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Die Wahrheit · 1927-06-24 · Heft 27 (24.6.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 27 (24.6.1927)
Date
1927-06-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT mit Ihnen aussprechen. Sie halten,etwas darauf, ob man seinen Vorfahren treu bleibt in Leben und Lehre. Wenn Sie mich fragen: „Glaubst Du dem Gott Abrahams, Isaks und Jakobs?" so muß ich antworten, daß weiß ich nicht. Wenn Sie mich einladen, einen fremden Glauben anzunehmen, so muß ich antworten: nein. Kann ich schon meiner Väter Glauben nicht mehr festhalten, wie soll ich mich einem fremden verpflichten?" Dieses Wort sollten sich täglich alle diejenigen vor Augen halten, die noch heutzutage glauben, mit Rücksicht auf ihre Kinder eine ihnen lästig gewordene Religionsangehörigkeit aufzugeben. Ehrliche Geistliche haben übrigens das Argument des jungen Ritters von Hark ganz von selbst den Taufaspiranten vor Augen gehalten. Der Prediger Moliere fragte einst einen solchen Uebertrittskandidaten, wie Varnhagen von Ense in seinen Tagebüchern vom 19. April 1841 erzählt, ob er denn ein rechter Jude sei, und alles Jüdische glaube? „Nein, ganz und gar nicht, und deshalb wolle er sich lossagen." „Was?" ruft der Geistliche, „Sie glauben nicht an den alten Bund und die Propheten? Dann können Sie auch kein Christ sein", und wies ihn zurück. J. V. Widmann, der hervorragende Schweizer Dichter und Schriftsteller, zeigte die Absurdität der Judentaufe an einer historischen Parallele: „Den Juden zuzumuten, jene endliche, geistige höhere Freiheit aufd'em Umwege eines. Durchganges durch das Christentum zu erlangen, wäre ebenso verkehrt als jene vom Apostel Paulus bekämpfte Ansicht der ersten Judenchristen eine verkehrte war, welche bekanntlich dahin ging, die zum Christentum sich bekehrenden Heiden müßten erst die Beschneidung annehmen und überhaupt pf.u Feuilleton Der Friedensheld. Von Dr. V. Kur rein. Die ganze Gemeinde sah, daß Ahron binseschieden war; da beweinte das ganze Haus Israel Ahron dreißig Tage. IV, 20, 29 Die Helden des Krieges sind immer gekannt und gerühmt. Denkmäler künden ihre Taten, Heldenlieder erklingen ihrem Lob. Mit dem Beinamen „Der Große" schmücken und ehren Geschichte und Menschheit die Herrscher, die die meisten, größten und erfolgreichsten Kriege geführt, Nationen unterworfen, Länder erobert und dem eigenen Reiche die größte Macht verliehen haben. Kurz und dürftig, nichtssagend und fast leer sind die Blätter des Geschichtsbuches, die von jenen Fürsten erzählen, die ihr Leben, ihre Arbeit, ihren Einfluß und ihre Kraft aufbrauchten, Kriege zu vermeiden, Frieden außen und innen zu halten, innere Wohlfahrt, bürgerliches Glück und segensreichen Wohlstand durch Werke des Friedens zu fördern. Ihr Name und Ruhm verblaßt vor dsn Kriegshelden, und die blinkende Pflugschar erscheint verächtlich und gering neben dem bluttriefenden Schwerte. Ahron, der Hoheßriester, ist gestorben. Sang- und klanglos wird sein Tod berichtet, kein wortreicher Nachruf seinem Wirken gewidmet — alles, was geschieht, ist eine dreißigtägige Trauer. Es ist auffallend wenig, zumal wir gewohnt sind, dem dahingeschiedenen Glaubensbruder Worte der Anerkennung und Würdigung nachzurufen. Ahron war nicht unbeliebt, hatte Leistungen und Verdienste im Leben, so daß sein Heimgang einen großen Verlust bedeutete. Wäre selbst seine Stellung weniger hervorragend, er nichts weiter als der Bruder Moses gewesen, es hätte genügt, ihm einen ehrenvollen Nachruf zu sichern. Aber nichts erst durch das Judentum zum Christentum übergehen." Und sind denn die Konvertiten alle ihres Uebertrittes froh geworden? Man denke nur an