Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 27 (24.6.1927)
- Date
- 1927-06-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 11 WalkwtkeMen vom (Tage Eine zwar selbstverständliche, aber leider unzutreffende Voraussetzung. In seiner anläßlich der Jubiläumsfeier der Innsbrucker Universität gehaltenen Festrede machte Unterrichtsminister Schmitz auch eine Anspielung auf die Vorgänge, die sich in jüngster Zeit aii der Wiener Universität abgespielt haben und zu der bekannten Kundgebung des Bürgermeisters geführt haben. Er sagte: „Waren es früher mehr materielle Sorgen, so ist jetzt eine Gefahr aufgetreten, die die Voraussetzungen wissenschaftlicher Forschung bedroht. Es sind Pläne aufgetaucht, die sich gegen die akademische Freiheit richten. Alle akademischen Bürger müssen bereit sein, diese akademische Freiheit zu verteidigen (stürmischer Beifall), besonders gegen jeden Druck, der von außen komme. Wjr setzen dabei als selbstverständlich voraus, daß diese Freiheit auch im Innern der Universität in edler Reinheit gewahrt wird, daß jedermann des andern redliche Ueberzeugung achte, daß jeder Teror ausgeschaltet wird, daß nur mit geistigen Waffen gekämpft wird und ohne Vorurteil." Wir schließen uns den Worten unseres Unterrichtsministers unter den Voraussetzungen, die er selbst als selbstverständlich bezeichnet hat, voll und ganz an. Wenn tatsächlich alle jene Forderungen, die wir ebenso wie Herr Schmitz als Selbstverständlichkeiten ansehen, erfüllt wären, dann wären wir die ersten, die gegen eine Bedrohung der akademischen Freiheit auftreten würden. Solange aber die „edle Reinheit", von welcher Herr Schmitz gesprochen hat. durch wüste Schmähplakate und abscheuliche Verleumdungen gegen uns Juden befchmutzt wird, solange an unserer Universität nur eine einzige Ueberzeugung, nämlich die hakenkreuzlerische, herrschen darf, solange wüster Terrorismus anders gesinnte Studenten bedroht, solange der Kampf der politischen oder Weltanschauungen statt mit geistigen Waffen mit Knüppeln und Stöcken ausgetragen wird, solange das wissenschaftliche Urteil durch politische oder rassische Vorurteile getrübt wird, mit einem Worte, solange die Voraussetzungen des Herrn Unterrichtsministers trotz ihrer Selbstverständlichkeit nicht zutreffen erscheint uns die akademische Freiheit deshalb nicht bedroht, weil sie überhaupt nicht vorhanden ist. Nicht unerwähnt wollen wir lassen, daß der „stürmische Beifal 1", welcher den ersten Teil der Ausführungen des Ministers begleitete, beim zweiten Teil, wo er von den selbstverständlichen Voraussetzungen der akademischen Freiheit spricht, bereits viel weniger stürmisch war. ...;-",--."D|e F|iegen Gemeinsam haben Chamberlin und L e v i n e Großes vollbracht, gemeinsam haben säe im Fluge den Ozean überquert und gemeinsam, in selbstloser Hingabe an ihr erhabenes Ziel und treuester Kameradschaft, den Elmenten getrotzt. Diese Gemeinsamkeit, dieses Füreinandereinstehen in Not und Gefahr, dieses Zusammenwirken erscheint uns ein wesentliches Moment des Gelingens des kühnen Fluges zu sein; denn als der eine der Flieger von den1 ungeheuren Anstrengungen ermattete, als ihm das Steuer aus der Hand zu gleiten drohte, da trat der andere für ihn ein. Dieses treue Zusammenstehen wollen wir jedoch noch aus einem anderen Grunde hervorheben, ja es scheint uns sogar in gewisser Hinsicht Symbol einer schöneren und glücklicheren Zukunft zu sein: Chamberlin ist Christ und Levine ist Jude. Zusammen haben sie das große Werk vollbracht, zusammen haben sie das Ansehen und die Weltgeltung ihres großen Heimatlandes, der Vereinigten Staaten von Nordamerika, gemehrt, jenes mächtigen Landes, das dem gemeinsamen Wirken seiner christlichen und jüdischen Bürger seine Größe, seine Macht und sein Ansehen verdankt. Das und nur das ist der Grund, warum wir hier in Oesterreich betont wissen wollen, daß Levine Jude ist. Ferne liegt es uns, stolz mit Fingern auf ihn hinzuweisen und unseren Verächtern zuzurufen: Seht Euch die jüdische Feigheit an, seht den jüdischen Eigennutz, die körperliche und seelische Degeneration des Judentums! Fern liegt es uns, mit Leistungen oder Erfolgen zu prahlen, welche Glaubensgenossen auf allen Gebieten menschlichen Schaffens, in Wissenschaft, Kunst, Technik und Sport aufzuweisen haben, denn wir wissen recht wohl, daß jeder Mensch nur darauf das Recht hat stolz zu sein, was er selbst geleistet hat. Wir freuen uns ebenso uneingeschränkt mit Chamberlin, wie wir seinem treuen Begleiter Levine den Ausdruck unserer Freude entgegenbringen. Nicht