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Die Wahrheit · 1927-06-24 · Heft 27 (24.6.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 27 (24.6.1927)
Date
1927-06-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Ö1E WAHRHEIT ■■■HHHBMB Seite 1 Pferde machten noch paar Schritte und die Kugeln flogen schon über unsere Köpfe. Herr R. rannte an Ort und Stelle herbei, er war erschrocken, ob wir nicht beschädigt wurden, wir waren sprachlos vor Angst. Einer unserer armen Husaren war auf der Stelle tot, zv/ei verwundet und die übrigen sind entronnen. Der brave Herr R. führte uns zu einem Bekannten, wo wir schon die ältere Schwester mit den Kindern antrafen. Dort haben wir uns ein wenig beruhigt. In S. waren vorläufig keine anderen Kosaken, außer dieser Patrouille. Meine ältere Schwester kehrte zurück nach R., um einige Kleidungsstücke zu holen. Auf dem Wege haben sie die Kosaken überfallen. Wieviel Geld sie gehabt hat, ist weggeraubt worden. Kaum noch lebend war sie, als sie nach S. zurückkehrte, sie war überhaupt sprachlos, aber der Jude, der mit ihr gefahren ist, hat uns die Katastrophe erzählt. Um elf Uhr in der Nacht begann der neue Einmarsch der Kosaken.- So wie die Sterne am Himmel unmöglich zu zählen sind, so war es unmöglich zu unterscheiden, wieviel Tausende es waren, fortwährend Tag und Nacht, es war schrecklich, die Panik anzuschauen, die Juden beraubt, geplündert, gemordet. Wenn die einem Juden auf der Straße begegneten, gleich wurde er getötet. Die Russophilen führten die Feinde überall hin und zeigten an, wo Juden wohnen und wo sie ihr Vermögen haben, damit sie nicht lange zu suchen brauchten. Den Russophilen hat überhaupt damals das Glück zugespielt. Die haben mit den Leiden der Juden sich gefreut, und was sie verlangten, ist durch die Kosaken von den Juden genommen worden. Wir waren fünf Familien in einem kleinen Zimmer versteckt, und so haben wir dort zehn Tage zugebracht. Dann habe ich gesehen, so geht es nicht weiter. Die Barbaren waren schon überall. Sie näherten sich bereits der Gasse, wo wir versteckt waren, und so gab ich den Rat, wir sollten nach M. zurück. Und so geschah es auch. Der Herr R. kam um uns, auf einem Umweg, wo die Kosaken nicht waren, kehrten wir nach M. zurück, es war gerade ein Tag vor Roschhaschono. Als wir in M. ankamen, trafen wir dort Flüchtlinge aus N. und S. Es ist noch manchmal auch eine österreichische Patrouille von den Karpathen heruntergekommen, aber nicht lange hat es gedauert. Bald darauf hat man keinen von unseren Soldaten gesehen. Und langsam wurde es um uns immer mehr finster, der Himmel war für uns bewölkt. Die Feiertage haben wir ruhig zugebracht, ohne Gäste, d. h. ohne Kosaken, nur mit Angst und Schrecken. Den ersten Tag nach den Feiertagen quartierten sich hundert Kosaken in der Dampfsäge ein. Wie die Räuber uns erblickten, sind sie gleich auf uns zu, es war schauderhaft, um acht Uhr früh so einen Besuch zu empfangen. Ich hatte mich in ruthenische Nationaltracht gekleidet, von meiner Schwester das Kind auf die Hände genommen, und die andere Schwester hatte noch zu jener Zeit ihr einziges Kind, und so saßen wir beide mit den Kindern auf den Händen von früh bis abends. Die schwangere Schwester hat die Rolle als Köchin gespielt. Zu unseren Gunsten waren einige Offiziere, die sich anständig benahmen, dabei, darunter zwei Aerzte aus Russisch-Polen. Die haben sich ein Mittagessen angeschafft, und was wir noch Vorrat an Lebensmitteln hatten, haben sie weggenommen. Wir waren froh, daß sie uns in Ruhe ließen. Zu bemerken ist, daß die armen Kinder den ganzen Tag von Wasser lebten, weil die Feinde uns bis auf das kleinste alles weggenommen haben, aber wenn wir uns die anderen anschauten, waren wir noch die Glücklichsten. Die Feinde besuchten uns jeden Tag, auch von S. sind immer welche hinzugekommen, und die pflegten den letzten Bissen Brot wegzunehmen. Wir waren direkt einer Aushungerung nahe. Eines Tages war es derart arg, daß man hat fahren müssen, im nächsten Dorf Lebensmittel