Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 27 (24.6.1927)
- Date
- 1927-06-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 IMMüüüiilll DIE WAHRHEIT Nachbarn hingegangen. Dort war es schon munterer. Wir waren mehrere Familien, aber alles hat müssen zu Boden sitzen, weil es derselbe Abend war, daß sie den Kampf aufnehmen sollten und jeden Moment haben wir erwartet entweder ein neues Aufleben oder den Tod. Aber der Allgütigste hat uns geschützt, es ist uns nichts geschehen. In aller Früh hat man noch gesehen die Kosaken herumreiten und ein paar Stunden später sind unsere Jungschützen vom Walde heruntergekommen, nachher die ganze Armee. Unsere Freude nach solchen Leiden war unbeschreiblich. Aber wie schrecklich war es, die Armen anzuschauen, voller Schmutz und vor Ungeziefer und vor Hunger konnten sie nicht auf den Füßen stehen. Das ging mir ungemein nahe. Manche Offiziere haben sich bei uns ein wenig aufgefrischt. Die Schwester gab ihnen frische Wäsche, und paar Stunden haben sie ausgeruht. Sie waren uns sehr dankbar. Den ganzen Tag haben wir geweint, wenn wir uns ihr Elend angeschaut haben. Gerade war es damals warm und ich bin ihnen entgegengegangen mit Erfrischungen. Sie sind direkt zusammengefallen. Und so sind sie weiter marschiert, durch andere Wälder gegen K. und gegen andere Stellen. So sind sie weiter vorgerückt, es hat nicht lange gedauert, sie waren schon nicht weit von S., nämlich in B. Plötzlich hat sich die Lage verschlimmert. Die Russen haben sich verstärkt und sie haben müssen sich zurückziehen. Sie sind aber schon nicht alle zurückgekehrt, wieviel vorgerückt sind, viele haben schon gefehlt. So ist es wieder sehr schlecht geworden, aber immerhin war von Flüchten keine Rede. Wir haben uns nicht vorgestellt, daß es dazukommen werde. Wie wir aber sahen, daß es nicht sicher sei, schickten wir die Magd nach R., um Näheres zu erfahren, weil bei der Schwester einquartiert war das Etapnenkommando. Da hat sie uns zur Antwort gebracht: „Noch warten". Es war am Abend, und wie wir den Brief lesen, macht meine Schwester die Tür auf und sieht, daß die Unseren schon auf dem Wege sind; nur 15 Minuten ist noch Zeit. So ließen wir alles zurück, und wir sind fort, nur das nackte Leben zu retten. Ein schreckliches Schauspiel war es, wie wir zusammen mit dem Militär geflohen sind. Die Leute sind vor Kälte zusammengefallen, es war eine schreckliche Schneeverwehung, über 1 Meter tief war der Schnee. Das Schreien der Verwundeten war entsetzlich, und fortwährend wird marschiert „Weiter! Vorwärts! Der Feind ist uns auf den Fensen!" Die Armen! Wie die gefallen sind vor Hunger und Kälte! Man wußte nicht einmal, wohin man laufen sollte. So sind wir in M. angelangt und dort mußten wir 2 Stunden warten, bis der Weg frei wurde. Denn es war unmöglich zu passieren, so viele Leute waren auf den Straßen. Dann heißt es weitergehen! Ich trug das Kind meiner Schwester auf den Armen. Die anderen trugen die anderen Kinder und so spazierten wir den ganzen Tag, bis wir erst am Abend nach N. kamen. Meine Schwester, das ist die schwache Mutter von den beiden Kindern, ist einigemal auf dem Weg in Ohnmacht gefallen. Den ganzen Weg haben die Kinder vor Hunger geweint. Die Kanonenschüsse und die Mörsermusik haben uns begleitet. Wir beabsichtigten in N. auszuruhen. Aber vergebens war unser Plan, es waren sehr wenige Häuser zurückgeblieben und diese waren auch voll. So sind wir bis spät in die Nacht draußen gestanden. Ich bin herumgegangen in der ganzen Stadt ein Zimmer suchen, aber leider keines gefunden. In einer Gasse war ein Kürschner. Der hatte sich eine Baracke aufgebaut. Da aber seine Frau allein zu Hause war, war sie so lieb und erbarmte sich meiner kranken Schwester und der Kinder und hat uns hereingelassen. Dann ist ihr Mann gekommen, der wollte uns hinauswerfen, aber unter schwerem Flehen und Bitten und um teures Geld ist er ein wenig beruhigt worden und hat uns schon gewähren