Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 27 (24.6.1927)
- Date
- 1927-06-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 ffi «iiii!^ llllllillllllilii! DIE WAHRHEIT deutschland herum, führte — nach zeitgenössischen Quellen — das Werk in reicher Ausstattung an Kostümen auf und soll großen Zulauf gehabt haben. Außer den Purimspielen gab es im Ghetto noch eine andere Gelegenheit zur Betätigung künstlerischer Veranlagung. Das waren die Hochzeiten, bei denen der Lustigmacher, der Marschalik, seinen Geist ieuchten lassen durfte. Er war berufen, die Festlichkeit mit heiteren Arabesken zu umziehen, vertrat etwa die Rolle des Hofnarren, und je flinker sein Witz, um so höher war seine Entlohnung. In wenigen Ausnahmefällen, die sich fast nur auf Westdeutschland beziehen, drangen jüdische Schauspieler über die Ghettomauern hinaus, aber erst als eine neue, humanere Zeit den Juden wenigstens äußerlich aus dem Ghetto erlöste, bot sich ihm die Möglichkeit, wirklich Fäden zum Theater zu knüpfen, diesem als Darsteller oder als Förderer der Kunst zu dienen. Die Gabe scharfer Beobachtung, das lebhafte Temperament, die Fähigkeit der Einfühlung, diese echt orientalischen Eigenschaften, lassen den Juden prädestiniert erscheinen für den schauspielerischen Beruf. Hinzu kommt meist eine glühende Phantasie, die den Nachscharf enden zum Erlebenden macht und ihn nicht selten über die Aufgabe hinaushebt. Der Jude ist von Hause aus Idealist — die Profitgier und der Schachersinn, die man ihm nachsagt, sind die Folgen eines Jahrhunderte währenden Druckes und einer Entrechtung, die ihn, den Wehr- und Waffenlosen, zwang, zur Abwehr sich der Waffen des Geistes zu bedienen. Das Gesetz der Anpassung hatte den Juden erzeugt, der die Verachtung der ganzen Welt auf sich lud, die Verachtung derer, die zwar die Wirkung sahen, sich aber nicht klar darüber waren oder sein wollten, daß sie die Ursache waren. Der Idealist mißt das Reale mit dem Maßstab seiner Ideale: nicht wie die Dinge sind, sondern wie sie sein sollten, ist für ihn entscheidend. Kein Wunder, daß die unterdrückten, verfolgten Juden beim Idealismus ihre Zuflucht suchten, wie es ebensowenig ein Wunder ist, daß die Behandlung, die kurzsichtiger Fanatismus ihnen angedeihen ließ, bei ihnen Klugheit in List umformte. Vorherrschend jedenfalls war trotz allem bei ihnen stets der Idealismus. Wie hätten sonst ihre Gelehrten ein langes Leben an uneinträgliche, haarspalterische Talmudauslegungen setzen sollen! Wie hätten Menschen, die dauernd gehetzt und gepeinigt waren, sonst mit solcher Zähigkeit und ergreifenden Opferbereitschaft an der Väter Glauben festhalten sollen, da sie doch wußten, daß ein Uebertritt zur Staatsreligion ihnen zugleich den Weg in die Freiheit auftat. Auch als die „Emanzipation" der Juden Ereignis wurde, blieb dem Juden noch die Mehrzahl der gehobenen geistigen Berufe verschlossen, und wenn sich ihm auch die Universitäten öffneten — seine wissenschaftliche Laufbahn war begrenzt durch ungeschriebene Gesetze. Der Staat duldete, daß der Jude strebte und forschte zum Nutzen der Allgemeinheit, aber es fiel ihm nicht ein, solche Arbeit durch Verleihung von Amt und Würden offiziell anzuerkennen. Ein jüdischer Staatsanwalt? Ein jüdischer Richter? Unmöglich! Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, und die sie erst recht dem Juden bedeuten, weil dieser Schein sich ihm für wenige Stunden des Spiels zu einem glücklicheren, durch keine kleinlichen Vorurteile beengten Sein wandelt, ist er nicht verfemt. Hier, im Reich der Kunst entscheidet allein das Können, und der Prinz aus Genieland ist allen anderen Prinzen aus Genieland ebenbürtig. Einem Davidson, einem Dessoir, einem Sonnenthal hat man ebensowenig ihre jüdische Abstammung zum Vorwurf gemacht, wie man daran Anstoß nimmt, daß Max P a 1- 1 e n b e r g, seine Gattin, Fritzi M a s s a r y, der Intendant J e s s n e r, Adolf L'A r r o n g e und so viele ausgezeichnete Künstler aus einem nichtarischen Nest ausgeflogen sind. Bei dieser Gelegenheit möchte ich übrigens eine kleine Anekdote einflechten: Als Davidson einst im Wiener Burgtheater als König Philipp in „Don Carlos" gastierte, fragte er im Charakter der Rolle Sonnenthal-Posa: „Ihr seid Protestant?", worauf dieser — ebenfalls wie die Rolle es vorschrieb — entgegnete: „Ihr Glaube, Sire, ist auch der meine." Aber er untere strich die Worte, und das Publikum schmunzelte verständnisinnig .. . Man muß nicht charakterlos sein, um aliabendlich in einen anderen Charakter schlüpfen zu können, — man braucht nur die Anpassungsfähigkeit des Juden zu haben. Die Keime zu solchen Qualitäten sind ohne Zweifel in der Urheimat des jüdischen Volkes beschlossen, entwickelt und zur Reife gebracht hat aber auch sie das Ghetto. Und fast unmittelbar aus der Enge des Ghettos drangen jene jüdisch-galizischen Schauspielertruppen hervor, die ihre Kunst im „jiddischen" Jargon vermitteln, Meisterwerke der Weltliteratur in diesen Jargon übertragen und dem Geschmack und der Fassungskraft ihrer Zuhörer angleichen. Ein Rudolf Schildkraut kam aus ihren Reihen, und mancher andere Künstler der deutschen Sprechbühne hat sich bei ihnen die Sporen verdient. Der Prozentsatz der jüdischen Schauspieler ist verhältnismäßig groß, größer als der der jüdischen Bühnenleiter. Denn man darf hier nicht nach besonderen Verhältnissen urteilen. In Berlin, z. B. sind tatsächlich die meisten und bedeutendsten Bühnen in den Händen der Juden — ganz gewiß nicht zum Schaden der Kunst. Oder will man behaupten, daß MaxR e i n h a r d t,augenblicklich wohl der erste, genialste Theatermann der Welt, nicht bemüht wäre, die von ihm geführten Unternehmungen auf einem Niveau zu halten, das der großen Kunstzentren Wien und Berlin würdig ist? Was Max Reinhardt geleistet hat und noch leistet, gehört der Theatergeschichte an und bildet eines ihrer interessantesten und ergiebigsten Kapitel aus der neuen Zeit. Reinhardt ist derTypusderidealistischeingeste Ilten Juden, wie es vor ihm Ludwig B r a h m, der unvergessene Leiter des Berliner Lessing- und Deutschen Theaters war. Man spricht verächtlich vom „Theater als Geschäft", man übersieht aber dabei, daß von jeder größeren Bühne Hunderte von Existenzen abhängig sind, und daß erst auf der soliden Grundlage eines die Kassen füllenden Stücks die Möglichkeit zu Experimenten mit den Werken junger Autoren oder mit Dramen gegeben ist, von denen von vornherein feststeht, daß sie nur eine kleine Gemeinde finden werden. Wenn die jüdischen Bühnenleiter dies erkannt haben, so beweist es nur ihren Scharfblick, und sie können jedenfalls für sich gel-