Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 28 (8.7.1927)
- Date
- 1927-07-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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£w »€tkeint Jeden Sfeeitfag $fceis dieser JftuvnmerSU Srosiften D/E WAHRHEIT Cesterreirfkis&e Wocfkenscfiwift für jütöscne Jwferessen VevöffentRinungen der „Union deutscnöstevr. Juden" Redaktion und Administration: Wien lh, Xeinesttoße 3fr. 13 Fernruf 42-2-19 XLIII. Jahrgang Wien, 8. Juli 1927 Nummer 28 FelixM. War bürg — Palästina — Ukraina. Von Binjamin Segel. Wir veröffentlichen im Nachstehenden die Betrachtungen unseres göschätzten Mitarbeiters zu diesen aktuellen jüdischen Tagesfragen, betonen jedoch, daß nicht alle seine Ansichten unsere Zustimmung finden können. D. Red. Nun hat der häßliche und unverständliche Streit ein Ende, der fast zwei und ein halbes Jahr lang die ganze- Judenheit in zwei feindliche Lager spaltete, nämlich der Streit zwischen den Anhängern der Palästina-Kolonisation und denen der Ukraina- Kolonisation. Gewöhnlich sagte man „Krim- Kolonisation" und bekundete schon damit allein, daß man von der ganzen Sache nur eine ganz vage, ganz ungenaue Vorstellung hatte, denn die Halbinsel Krim spielt in der von der Sowjetregierung in Angriff genommenen Ansiedlung russischer Juden in der Landwirtschaft eine verhältnismäßig nur geringe Rolle: die ausgedehnten Siedlungsgebiete liegen ganz anderswo, hauptsächlich in der Ukraina. Der Streit ging also zwischen Palästina und Ukraina und obwohl es sich reimte, war der Streit so ungereimt als möglich. Die Anhänger des Palästina- Aufbaues brachten gegen das russische Projekt neben viel Stichhältigem auch viel Unstichhältiges vor und erblickten darin überhaupt eine gefährliche und schädliche Konkurrenz für ihr Ideal. Die Anhänger der Krim-Kolonisation legten gegen Palästina so viel Gehässigkeit an den Tag, agitierten mit so merkwürdigen Mitteln, daß der unbefangene Beobachter stutzig wurde und sich sagte: Hier handelt es sich offenbar um ganz andere Dinge als bloß um das Wohl und Wehe der russischen Juden. Auf der im vergangenen Winter in Moskau abgehaltenen „Ozet"-Konferenz, die sich mit diesen Problemen beschäftigte, und die auch von einer deutschen Delegation mit Dr. Paul Nathan an der Spitze besucht wurde, nahm sich Herr K a 1 i n i n heraus, offen gegen den Aufbau von Palästina zu agitieren und die Auswanderung dorthin einen „Unsinn und eine Torheit" zu nennen. ß/Ierkwürdigerweise hat keiner der anwesenden Ausländer — die doch nicht zum schweigenden Gehorsam gegen den allmächtigen Sowjet-Gewaltigen verpflichtet waren — es für nötig gefunden, gegen diese Behauptung Front zu machen und Herrn Kalinin folgende einfache Frage zur Erwägung zu geben: Im zarischen Rußland schätzte man die Zahl der Juden auf ungefähr sieben Millionen; das heutige Sowjet-Rußland zählt ihrer ungefähr drei Millionen. Die anderen vier verteilen sich auf die sogenannten Randstaaten, nämlich auf die vom zarischen Rußland befreiten, nunmehr unabhängig gewordenen Staaten. Diese vier Millionen Juden befinden sich in einer ebenso bedrängten wirtschaftlichen Lage und benötigen ebenso der Abhilfe durch Uebergang in die Landwirtschaft wie die bei Rußland verbleibenden drei Millionen — wenn nicht in einem noch höheren Maße. Zu diesen vier Millionen ehemals russischer Juden sind, seit der Friede von Versailles und seinen „Dependenzen" ausgebrochen ist, einige weitere Millionen Leidensgenossen hinzugekommen. Zunächst die Million ehemals galizischer Juden, die zum neuen Polen geschlagen wurden und die enorme wirtschaftliche Misere dieses Landes teilen. Sodann die dreiviertel Million ehemals russischer, österreichischer und ungarischer Juden, die zum neuen Rumänien geschlagen wurden und in des Wortes sinnlichster Bedeutung „geschlagen" wurden und werden und einen Drang zur Auswanderung spüren und sich ebenfalls der Landwirtschaft zuwenden. (Das sind die Juden in der Bukowina, Bessarabien, Siebenbürgen, dem Banat.) Sogar in der Tschechoslowakei, in Jugoslawien und Bulgarien machen sich starke Regungen zum Uebergang in die Landwirtschaft geltend, ein Drang, den diese Juden in ihren Heimatländern nicht befriedigen können, da, wie bekannt, hier unter der Bauernbevölkerung ein großer Landhunger herrscht. Da hätte man doch an Herrn Kalinin die Frage richten mögen: Wohin mit all diesen Juden? Ist es auch für diese landsuchenden Juden Unsinn und Torheit, nach Palästina auszuwandern? Davon, daß diesen ausländischen Juden sich die Tore Rußlands öffnen sollten und sie sich irgendwo auf russischer Erde ansiedeln könnten, sei es in der Krim, in der Ukraina, in Weißrußland oder auch nur in Sibirien — davon kann ja auch im Traume nicht die Rede sein. Wir wissen ja noch lange nicht — trotz der bramarbasierenden Reden der Moskauer Gewalthaber — wie die russischen und ukrainischen Bauern es aufnehmen, daß große Streifen heiliger russischer Erde den Juden zu eigen gegeben werden, obwohl die russischen Juden gleichberechtigte Bürger sind, und die Bedenken sind nicht von der Hand zu weisen, w i e sich diese Bauern in Zukunft verhalten werden, wenn die jetzt brachliegenden Bodenflächen einmal durch