Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 27 (24.6.1927)
- Date
- 1927-06-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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nämlich (der offizielle Titef lautete Kroatien, Slavonien und Dalmatien, aber letzteres wurde de facto vom Kaisertum Oesterreich verwaltet und Slavonien bedeutete nur einen geographischen Begriff) ist bis nun für die auf so hoher Stufe stehende jüdische Geschichtswissenschaft ein ganz unbekanntes Land, eine „terra incognita", im buchstäblichen Sinne des Wortes. Nach der Volkszählung vom Jahre 1900 wohnten zwar über 20.000 Juden in diesem Lande, es bestanden 20 wohiorganisierte Kultusgemeinden, ihre offizielle Zahl war sogar 32, von welchen jedoch ein Dutzend nur Rumpfgemeinden bildeten, aber in dem dreibändigen Werke „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes" des gründlichen Geschichtsforschers Prof. Dr. M. Philippson (1907, 10 und 11) findet man von Kroatien und seinen Juden nicht die geringste Spur. Das gänzliche Fehlen dürfte vielleicht erwünschter sein, als eine grundfalsche Schilderung. Zu meiner nicht geringen Verwunderung, zu meinem tiefen Bedauern enthält das vor einigen Monaten erschienene, 900 Seiten umfassende, überaus fleißige Werk J. Kreppeis „Juden und Judentum von Heute" ein derartiges Zerrbild über Jugoslavien, zu welchem auch Kroatien gehört, daß der geehrte Herr Regierungsrat innigst bedauert werden muß. Er wurde scheinbar das unschuldige Opfer eines Berichterstatters. In Jugoslavien, meint der Verfasser (Seite 289); waren die Ausschreitungen der ersten Nachkriegszeit bald vorüber und die dortigen Juden konnten sich innerlich und äußerlich konsolidieren. Es bedurfte bei uns, gottlob, nicht der Konsolidierung, denn die Sache war nicht so arg und schlimm, der politische Umsturz erschütterte nicht unsere Kultusgemeinden. Die schmerzlichen Ausschreitungen der „grünen Banden" (Seite 216) hatten gar keinen judenfeindlichen Hintergrund, die Plünderungen, die in Dörfern und einigen kleinen Ortschaften vorkamen, richteten sich gegen die Besitzenden, gegen die Reichen, wobei wohl leider auch Juden bedeutenden Schaden erlitten. Auch die bedauerlichen Ausweisungen, vornehmlich aus Bosnien, hatten keinen religiösen, sondern einen national-politischen Charakter. Darunter litten viele brave jüdische Familien, aber Katholiken und Protestanten teilten dasselbe traurige Geschick. Derartige Irrtümer könnten noch entschuldigt werden, aber ganz unverständlich bleibt das veröffentlichte statistische Material. Keine einzige angegebene Ziffer ist genau. Das von der Direktion des Statistischen Amtes im Jahre 1924 veröffentlichte Buch über die Resultate der Volkszählung vom 31. Jänner 1921 dürfte dem Verfasser nicht vorgelegen sein. Woher schöpfte er seine Daten? Das größte Unrecht erlitt die Kultusgemeinde in Sarajevo. Auf Seite 353 und 705 wird die Zahl der dortigen Juden mit 500 angegeben, während sie das Fünfzehnfache — 7458 — betrug. Auf Seite 353 sinkt ihre Zähl sogar auf 209, einige Zeilen weiter heißt es: „1910 wohnten in Sarajevo 6391 Juden, zumeist aus Oesterreich-Ungarn, die seither wieder abgewandert sind." Total erfunden. Die autochthone jüdische Bevölkerung bilden die Sefardim, ihre Gemeinde, wahrscheinlich die älteste Jugoslaviens, bestand schon im Mittelalter. Nach der Okkupation Bosniens siedelten sich jüdische Familien aus Oesterreich- Ungarn in Sarajevo an und gründeten die kleine Aschkenasim- Gemeinde. Wurde Sarajevo ganz unverdienter Weise so degradiert, so muß eine andere Kultusgemeinde ein fürstliches Geschenk bekommen. Dieses Glück wird unseren Brüdern des serbischen Ortes Sabac zu teil. 62 jüdische Seelen beherbergt das Städtchen, aber infolge der Munifizenz des Verfassers steigt ihre Zahl (Seite 353 und 705) auf mehr als das Fünfzehnfache und betrug rund 1000. Hoffentlich sind die Daten des elegant ausgestatteten Buches nur bezüglich Jugoslawiens ganz falsche. Kroatien bildete zwar mit Ungarn eine staatliche Gemeinschaft, der Kampf zwischen den Rechtsgelehrten drehte sich um die wichtige Frage, ob das Verhältnis ein koordiniertes oder ein subordiniertes ist, aber bezüglich der Verwaltung, der Justiz, sowie des Kultus und Unterrichts war es autonom. Die Autonomie beweist auch sein Gesetz über die Emanzipation der Juden. In Ungarn wurde die Gleichberechtigung der Juden im G.