suchen; mit schwerer Mühe haben wir auf der Kohle gebratenen Gerstenteig, darin mehr Kohle als Mehl war, gekriegt, und mit gebratenen Kartoffeln pflegten wir das zu essen. Und so haben wir Monate zugebracht in Hunger und Schrecken, meine Schwester war im Wochenbett und es war kein Stückchen Zucker aufzutreiben zum Tee. Das einzige Glück war, daß wir die Kuh gehabt haben, und haben wir uns mit dem bißchen Milch ernährt, nicht nur wir, sondern es waren mehrere Familien mit kleinen Kindern. Keinen Tropfen Suppe hatte die schwache Wöchnerin. Und dazu hat sie einen Buben geboren. Der achte Tag war herangenaht, d. h. der Tag der Beschneidung, wie bei uns Juden vorgeschrieben ist. In die Stadt konnte man nicht kommen, kurz, wir waren voll Aerger und Kummer. Zufälligerweise ist ein Jüngling in S. von den Juden in Zivil verkleidet worden und der hat einen russischen Kommandanten erschossen. Dagegen haben die Feinde aufs neue begonnen, an den Juden Rache zu üben mit schrecklichen Greueltaten. Da haben die Armen bis auf weiteres sich entfernen müssen und sind sämtlich zu uns gekommen. Es war zwischen den Flüchtlingen ein Rabbiner und wir haben laut Vorschrift, das Beschneidungsfest gefeiert. Wie meine Schwester das Bett verlassen hatte, ist der einzige Bub der älteren Schwester an Stockkatarrh erkrankt, und bis drei Tagen ist er zu den Vätern versammelt worden. Kein Arzt war aufzutreiben*, und so ist er rettungslos gestorben. Es war ein dreijähriger Bub, eine symbolische Schönheit, direkt eine Venus. Die Mutter von dem Kinde war einem Wahnsinn nahe, auch noch heute kann sie es nicht verschmerzen. Zu allem übrigen ist sie erst schwer erkrankt, es war halt nicht zum Aushalten, und dann, wie es ihr ein wenig besser gegangen ist, ist sie nach R. zur älteren Schwester zurückgefahren und ich bin hier mit dieser Schwester zurückgeblieben. Der brave Herr R. hat uns alles besorgt. Er ist um Einkäufe gefahren, damit ich meine schwache Schwester und den Säugling pfiegen konnte. Er hat uns nicht verlassen, in der größten Not ist er uns zu Hilfe gestanden. Ende Februar haben sich die Unsrigen schon genähert. Bei uns haben noch immer die Russen gewirtschaftet. Eines Tages sollte ein Kampf aufgenommen werden und haben sie sich in der nächsten Nähe von unserer Wohnung verschanzt. Unsere Wohnung war nämlich in der Ebene, auf dem Berge haben sie sich verschanzt. Die Wache war am Berg und wir konnten nicht einmal auf den Hof hinausgehen, sonst haben sie geschossen und Steine geschleudert. Sogar die Fenster mußten verstellt sein mit den Rouios, v/ir waren eingekerkert derart, daß wir uns nicht einmal vorstellen konnten, daß wir noch einmal die lebendige Welt sehen werden. Das Leiden wäre doch nicht so groß gewesen, aber die Russophilen sind überall herumgegangen auszuspionieren, wo unser Militär steht und haben unaufhörlich die Feinde aufgehetzt, und infolge der Spionage der Verrater haben die Russen dort wollen den Kampf aufnehmen. Sie haben Signal gegeben, aber es ist nicht erwidert worden. So sind sie weiter in die Karpathen gestiegen, aber vergebens, fast die Hälfte ist zurückgekehrt. Unser Elend war unerhört. Wir waren halt lebendige Leichen, und wenn ich noch die unschuldigen Kinder anschaute, ist mir der letzte Tropfen Blut entronnen. Der Säugling an der Brust! Und das ältere Kind hat gräßlich gezittert und hat fortwährend gefragt: „Mama! Wann werden wir schon den Papa sehen? Wann werden wir die Kosaken los werden? Höre, Mama, die schießen schon wieder. Aber weine nicht, Mama, bald gehen die schon wieder fort." Und so hat uns das Kind mit seinen trostvollen Worten aufgemuntert, und der kleine Säugling mit seinem süßen Lächeln. Es war schon am letzten Samstag abends, da haben wir uns herausgeschlichen mit den Kindern und sind zu unseren guten 1^ BELFAB RIK FERNSPRECH~NUMMER 45-i-gi M^SrfipPEHHEIM WIEN, 2. BEZ., PRA TERSTRASSE NR. 30 ^^^^^^^^^^^^^^^^m Reiche Auswahl solid gearbeiteter Möbel zu billigsten Preisen

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