Heinrich Heine oder aus d!er neueren Zeit an den hervorragendsten deutschösterreichischen und deutschjüdischen Staatsmann und Gelehrten Josef U n g e r, der im vorgeschrittenen Lebensalter wiederholt im vertrauten Kreise sich bittere Selbstvorwürfe gemacht und d|em Baron Moritz Königswarter gegenüber geäußert hat, „daß er sich seine Taufe lange nicht verzeihen könnte". Unger, dieser bedeutende Jurist und prächtige Mensch, hätte sich eben vergegenwärtigten sollen, was Hebbel seinem jungen jüdischen Freunde und späteren Biographen Emil Kuh, als dieser sich ebenfalls mit Uebertrittsgedanken trug, warnbnd vor Augen gehalten hat: „Der Jude ist gerade so schlecht wie der Mensch. Ich denke zu groß vom Menschen .... um nicht daran festzuhalten, daß er die k 1 e i n e n H i n d e r n i s s e, welche die R a s s e ihm allenfalls in den Weg legen mag, durch die kleinste sittliche Anstrengung überwinden kann. Söhnen Sie sich mit Ihrer Nation wieder aus; es tut nicht gut, sich von dem Boden loszureißen, dem man a n g e h ö r t." Das moderne Judentum, das heute glücklicherweise keine Rücksicht m|ehr zu nehmen braucht auf den Druck gewisser öffentlicher Stimmungen, die der ungarische Minister Wekerle bei Erörterung des gleichen Themas schon vor vielen Jahren als „vergänglich" mit einer verächtlichen Geste beiseite geschoben hat. mit dem treffenden Zusatz: „Es ist zu befürchten, daß der plötzliche Gedanke, der übereilte Entschluß, die unüberlegte Handlung später einmal aus dem Uebergetretenen einen schlechteren mehr wird ihm zuteil, als daß ihn Israel dreißig Tage beweinte. Das ist das Los des Friedensfürsten. Ruhm dem Kriegshelden, Tränen dem Manne des Friedens! Ein solcher war Ahron, und die alten Weisen wissen zu berichten, in welch gewinnender Weise er für diesen edlen Zweck tätig war. Wenn er seines Weges gingt, so sagen sie, und einem unfrommen, sündhaften Menschen begegnete, begrüßte er ihn und redete mit ihm freundlich; dadurch fühlte sich jeder Sünder Ahron verpflichtet: und wenn er wieder sündigen und vom Wege Gottes abweichen wollte, sprach er zu sich: wie werde ich Ahron unter die Augen treten können, wenn ich sündige, hielt sich vom bösen Wandel ferne und? wunde gut. In dem Satze, der seinen Tod berichtet, steht zweimal das Wort „ganz". Das eine Mal heißt es: „Die ganze Gemeinde sah, daß Ahron verschieden war" und das andere Mal: „ es beweinte Ahron das g)anze Haus Israel". Für dieses zweite, eigentlich überflüssige Wort geben die Alten die Erklärung, es besage: „Männer und Frauen", weil Ahron in streitende Familien, unfriedliche Ehen und Parteien Frieden brachte. Aber das schönste Zeugnis hat Hillel der Friedensliebe Ahrons ausgestellt als er sagte: „Sei von den Jüngern Ahrons, liebe den Frieden und strebe ihn an!" An den Tod Ahrons knüpft die Tora unmittelbar den Bericht vom Kampfe des Kananiters an, was die Erklärer der Schrift zur Bemerkung veranlaßt©: „Dar Kananiter hörte, daß Ahrora gestorben war, da kämpfte er wider Israel". Mit dem Tode des Friedenshelden setzte auch wieder die Macht des Kampfes ein. So viel vermag ein Mann, der wahrhaft für den Frieden lebt und strebt, daß er den Kampf aufhält. Darum hatte Israel allen Grund, Ahrons Tod zu beweinen. Denn auch den Wert des Friedens weiß man erst zu schätzen, wenn er gestört ist, und der Krieg seinen unseligen Ruhm mit greifbarer Wirklichkeit vor Augen führt. Würde die Menschheit mehr um die Friedenshelden weinen, es brauchten weniger Mütter und Väter um ihre Söhne, Gattinnen um Gatten, Bräute um die Verlobten weinen und klagen. Ahron hat man kein Denkmal und keine Büste aufgestellt — er war ja

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