so einige deiutschvölkische Politiker und Journalisten, die ihren hämischen Neid und ihre Erbitterung darüber nicht verbergen können, daß es ein Jude, ausgerechnet ein Jude sein mußte, der gemeinsam mit seinem christlichen Kameraden Zeugnis von geradezu übermenschlicher Kühnheit und Ausdauer gegeben hat. Sie sind wütend darüber, daß „dem Juden Levine", dem Ostjuden, der in W i 1 n a das Licht der Welt erblickt hat, vom Reichspräsidenten, von der Regierung, daß ihm von der ganzen Bevölkerung des Deutschen Reiches zugejubelt wird. Von der gleichen Gesinnung scheint auch der Präsident des ..Deutschen Tumerbundes" in Oesterreich, ein gewisser Hofrat K u p k a erfüllt zu sein, der an die Bundesangehörigen anläßlich des festlichen Empfanges, der den amerikanischen Fliegern in Oesterreich bereitet wurde, folgende frisch-fromm-fröhlich-freie Kundmachung richtete: „An die Bundesangehörigen ergeht das Ersuchen, sich in keiner Weise an dem festlichen Empfang des amerikanischen Fliegers Chamberlin zu beteiligen. Abgesehen von der Haltung, die die Amerikaner im Weltkrieg eingenommen haben, kommt auch in Begleitung Chamberlins ein Jude, so daß es wider unsere Grundsätze wäre, in den gemachten Freudentaumel miteinzustimmen. Die Leitung des Deutschen Turnerbundes 1919." Was soll man zu diesem Zeugnis unverbesserlicher Starrköpfigkeit und grenzenloser Engherzigkeit sagen? Vielleicht das, was der großdeutsche Minister Dr. S c h ü r f f, der sicherlich ein mindestens ebenso national gesinnter Mann ist wie Herr Hofrat K u p k a, beim Empfang der amerikanischen Flieger gesagt hat: „Es ist eine der wichtigsten Bedeutungen Ihres Besuches, daß der Abgrund, den der unselige Krieg zwischen den Völkern aufgegriffen hat. sich wieder schließt und das große Amerika, in dessen Volk so mancher Tropfen guten österreichischen Blutes fließt, durch seine wagemutigen und erfolgreichen Söhne uns wieder die Hände entgegenstreckt." Wie aber soll sich der Abgrund zwischen den Völkern schließen, wenn noch so tiefe Abgründe zwischen den Abgehörigen desselben , Volkes klaffen? Chamberlin und Levine haben uns gezeigt, nicht nur wie Ozeane, sondern, was vielleicht noch mehr besagen will, wie konfessionelle Vorurteile überwunden werden können. Und darum begrüßten auch wir Juden die amerikanischen Flieger als Boten aus der Neuen Welt und Künder einer schöneren, weil menschlicheren Zeit. Der reichste Jude der Welt. Im glücklichen Amerika gilt der Reichtum, allerdings nur den ganz Reichen, mehr als Sport, denn als eine wirtschaftliche Tatsache. Ueber eine gewisse Größe hinaus, welche jedoch nur wenige Sterbliche zu erreichen das Glück haben, ist eine weitere Vermehrung des Besitzes für den betreffenden Krösus nur insofern von Bedeutung, als sie ihm bei dem Wettbewerb mit seinen Konkurrenzkrösussen auf der Stufenleiter des Reichtums um einige Stellen weiter vorne placiert. Eine weitere Vermehrung des Reichtums kann doch wohl dem ohnehin mit Glücksgütern in so hervorragender Weise Gesegneten kaum weitere Annehmlichkeiten verschaffen und dürfte sich die Lebenshaltung des Besitzers von 100 Millionen Dollar von der eines Mannes, der 110 Millionen Dollar im Vermögen hat, was den äußeren Aufwand betrifft, wohl nicht sehr unterscheiden. Nichtsdestoweniger spielt das Mehr-Besitzen gerade in der Einbildungskraft jener großen amerikanischen Kapitalisten und noch mehr vielleicht in der unübersehbaren Menge ihrer Bewunderer eine sehr große Rolle; denn gerade das Ueberdimensionale ist es. das in dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten eine noch viel größere Rolle spielt, als in unserem, in dem in jeder Beziehung zurückgebliebenen Europa: Der reichste Mann Chikagos ist ebenso eine Sehenswürdigkeit, wie der beste Boxer oder der schnellste Läufer dieser Stadt. Und dieser reichste Mann ist, wie die Chikagoer „Daily News" berichtet, ein J u d e, Herr Julius Rosenwald, der Chef des Hauses Sears Roebuck & Co., der auf der Liste der zehn reichsten Männer Chikagos an erster Stelle rangiert. In einem soeben erschienenen statistischen Sammelwerk, das von dem genannten Blatte herausgegeben wird, wird sein Vermögen mit rund 110 Millionen Dollar beziffert, das sind in österreichischer Währung 781 Millionen Schillinge. Interessant sind die Schlußfolgerungen, welche das Blatt aus seiner Statistik zieht, wenn dieselben auch mit einigem Vorbehalt aufgenommen werden müssen. Julius Rosenwald ist nämlich nach seiner Ansicht nicht nur der reichste Mann Chikagos, sondern auch der reichste Jude der Welt über- „ f k