lassen. Die Frau hatte doch besseren Charakter und ließ die Schwester mit den Kindern auf einer Pritsche niederlegen, und ich habe mich in einem Winkel hingestellt und habe den Tag erwartet Die Nacht war sehr, zu lang. Also, in aller Früh haben wir die Baracke verlassen müssen, und nun waren wir wieder den ganzen Tag obdachlos, erst vor abends traf der Schwager bekannte Offiziere, die bei ihm wohnten. Die haben sich gleich nach unseren Verhältnissen erkundigt und eine Wohnung angeschafft. Baron v. Schw., als Oberstleutnant, hat uns lassen Nachtmahl kochen und brachte selbt das Essen. Ach, wie glücklich war ich, als ich meine schwache Schwester mit den Kindern ins Bett gelegt hatte, und wir haben schön auf dem Fußboden geschlafen. (Fortsetzung folgt.) Die Judenlochter. Es war eine schöne Jüdin, Ein wunderschönes Weib, Sie hatt' eine schöne Tochter, Ihr Haar war schön geflochten, Zum Tanz war sie bereit. „Ach, liebste, liebste Mutter! Was tut mir mein Herz so weh! Ach, laßt mich eine Weile Spazieren auf grüner Heide, Bis daß mir's besser wird." Die Mutter wandt' den Rücken, Die Tochter sprang in die Gass', Wo alle Schreiber saßen: „Ach, liebster, liebster Schreiber! Was tut mir mein Herz so weh!" „Wenn du dich lässest taufen » Luisa sollst du heißen, Mein Weibchen sollst du sein." „Eh ich mich lasse taufen, Lieber will ich mich versaufen Ins tiefe, tiefe Meer. Gut Nacht, mein Vater und Mutter, Wie auch mein stolzer Bruder, Ihr seht mich nimmermehr!" * Die Sonne ist untergegangen Im tiefen, tiefen Meer! Arnim-Brentano (nach einem Volkslied). Brief aus Jugoslawien. Vom Oberrabbiner Dr. Julius Diamant (Vukovar). II. Die angebliche Geschichte mit unserem altehrwürdigen Schofar dürfte manchem Leser bekannt sein. In einer ungarischen konservativen Kehillah versah Jahre hindurch das Ehrenamt des ersten Schofarblasers mit 30 Tönen, ein frommes Gemeindemitglied, das die Sympathie des mächtigen Gabbaj verlor und daher an den nächsten Neujahrstagen nur mit dem zweiten Blasen beehrt wurde, wobei zusammen nur 12 Töne erschollen. Der in seiner Ehre tief Gekränkte nahm die Hilfe des Bezirksvorstehers in Anspruch, bei dem er vom Gabbaj wegen der ihm zugefügten schweren Beleidigung Genugtuung verlangte. Der allgewaltige Hüter der Ordnung läßt sich den Fall genau schildern und ruft. dem Kläger zu: „Warum haben Sie die Torheit begangen, nur je vier Töne hervorzubringen, Sie hatten ja den Schofar in der Hand und hätten jedesmal 12, zusammen 36 Töne hinausschmettern können, um den ersten zu überflügeln." An diese Erzählung werde ich beim Schreiben dieser Zeilen erinnert. Wenn ich schon die Feder in der Hand habe, um über Ereignisse der letzten Monate zu berichten und der in unseren Kreisen noch immer herrschenden Rabbinophobie zu erwähnen, denke ich unwillkürlich an eine Begebenheit, deren Schauplatz vor einigen Monaten das ungarische Abgeordnetenhaus war. Der wackere und tapfere Vertreter der B'u da pester Leopoldstadt, der ungarischen City, Paul S ä n d o r, richtete namens der ungarischen Judenheit einen warmen Appell an die Regierung, dafür sorgen zu wollen, daß sie im Oberhause durch je. einen neologen und orthodoxen Rabbiner vertreten sei, um auch auf diese Weise deutlich und klar zu beweisen, daß die Juden nur eine Glaubensgemeinschaft bilden, deren Vertreter, wie bei anderen Konfessionen, ihre Seelenhirten sind. Wie mußte ich beim Lesen seiner fulminanten Rede, den Lenker der Geschichte loben und preisen, der im. Laufe einiger Jahre die Neutralität der neologen Führer in Ungarn so gründlich änderte. Diese objektive Mitteilung möge auch dem künftigen Schreiber unserer neuesten Geschichte einige winzige Bausteine liefern. „Die Wahrheit" sei, ihrem hehren Namen gemäß, eine lautere Quelle für die Geschichtsforschung. Seine Aufmerksamkeit wird dadurch auf die Geschichte der Juden in den Königreichen Kroatien und Slavonien gelenkt werden, was von ganz besonderer Wichtigkeit ist. Kroatien