Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 27 (24.6.1927)
- Date
- 1927-06-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 BH110D schwört und es hält, wer sein Geld nicht auf Wucher gibt und nicht Geschenke nimmt über den Unschuldigen. Wer das tut, wird wohl bleiben. Solcher großen Weisungen finden wir viele, sehr viele in unseren Psalmen und bei unseren Propheten. Mit Recht weist Lazarus: „Die Ethik des Judentums", I. 1899, S. 175, darauf hin. daß die politische Geschichte der Juden infolge Kleinheit des Stammes in Nichts verlief, während das Erzeugnis des prophetischen Geistes bis auf den heutigen Tag zu den höheren Gewalten gehört, die in der Geschichte des inneren Lebens der Kulturvölker mächtig sind. Wenn wir also den Propheten besondere Aufmerksamkeit zuwenden, erfüllen wir auch eine hohe, allgemein kulturelle Aufgabe. Die politische Geschichte der beiden Reiche bewegt sich seit der Teilung des Reiches in inneren Zwistigkeiten und mußte den Angriffen der mächtigen Nachbarvölker unterliegen. Bei ihrer Behandlung in der Schule und bei ihrer Darstellung soll das Hauptgewicht auf die Könige gelegt werden, welche in den Wegen Gottes wandelten und David nachstrebten. Auszugehen hat man aber von den Prophetenworten und von den historischen Psalmen, also von jenen Gesängen, die auf geschichtliche Ereignisse hinweisen. Die Reden und Kundgebungen der Propheten von Samuel an sind aber als Kunstwerke die Erreger des jugendlichen Interesses, sie sind als Erzeugnisse erhabener Schönheit die Quellen für das Gute, denn im Kinde arbeitet das Schöne dem Guten vor, sie sind aber auch die bedeutendsten, wahrsten und belehrendsten Geschichtsquellen, wie sie kein Kulturvolk besitzt. Von ihnen gehen wir aus und an ihrer Hand erzählen wir das Schicksal Israels und Judas bis zum Untergang, aber auch durch Jeremia, Esra und Nehemia die Rückkehr nach Palästina. Der kundige Lehrer, der das Schrifttum beherrscht, der von Begeisterung für die Geschichte des Volkes erfüllt ist, wird die rechte und richtige Auswahl aus den Propheten und Psalmen finden. Historisches hat er daraus zu schöpfen, aber vor allem die hohe Sittlichkeit. Ist ein solcher Lehrer imstande, dauernd die Teilnahme für diesen kostbaren Kulturschatz des kleinen Judenvolkes in den Herzen der Jugend zu entflammen, so hat er seine Pflicht getan. Er soll sie aber in der Originalsprache lesen. Das ethische Pathos der Bibel kann nur in der eigenen Sprache empfunden werden. Wie die Griechen den Kindern den Homer gaben, so müßten wir ihnen die viel höher stehende Bibel geben. Auch nicht die beste Uebersetzung kann den Gefühlsinhalt des einzelnen, originären Wertes ersetzen. Zudem ist die Sprache auch die unserer Gebete und diese sind die Offenbarungen unserer Wünsche, Hoffnungen und Befüchtungen. Vom Originalwort geht also von selbst die große Empfindung aus. Nur kurze Anstrengung und wenige Zeit werden bei hingebender Lehrtätigkeit nötig sein, um die Jugend in die Sprache der Bibel einzuführen. Gelingt dies bei den alten Sprachen, die man die klassischen nennt, so wird dies?uch beim Hebräischen oder Aramäischen gelingen. Und die Makkabäergeschichte, Daniel, Hiob, Ruth, Esther sollen auch im Original vorgeführt werden. Sie sind auch Erbauungsschriften. Ihr Platz in der Schule ist dort, wo die politische Geschichte es erfordert Die Geschichte der Juden nach der Rückkehr aus Babylon soll bis zur Diaspora verfolgt werden. Dann ist unsere Geschichte ein. Kampf um das Leben und vor allem eine Geschichte der Fortentwicklung des Schrifttums. Unsere Kinder sollen davon wissen, aber eine Vertiefung in das, was man die jüdische Geschichte (Dr. M. Braun) nennt, in die Geschichte der Lehrhäuser, in die Entstehung des Siddur, in Maimonides, Raschi, Charisi und so weiter ist nur denjenigen möglich, welche sich mit der Fortentwicklung des jüdischen Schrifttums befassen. Das ist Sache der jüdischen Gelehrten. Unsere Kultur ist viel mehr von der der Wirtsvölker beeinflußt als von diesen Schriften. Ueber die Verteilung des Lehrstoffes und der Lehrweisen soll unsere letzte Darstellung, die Kritik des vorhandenen darauf bezüglichen Materials, handeln. -ws