Bösewicht in Geschichte und Denken Israels für alle Zeiten? Warum war sein Schicksal, daß er, wie gegen Ende des vierten Buches erzählt wird, von Israel hingemordet wurde, denn es heißt: „Den Bileam töteten sie mit dem Schwerte", daß der Mann von denen, die er gesegnt hatte, als er in ihre Hand fiel, erschlagen wurde? Unsere Alten sagen. Bileam habe gerade durch seinen überreich gespendeten Segen, in dem sich kern Wort des Tadels oder der Einschränkung findet, Israel hochmütSg und hoffärtig gemacht und den Anstoß gegeben, der zu Israels Verderben führte. Er war es, der den Weisen Midjans und Moabs sagte, sie könnten Israel mit aller Heeresmacht und allen Kampfmitteln nicht beikommen, solange Gott für

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