-A. XVII vom Jahre 1867 ausgesprochen, während die Emanzipation der kroatischen Juden erst am 21. Oktober 1873 sanktioniert wurde. Das aus 26 bestehende ungarische Gesetz spricht nur von der Gleichberechtigung der israelitischen Bürger, während unser vier Paragraphen umfassendes Gesetz auch die israelitische Religion erwähnt. Man glaubte daher, daß in unserem Gesetz auch die Rezeption der jüdischen Religion enthalten sei. Erst im Jahre 1884 erließ die kroatische Regierung eine Verordnung, laut welcher der Uebertritt zum israelitischen Glauben, auf Grund des erwähnten Gesetzes, nicht gestattet ist, bis die Modalitäten des Uebertrittes gesetzlich nicht geregelt werden, was bis heute nicht erfolgte. In Kroatien bestand das Einkammersystem. Im Sabor (Parlament) waren sämtliche katholischen und serbischen Bischöfe Virilisten, Protestanten und Juden hatten keinen Vertreter. Als im Jahre 1917 das Wahlrecht bedeutend erweitert werden sollte, hielt ich es für meine Pflicht, den damaligen kroatischen Minister in Budapest. Dr. Karl Unkelhäußer, einen Gentleman im edelsten Sinne des Wortes, zu befragen, ob mein Plan und Vorhaben, die Vertretung der Kalviner, Lutheraner und Israeliten von den maßgebenden Faktoren zu erbitten, Aussicht auf Erfolg haben könnte. Der liberale Staatsmann war von meiner Idee begeistert und riet, diese vollkommen berechtigte und gerechtfertigte Bitte in einem ausführlichen Memorandum dem Banus, seinem Stellvertreter, dem Ministerpräsidenten, sowie den Ministern GrafBatthyäny und Väzsonyi, der damals Wahlrechtsminister war, zu unterbreiten. Er als kroatischer Minister wird sich der Sache mit der größten Wärme annehmen und hofft auf vollen Erfolg. Die berufenen rangersten protestantischen Geistlichen erteilten mit herzlichster Freude und Wonne die nötige Vollmacht, und es war mir die höchste Genugtuung, daß das Memorandum den nichtjüdischen Ministern überaus gefiel. Nur unser Väzsonyi hatte Bedenken! Er berief sich auf das ihm heilige Prinzip, „das Judentum kennt keine Hierarchie" und meinte, nur die Kultusgemeinden hätten das Recht, einen „Rosch hakohol" zum Vertreter der Juden zu delegieren. Vergeblich berief ich mich auf den wichtigen Umstand, daß wir in Kroatien ein von unserer Regierung anerkanntes, von ihr selbst geschaffene konfessionelles Forum haben, das aus drei Oberrabbinern bestehende, von sämtlichen Rabbinern des Landes gewählte Vertrauenskomitee, aus dessen Mitte1 die Regierung die Wahl zu treffen hätte. Väzsonyi, mit dem ich in unseren Universitätsjahren befreundet war, setzte seinen großen Einfluß beim Banus, dem er zur Erlangung seiner Würde verhalf, ein, damit an meinem Memorandum die Korrektur vorgenommen werde, daß der Vertreter der jüdischen Konfession im Sabor der jeweilige Präsident der Zagreber Kultusgemeinde ist. Mit dieser Aenderung waren die christlichen Minister in Budapest nicht zufrieden, die Novelle wurde zur Sanktion nicht unterbreitet, sondern die Durchführung im Sinne des Memorandums verlangt. Das folgende stürmische Jahr hatte größere und schwierigere Probleme zu lösen. Es folgte der Zusammenbruch. Wäre der jüdische Minister nicht im Banne der Rabbinophibie gestanden, so wäre die parlamentarische Vertretung unserer Religion bei uns für kurze Zeit zur Wirklichkeit geworden. Ihre Verhinderung war Väzsonyis Werk. Wohl hat der geniale Mann in jüdischen Versammlungen oft feierlich erklärt, daß er die Vertretung der jüdischen Konfession im Sabor verlangte. Mit besonderem NachdTU.dc sei betont und festgestellt, daß er von der Aktion einzig und allein aus meinem Memorandum Kenntnis erhielt und durch seinen intransigenten Standpunkt das Inslebentreten der Novelle, welche Kalvinern, Lutheranern und Juden die parlamentarische Vertretung verschafft hätte, verhinderte. Er hätte dem konzilianten Vertreter der Leopoldstadt unbedingt opponiert Vor fünf Jahren betonte er in 7AC. MAYER Kleideru. 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