Kesfaaratton in Salzburg *m Hennann Kohn Wolfdietrfctistraße Nr. 14 Mäßige Preise! Mäßige preise! Jüdische Frauenideale*). (Fortsetzung.) Eine jüdische Dorothea. Kriegserlebnisse der J. S. (1914—1917.) Während der allgemeinen Mobilisierung erkrankte ich infolge der Aufregungen und kam in ärztliche Behandlung unseres Hausarztes Dr. D. Er befahl mir, nach M. zu fahren, dort hatte ich eine Schwester, und er behauptete, daß ich mich dort erholen würde. Ich trug aber Bedenken, dorthin zu fahren. Erstens liegt es ziemlich weit entlegen von einer Stadt und zweitens hatte ich Furcht, weil die Russen schon in Galizien eingerückt waren. Dr. D. beruhigte mich aber und erklärte mir, daß die Russen dorthin nicht kommen könnten. Ich entschloß mich also und fuhr hin. Zu meinem Unglück, als ich hinkam, wurde mein Schwager interniert, da er russischer Untertane war. Er mußte die Schwester mit einem Kind von 2ü Jahren zurücklassen und wurde nach Linz weggeschickt. Die Umgebung von Stanislau hatte zu flüchten begonnen und die Kanonade war schon halb und halb bei uns hörbar. In der Nachbarschaft meiner Schwester wohnte der Schullehrer der Ortsvolksschule, ein Russophile. Er kam zu uns und sagte: „Sie wissen? Die Russen sind schon in Stanislau". Wir fragten ihn, woher er das wisse. Er aber sagte ironisch: „Ich soll das, dicht wissen? Sie werden auch hierher kommen". Die Beamten der Dampfsäge hatten sich alle auf die Flucht begeben und wir blieben allein zurück. In demselben Hause mit meiner Schwester wohnte noch eine Frau mit fünf Kindern, von der auch der Mann als russischer Untertan interniert wurde, und so pflegten wir voreinander Jede ihre Leiden zu schildern. Nicht weit von uns wohnte ein Herr G., Eigentümer eines Wirtshauses, ein edler Mensch. Eines Tages kommt Herr G. zu uns und sagt uns, sein Rat wäre, daß wir flüchten sollten. Weil meine Schwester, und die Nachbarin russische Männer hatten, werde es keine guten Folgen tragen, wenn die Russen kommen. Da aber die Beamten alle schon fort waren und alle Gespanne mit sich genommen hatten, hatten wir kein einziges Fuhrwerk. Zu Fuß konnten wir auch nicht fort, da meine Schwester sehr schwach war und dazu noch in gesegneten Umständen. Plötzlich kehrte einer von den Beamten zurück, ein Bukowinaer namens R., ein sehr braver junger Mann. Sein edles Gewissen plagte ihn unseretwegen und er hatte ein Fuhrwerk aufgetrieben in der Absicht, wir sollten nach S. fahren, und von dort weiter. Mittlerweile kam mein älterer Schwager, der in R. wohnte, um uns zu holen, während seine Angehörigen schon in S. waren. Sogleich packte ich das Nötige ein, die Kuh wurde mitgenommen, damit wir für das Kind Milch hatten, und so haben wir uns auf die Flucht begeben, sonst alles bei dem Wächter zurückgelassen. Mein Schwager mit dem guten Herrn R. führten die Kuh und ich habe kutschiert. Auf dem Wege nach S. begegnete uns ein junger Mann, der uns den Bericht erteilte, daß die Kosaken schon in S. eingetroffen waren. Wir kehrten bei einem Bauern ein und hielten uns bei ihm bis am Abend auf. Zurückkehren konnten wir nicht, sondern wir mußten weiterfahren. Wir waren kaum einen Kilometer vor der Stadt und schon waren die Horden sichtbar. Von der Ferne haben wir gesehen, wie ein Ruthenenbursche von ungefähr zehn Jahren den Kosaken gezeigt hat, wo sich noch einige ungarische Husaren im Walde aufhielten. Die *) Auf vielseitigen Wunsch nehmen wir die durch äußere Umstände, wie Wahlen usw., unterbrochene Reihenfolge dieser Beiträge wieder auf, die in unserem Leserkreise allgemein lebhaften Beifall gefunden haben. Diesmal veröffentlichen wir Aufzeichnungen eines jüdischen Mädchens das die Flüchtlingsmisere ausgekostet und eine Umsicht und eine hilfsbereite Tapferkeit an den Tag gelegt hat, durch die sie an die Heldin in Goethes „Hermann und Dorothea" erinnert. Ihre schlichten Schilderungen, deren Form der Herausgeber nur In ganz wenigen Fällen dem Verständnis unserer Leser anzupassen für ratsam hielt, waren ursprünglich nicht für die Veröffentlichung bestimmt. Die Stelle, an die sie gerichtet waren, hat sie mit Einwilligung der Verfasserin Herrn Dr, Gr, zur Verfügung gestellt. D, Red. •»